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Full text of "Die Geschichte der fränkischen Könige Childerich und Chlodovech, kritisch untersucht [microform]"

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NEGA TIVE 
NO. 92-80639-12 



MICROFILMED 1 992 
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AU THOR: 



JUNGHANS, WILHELM 



TITLE: 



GESCHICHTE DER 
FRANKISCHEN KONIGE 

PLACE: 

GOTTINGEN 

DA TE : 

1857 



COLUMBIA UNIVERSITY LIBRARIES 
PRESERVATION DEPARTMENT 



Master Negative # 



Restrictions on Use: 



BIBLIOGRAPHIC MICROFORM TARGET 



Original Material as Filmed - Existing Bibliographie Record 



. 943.02 
|J95 



Junghans, Wilhelm, 183^1865. 

Die geschieht« der fränkischen könige Childerich und Chlo- 
dovech, kritisch untersucht von Wilhehn Junghans ... Göt- 
tingen, Vandenhoeck und Ruprecht, 1857. 

152 p. 21-. 



1. Eranks— Ilist.— To 768. 2. C^ilderIc i, king of the Franks, d. 481. 
3. Clovls, king of the Franks, 466-511. 



Library of Congress 



{Füll name: Karl August Wilhelm Junghansj 

24—14245 
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Silver Spring, Maryland 20910 

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DIE GESCHICHTE 



DER 



F R Ä N K I S C H E X K Ö N 1 (} E 



CHILDERICH und CHLODOVECH, 



KlüTISCH UNTEKSÜCHT 



VON 



WILHELM JUNGHANS 

Dr. piiiL. 



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GÖTTINGEN, 

YAMDENHOECK UND RUPRECHt's VERLAG. 

1857. 



1 



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HERRN PROFESSOR 



GEORG WAITZ 



IN DANKBARER VEREHRUNG GEWIDMET. 



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343185 



Unter allen Gründungen deutscher Reiche auf rümischem 
Boden während der ersten Jahrhunderte unserer Zeitrechnung ist 
die des fränkischen Reiches die bedeutendste. Hier gelang 
eine vollständige und gleichmässige Verschmelzung des Römi- 
schen und Germjmischen ; hier gelang unter dem Einflüsse des 
Christenthumes die Ausbildung eines Reiches, dessen Geschichte 
für Europa von weitgreifendem Einflüsse war. Es ist Ghlodo- 
vech, der König eines Theiles der salischen Franken, dem diese 
Gründung gelingt; mit ihm beginnt die Geschichte des frän- 
kischen Reiches in Gallien. lieber die Zeiten vor ihm sind 
wir nur sehr unvollkommen unterrichtet. Sicherere Kunde frei- 
lich haben wir über die ältesten Zustände der salischen 
Franken aus dem salischen Gesetze, doch über die äussere 
Geschichte des Stammes wissen wir nur, dass er, nachdem er 
unter Julian in Toxandrien feste Wohnsitze gewonnen , all- 
mählich sich weiter nach Süden ausbreitete, bis Chlojo, Gam- 
brai und die Gebiete bis zur Somme durch Waffengewalt er- 
oberte. Erst für die Zeiten von Ghlodovechs Vater und Vor- 
gänger in der Herrschaft Childerich sind unsere Quellen rei- 
cher an Nachrichten; mit ihm beginnen wir unsere Untersu- 
chungen. 



Die sagenhaften und geschichtlichen Tleberlieferungen 

über Childerich. 

Unsere Hauptquelle Gregor i) nennt Childerich den Sohn 
Merovechs, welcher nach einigen Nachrichten zu Ghlojos Ge- 
schlecht gehörte : er war sonach ein Mitglied jener ersten und 



M Gregor von Tours in der Historia eccl. Francorum 11,9. De huius 
(Chlogionis) slirpe quidam Merovechum regem fuisse adserunt , cuius 
Tuit filius Childericus. 



6 



adlicheren Familie '), aus welcher die salischen Franken, nach- 
dem sie den Rhein überschritten, ihre Könige wählten. 

Unsere Nachrichten über Ghilderichs Leben und Thaten in 
den fränkischen Quellen, Gregor, den Gesta regum Francorum, 
sodann der sogenannten Historia epitomata Fredegars 2) zerfallen 
in zwei Hauptmassen von durchaus verschiedenem Gharacter: 
einen weitläuftigeren Bericht über die Anfänge seiner Regierung 
und kurze, anscheinend zusammenhangslose Notizen über Ereig- 
nisse, welche man, da sie später berichtet werden, auch auf 
eine spätere Zeit beziehen wird. Diese beiden Hauptmassen 
unterscheiden sich auch in Bezug auf das Verhältnis der späteren 
Quellen zu Gregor. Während dieselben bei der ersten reich- 
haltiger sind als Gregor , fügen sie bei der zweiten Nichts 
hinzu, sie lassen Einzelnes weg, oder verändern die Ordnung, 
in welcher Gregor die Ereignisse berichtet. Dies Verhältnis 
ist wichtig für die Kritik. 

Wir wenden uns zur ersten Hauptmasse. Gregor erzählt 
folgendermassen 3) : ,jDa Ghilderich über das Frankenvolk 
herrschte, begann er, unmässiger Wollust ergeben, die Fran- 
kentöchter zu schänden. Die Franken, aufgebracht darüber, 
stossen ihn vom Throne. Da er aber erfahren, dass sie ihn 
sogar töten wollten, eilte er nach dem Thoringerlande ; er lässt 
daheim einen vertrauten Freund zurück, damit er mit milden 
Worten die Gemüther der aufgebrachten Männer besänftige. 
Er giebt ihm ein Zeichen an, um zu wissen, wann er in sein 
Vaterland zurückkehren könne : sie Iheilten nämlich zusam- 
men ein Goldstück , den einen Theil nahm Ghilderich mit sich, 
den andern behielt Ghilderichs Freund. „Wenn ich dir*S 
sagte er, „diesen Theil sende, und beide Theile verbunden 
ein Goldstück ausmachen, dann kannst du unbesorgt in dein 
Vaterland zurückkehren." So ging er denn von dannen 
nach dem Thoringerlande und hielt sich dort beim Könige 



I 



1) de prima et ut ita dicam nobiiiori suorum familia, wie Gregor 
II, 9 sagt. 

^) Bei Bouquet rerum Gall. et Francic. Scriptores 11 ; Rorico, Aimoin 
und die Chroniques de St. Denis kommen nalUriich nicht in Betracht, b. 
Bouquet a. a. 0. III. 

•*) Greg. II, 12; ich folge fast überall Löbell, Gregor von Tourj» und 
seine Zeit p. 334. 



Bisinus und seiner Gattin Basina verborgen. Die Franken 
wählen nach Ghilderichs Entthronung Aegidius , den vom rö- 
mischen Staate gesandten Heermeister i) einstimmig zum 
Könige. Als dieser im achten Jahre über die Franken herrscht, 
sendet jener treue Freund, nachdem er die Franken heimlich 
versöhnt hat, Boten zu Ghilderich mit der Hälfte des zertheil- 
ten Goldstückes , welche er zurückbehalten. Als so Ghilderich 
ein sicheres Zeichen sah, dass er von den Franken zurück- 
gewünscht werde, zumal da die Franken auch selbst baten, 
kehrte er vom Thoringerlande zurück und ward in sein 
Reich wiedereingesetzt. Da diese nun zusammen herrschten "), 
kam jene Basina, von welcher oben gesprochen ward, nach- 
dem sie ihren Mann verlassen, zum Ghilderich. Als dieser 
besorgt fragte , weshalb sie aus so weiter Entfernung 3) zu 
ihm komme, soll sie geantwortet haben: „Ich habe deine 
Tüchtigkeit erkannt, dass du sehr rüstig bist. Deshalb bin 
ich hergekommen, um mit dir zusammenzuleben; denn wisse, 
wenn ich jenseits des Meeres Jemanden kennte , tüchtiger als 
du bist, so würde ich gewiss nach der Verbindung mit ihm 
gestrebt haben." Ghilderich nahm sie fröhlich auf und ver- 
band sie sich als Weib. Sie empfing und gebar einen Sohn 
und nannte seinen Namen Ghlodovech. Dieser war gewaltig 
und ein ausgezeichneter Kämpfer." 

Für unsere beiden späteren Quellen die Gesta und die Histo- 
ria epitomata bildet Gregors Bericht die Grundlage % Die Hand- 
lung entwickelt sich auch hier nach den vier Hauptmomenten, 
Entthronung und Flucht, Aufenthalt in der Fremde und Ver- 
hältnisse daheim, Rückkehr, Vermählung und Geburt Ghlodo- 
vechs. Allein es finden sich in der Ausführung des Einzelnen, 
wie in der Auffassung des Ganzen, so bedeutende Abweichun- 
gen von Gregor, dass wir beide Berichte neben ihm als 



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») So darf man doch wohl „magister militum" übersetzen. 

2) Bis ergo regnantibus simul, Basina . . relicto viro suo ad 
Childericum veoit. Löbell p 542 hat mit Recht die regnanles als Ghil- 
derich und BiSinus, nicht als Ghilderich und Aegidiu» gefasst, wie noch 
Giesebrecht in der üeberselzung Gregors I, p. 73. n. 5. 

3) de lanta regione ; Löbell übersetzt „aus einem so grossen Reiche." 
*) Siehe die üebersicht des Inhaltes im Anhange. 



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selbstäudig anerkennen müssen. In beiden tritt uns i^rössere 
Ausführlichkeit entgegen, am meisten in der Historia epitomata, 
weniger in den Gesta. Diese schliessen sich im Ganzen noch 
sehr eng an Gregor an: die sachlichen Abweichungen sind 
nicht sehr bedeutend, oft stimmt auch die Form wörtHch mit 
Gregor überein. Doch zeigen sich trotzdem EigenthümHchkei- 
len in Form und Auffassung : das epische Element kommt zur 
Geltung in Reden und Gegenreden, in überlegter Wahl der 
Epitheta i); es zeigt sich ein Streben, zu individualisiren. bei 
Gregor ünverbundenes zu motiviren und verknüpfen 2) ; eine 
gewisse Neigung zu moralisiren 3) . Abneigung gegen die Rö- 
mer treten unverkennbar hervor 4). 

Der Rericht der Historia epitomata bietet nicht so cha- 
racterislische Eigenthümlichkeiten. Die sachlichen Abweichun- 
gen von Gregor sind zahlreicher, die Ausführung des Einzel- 
nen, bei Gregor nur Angedeutelen ist glcichmässiger, überleg- 
ter als in den Gesta , und daher ist die Darstellung abgerun- 
deter, einheitlicher geworden. Eine nicht unbedeutende Kunst 
tritt auch in der Motivirung hervor. Das qusche Element ge- 
winnt hier seine volle Ausbildung in Reden und Gegenreden. 
Ein poetisches Moment von grosser Schönheit und Kraft ist 
die Vision, welche Ghilderich als Begründer des neuen Königs- 
hauses in der keusch verlebten Flochzeitsnacht das tragische 
Geschick seines Geschlechtes, nach einer kurzen Zeit des Glan- 
zes tiefer und tiefer zu sinken, vorher verkündet. Bemerkens- 
werth ist, dass das Auge der burgundischen Quelle sich nach 
<lem fernen Osten, nach Gonstanlinopel richtet: freilich ist die 



i 
4 



') Childerich als „ulilis atqiie strenuus" dem Aegidius als „cru- 
delis, iratiis atque superbus" gegenübergestellt. 

'^) Wenn Ghilderich im Thoringoriande mit Basina Ehebruch treibt, 
so dient dies, zu erklären, weshalb sie ihren iMann verlässl und Ghilderich 
folgl. In eben diesem Sinne wird auch Wiomads Thiitigkeit, die Franken 
zu versöhnen, hervorgehoben und Aegidius Entthronung hinzugefügt; 
durch beides wird Ghilderichs Rückkehr möglich. 

^) tenentes consilium non bonum nimisque inutile atque absurdum ; — 
sine consilio hoc fecistis , non bene sed male hoc egistis — als ür- 
Iheile über Ghilderichs Entthronung. 

*) siehe n. 1 ; dann Wiomads Worte „non reminiscimini nee rccorda- 
tis qualiter cjecorunt Romani gentem vestram de terra eorum"? 



9 

Bekanntschaft mit den dortigen Verhältnissen nur eine unvoll- 
kommene 1). 

Es wird die Frage entstehen, dürfen wir diese beiden Be- 
richte als willkommenes historisches Material zur Ergänzung 
von Gregors einfacherem Berichte benutzen 2) ? Die Antwort 
kann nur nein sein. Die beiden Quellen spinnen mehr aus, 
als dass sie ergänzen; was Neues hinzugefügt wird, trägt durch- 
aus den Character des Unhistorischen an sich 3). Wir sehen 
sie also an als freiere, poetische Fortbildungen des bei Gregor 
überiieferten Stoffes. Die Schriftsteller der Historia epitomata 
und der Gesta mögen immerhin ihren Berichten die Form gege- 
ben haben , in welcher wir sie bei ihnen finden : doch leidet 
es bei dem Character derselben wohl keinen Zweifel, dass sie 
im Ganzen der Volksüberlieferung ihrer Zeit über diese Vor- 
gänge gefolgt sind, dass also dieser, was wir als Fortbildung 
und Abweichung Gregor gegenüber bezeichneten, angehört. 

Für die Kritik Gregors kommen daher diese beiden Berichte 
nicht in Betracht: er muss aus sich selbst beurtheilt werden. 
Es fragt sich, dürfen wir seinen Bericht*) als einen streng 
historischen ansehen? Formale und sachliche, Gründe sind da- 
gegen. Was die sachlichen Gründe betrifft, so darf man nicht 
verkennen, dass sich bedeutende ünwahrscheinlichkeiten finden, 
.ledenfalls hat es etwas sehr Befremdendes, dass die Franken 
den Römer Aegidius zu ihrem Könige machten. Das ist ge- 
gen alle deutsche Sitte und bis jetzt genügend noch nicht er- 
klärt 5). Weshalb zogen es die Franken nicht vor, einen an- 



•) s. im Anhang. 

") Fauriels Ansicht Histoire de la Gai^lemeridionale I, 273, Gre- 
gor habe ausgeführtere Berichte auf das Mass dessen beschränkt, was 
er gebe, steht in der Luft. 

^) Petigny 6tudes sur l' cpoque merovingienne II, 169 ff. 195 ff. 
hat viel aus diesen spätem Beriehten aufgenommen. 

*) Gregor selbst gebraucht einmal „fertur", er stellt sich also mit 
Bewusstsein seiner Quelle gegenüber. 

5) Fauriel I, 275 meint, so viel sei Aegidius Ränken gelungen; Löbell 
p.538 lässt nach Vertreibung des Ghilderich die Franken ohne König dem 
Aegidius sich anschliessen, welcher so als Anführer der Franken fast wie 
ihr König erschienen sei. Ob man in dieser Weise die Quelle umdeu- 
ten darf, unterliegt doch Bedenken. 



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deren König aus der kÖniglichenFamilie zu nehmen: wussten 
sie, dass Childerich so bald zurückkehren werde ? Childerichs 
Rückkehr selbst, nachdem die Franken besänftigt sind, erklärt 
sich nicht so leicht »), auch Basinas mit Childerichs Aufent- 
halt im Thoringerlande verknüpfte Ankunft trägt nicht den 
Charakter eines geschichtlichen Ereignisses an sich. Frei- 
lich wird man diese Bedenken für subjectiv erklären können 
und für ungenügend , zu erweisen , dass Gregor hier einer 
Quelle folge, welche zu den historischen nicht zu rechnen sei. 
Doch treten formale Kennzeichen des sagenhaften Berichtes 
hinzu. Wir finden auch hier epische Breite , Eingehen ins 
Einzelne, ausgeführte Heden, jene characteristischen Eigenthüm- 
lichkeiten, welche wir an den späteren, unter dem Einflüsse 
der Volksüberlieferung ausgebildeten Quellen bemerkten. Und 
diese EigenthümUchkeiten müssen bei diesem Theile unse- 
rer Ueberlieferungen über Childerich um so mehr aulTallen, 
als die zweite Hauptmasse sie nicht theilt. Hier Unbestimmt- 
heit, aber Verweilen beim persönlichen Verhältnisse, wie es 
die Sage liebt, dort die äussere Begebenheit in scharfen, kur- 
zen Umrissen ohne alle Ausführung 2). Es unterliegt also wohl 
keinem Zweifel , auch Gregor hat hier aus einem alten Liede 
geschöpft, wie es zu seiner Zeit im Munde des Volkes lebte 3). 
Die lateinische Form hatdiechfirakteristischen EigenlhümHchkeiten 
nicht verwischen können. Das Lied schliesst ab mit Chlodovechs 
Geburt, mit einer Hinweisung auf seinen künftigen Ruhm ^) : 
so werden wir nicht irren, wenn wir Gregors Bericht als ein 
zu seiner Zeit im Munde des fränkischen Volkes lebendes Lied 
über Chlodovechs Geburt autfassen. Gregor hat es, ohne eben 



') Fauriel I, 2^{) hat oine irgend welchen Anhalt Childerichs Ilück- 
kebr und das Vordringen der ripuarischen Franken gegen Trier combi- 
nirt; Löbell p. 541 begnügt sich zu sagen, der Zustand sei unhaltbar ge- 
worden. — Die spätem Berichte lassen Kämpfe mit Aegidius eintreten, oder 
Aegidius von den Franken entthront werden. 

*) Löbell p. 538. 

^) Waitz , deutsche Verfassungeschichte 11 , 38. n. 4 ; ähnlich Gie- 
sebrecht a. a. 0. p. 74. n. L, auch Luden 11, 446 meinte schon, Gregor 
sei „Sagen und Märchen** gefolgt. 

*) Hie (Chlodovechus) fuit magnus et pugnator egregius. Dies bil- 
det, abgesehen von kleinen Abweichungen, in allen spätem Berichten 
namentlich in der Hist. epit. und den Gesla ebenfalls den Schluss. 



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Kritik zu üben, aufgenommen; er sammelte seinen Stoff, wo er 
ihn fand. Nun unterliegt es aber keinem Zweifel, dass die alt- 
deutsche Religion und Mythologie auf die Ausbildung solcher 
Lieder Einfluss übten, und daher muss Gregors Bericht, der 
fränkischen Volkssage seiner Zeit entnommen, auch nach den 
Grundsätzen der Sagenkritik geprüft sein, bevor wir seinen 
Inhalt ganz, oder zum Theil in die Geschichte aufnehmen. 

Die Erzählung von der Flucht und Rückkehr Childerichs 
hat in mehreren Puncten grosse AehnUchkeit mit einer Reihe 
von UeberHeferungen, welche sich in allen Gegenden Deutsch- 
lands im Volksmunde erhalten haben und als ein Wuotans- 
mythus erkannt sind, welcher an bedeutende geschichtliche 
Persönlichkeiten, gefeierte Könige, Fürsten und Helden beson- 
ders gern noch in verhältnismässig später Zeit angeknüpft ist »). 
Freilich das in den meisten der bezeichneten Ueberlieferungen 
hervortretende und für den Wuotansmythus characteristische 
Moment, dass der in den Osten fahrende Held oder König ver- 
heirathet ist, dass in seiner Abwesenheit sein Weib mit einem 
andern buhlt, fehlt hier. Doch auch hier fährt Childerich 
vertrieben in den Osten ins Thoringerland «):' während seiner 
Abwesenheit herrscht ein Anderer 3). Acht Jahre ist Childe- 
derich abwesend; dann kehrt er zurück, gerufen von einem 
Freunde. Das Symbol des getheilten Goldstückes spielt im 
wesentlichen hier dieselbe Rolle, wie in den bezeichneten 
Ueberlieferungen der getheilte Ring. Was den zweiten Theil 
des Liedes, die Vermählung mit der Basina anlangt, so kann 
man zweifeln, ob man sie mit der Wiedervereinigung des zu- 
rückgekehrten Helden und seiner Gattin, von welcher derselbe 



') Müller die Fahrt in den Osten, in Schambach und Müller nieder- 
sächs. Sagen und Märchen p. 389 ff. 

■^) Meint das Lied die Thoringer am westlichen Rheinufer, so flieht 
Childerich von Tournai aus nach Nordosten, vgl. Waitz, das alte Recht 
der sal. Franken p. 48 ff. Man sieht, dass Childerichs Aufenthalt im 
fernen Constantinopel in der Historia epitomata ganz im Geiste der Sage 

gedichtet ist. 

^) Dass dies in der Sage Aegidius ist, kann nicht auffällen, da die 
salischen Franken Childerichs in jener Zeit unter römischer Hobheit stan- 
den. Die Erinnerung daran ist eben in diesem Zuge unseres Liedes er- 
halten, vgl. Giesebrecht a. a. 0. I, 73. n. 4. 



n 



13 



getieont gewesen, zusaniinenstelleü darf. Dass die Ehe auch 
an und für sich nicht allein im Liede von Chlodovechs Geburt 
ihre Bedeutung hat, beweist die Historia epitomata, wo jene Vi- 
sion sich anknüpft. Ob grade ein Wuotansmythus auch hier an 
geschichtliche Personen und Verhaltnisse sich angelehnt hat, 
zu untersuchen, ist jetzt der Ort nicht. Es genügt für unseren 
Zweck, darauf hingewiesen zu haben, dass was wir vorn histo- 
rischen Standpuncte aus als unwahrscheinlich, ungeschichtlich 
bezeichnen mussten, für die Sage volle Berechtigung gewinnt, 
und in ihr eine Erklärung findet. 

In der Geschichte kann also dieser erste Theil unserer 
üeberlieferungen von Ghilderich auch nicht einmal in dem 
Umfange Berücksichtigung finden , wie es bei vorsichtigeren 
Forschern geschehen ist. Die Vertreibung und Rückkehr Chil- 
derichs, das Königthum des Aegidius gehören der beglaubig- 
ten Geschichte nicht an. Auch das Verhältniss Childerichs zum 
Thoringerkönige Bisinus, welcher in der That eine geschicht- 
liche Person zu sein scheint '), bleibt dunkel; ebenso wenig 
können wir sagen, auf welche Weise Basina Childerichs Weib, 
Chlodovechs Mutter geworden ist. Denn, dass die Basina, von 
welcher das Lied spricht, wirklich Chlodovechs Mutter ist, be- 
zweifeln wir nicht; es ist undenkbar, dass, wenn der Na- 
me einmal überliefert ward, ein falscher Name eindrang, und 
ebenso undenkbar, dass man schon zu Gregors Zeiten den 
Namen von Chlodovechs Mutter nicht mehr gewusst haben 
sollte. 

Wir kommen zum zweiten Theile unserer Üeberlieferungen 
von Ghilderich 2). Gregor folgt hier offenbar römischen Quel- 
len. Die Kürze und Präcision, mit welcher die einzelnen Er- 



') Die V. Radegundis Acta SS. Ord. S. Bened. saec. I. p. 319. 
(Bouquet a. a. 0. III. p. 45(>^ nennt einen König Basinus als Grossva- 
ter der Radegundis, welche Chlodovechs Sohn Chlothar heiratete. Bea- 
tissiroa igitur Radegundis, natione barbara , de regione Thoringa avo 
rege Bassino . patruo Hertnenfrido , patre rege Berethario. — Auch das 
Edictura Rotharis regis bei Neigebauer Edicta regum Langobardorum p. 2. 
c. 5 erwähnt einen König des Namens: Wacho habuit uxores tres, una 
Ratecunda filia Pisen regis Thuringorum. 

*) Greg. II, 18.19. Die Hist. epit. hat Gregor arg verstümmelt; die 
Gestu ^eben Gregor ebenfalls nicht genau wieder. 



i 



eignisse hervorgehoben werden , stimmen ganz überein mit 
dem Stile der lateinischen Annalen dieser Zeit. Solchen Quel- 
len entlehnt Gregor seine Nachrichten wörtlich, wie es scheint ^); 
leider hat er die Angaben der Jahre weggelassen 2). Planlos 
sind die Nachrichten nicht zusanimengestellt, wir können drei 
grössere Abschnitte unterscheiden, welche durch das Fehlen je- 
der Verbindungspartikel oder sonstigen Anknüpfung deutlich be- 
zeichnet sind 3). So behandeln wir jeden dieser Abschnitte für sich. 
Der erste Abschnitt "*) zerfällt in Ereignisse vor und nach 
Aegidius Tode, welcher im Jahre 464 erfolgte 5). Bei Gregor 
wird zuerst ein Kampf Childefrichs bei Orleans erwähnt. Eine 
nähere Bestimmung ergiebt sich aus zwei von einander unab- 
hängigen Berichten lateinischer Annalisten über Ereignisse des 
Jahres 463 6). Sie berichten von einem Zuge der Westgothen 
unter Friederich, dem Bruder des westgothischen Königs Theo- 
derich, gegen Aegidius, in welchem Friederich Sieg und Leben 
verliert. Dieses Zusammentreffen fand nach der einen Quelle 
statt in der armorikanischen Provinz; die andre giebt genauer 
Orleans als den Ort an, welches zur armorikanischen Provinz 
gehört. Ein anderes Ereigniss kann hier Gregor schwerlich 
im Auge haben '). Freilich wissen wir nicht, ob Ghilderich 



') Löbell p. 544 billigt Dubos Ansicht , Inhaltsanzeigen seien hier 
aneinandergereiht, doch diese Annahme ist nicht nothwendig. Heber die 
Erklärung s. auch Giesebrecht a. a. 0. I, 77. 

2) Ein Rest ist wohl c. 19 Eo anno mense nono . . . 

^) Die Anfangsworte der drei Abschnitte sind : Igitur Childericus . . ., 
Britanni de Biturica . . . , Adovacrius cum Childerico .... 

*) Igitur Childericus Aurelianis pugnas egit. Adovacrius vero cum 
Saxonibus Andegavos venil. Magna tunc lues populum devastavit. Mor- 
tuus est autem Aegidius et reliquit filium, Syagrium nomine. Quo de- 
functo, Adovacrius de Andegavis et aliis locis. obsides accepit. 

^) Idatius bei Roncallius vetustiora Latinorum Chronica 11, p. 49 Ae- 
gidius moritur alii dicunt insidiis, alii veneno deceptus. 

'*) Idatius bei Roncallius II, p. 47. Adversus Aegidium comitem utri- 
usque militiae, virum ut fama commendat Deo bonis operibus complacen- 
lem, in Armoricana provincia Fretericus trater Theuderici regis insurgens, 
cum his cum quibus fuerat superatus occiditur. 

Marius bei Roncallius II, p. 403 Basilio et Bibiano (463). His 
coss. pugna facta est inter Aegidium et Gothos inter Ligere et Ligeri- 
cinum iuxta Aurelianis ibique interfectus est Fredericus rex Gothorum. 

') Darauf hat Dubos, histoire critique de l'^tablissement de la mo- 



nnni-i 



II' 



M 



14 



als Feind oder als Freund der Römer bei Orleans erschien '), 
doch ist das Letzlere wahrscheinlicher 2). Ghilderich kämpfte 
also zu Orleans als Bundesgenosse des Aegidius siegreich ge- 
gen die Westgothen. 

Als ein gleichzeitiges Ereignis wird die Ankunft von Sach- 
sen unter Adovakrius 3) vor Angers genannt. Ob sie zu Lande, 
oder zur See kamen , wissen wir nicht 4). Angers liegt an 
der Mündung eines Nebenflusses der Loire. Bis dahin war 
die Loire für die kleinen Schiffe der Sachsen gewiss tief ge- 
nug. So würde ihr Auftreten in diesen Gegenden in Zusam- 
menhang erscheinen mit der Rolle, welche sie als kühne See- 
fahrer in jener Zeit überhaupt spielen. Gemeinsamkeit des 
Handelns mit den Westgothen lässt sich aus der Gleichzeitig- 
keit ihrer Ankunft mit dem Zuge der Westgothen nicht fol- 
gern 5) : ebenso wenig wissen wir, ob Ricimer, Aegidius Feind, 
den Sachsenführer gegen Aegidius angestiftet hat ^). 

Gregors Quelle erwähnt nun Aegidius Tod, vorher, dass 
eine gewaltige Seuche das Land verheert. Aegidius ward 
durch sie nicht hingerafft: er starb durch hinterlistige Nach- 
stellungen oder Gift '). Er hinterliess einen Sohn mit Namen 
Syagrius, welchen wir späterhin im Besitze von Soissons finden 
werden. Dass Aegidius Tod auf den Stand der Dinge in Gal- 
lien nicht ohne Einfluss bHeb, sehen wir aus den folgenden 
Ereignissen : die Römer müssen w^eichen , wo sie bei Aegidius 
Lebzeiten Widerstand geleistet haben. Der Sachsenführer Ado- 
vakrius empfängt nach Aegidius Tode Geiseln von Angers und 
andern Orten. Diese Nachricht dürfen wir doch unbedenklich 
mit dem Vorigen verbinden : wir sehen, der Sachsenführer er- 
reicht hier seinen Zweck; das Land verlässt er nicht. 



narchie frangalse L. III , 8 zuerst aufmerksam gemacht ; auch Löbell 
p. 545 stimmt bei. 

') feindlich fassen Childerichs Ankunft die Gesta c. 8. ' 

>) Löbell a. a. 0. 

3) Die Hist. epit. nennt ihn rex, die Gesta nennen ihn dux: Gre- 
gors Quelle vermeidet jede Bezeichnung. 

*) Die zweite Auffassung geben die Gesta. 

^) so Dubos a. a. 0. 

^) Löbell p. 545. 

s. oben p. 13. n. 5. 



« 



Im zweiten Abschnitte ») linden wir ein Fortgehen dersel- 
ben Bestrebungen bei Westgothen und Sachsen. Die Westgo- 
then suchen, nach Norden vordrängend , die Loire zur Gränze 
ihres Reiches zu machen; die Sachsen, so scheint es, wollen in 
Anders festen Fuss fassen; beiden Bestrebungen gegenüber 
behaupten sich mit fränkischer Hülfe die Römer. Den West- 
gothen gelingt es, die Britannen aus der Gegend von Bour- 
oes zu vertreiben, viele fallen bei Dole, wo es zum Zusammen- 
treffen kam. Dass diese Britannen aus Armorika, wie es scheint, 
bei Bourges von Anthemius zum Schutze der römischen 
Gränze 12000 an der Zahl unter ihrem Könige Riothimus 
angesiedelt waren, wissen wir aus einer andern Quelle: aus 
derselben erfahren wir, dass Eurich selbst gegen sie siegreich 
kämpfte 2). Gregors Quelle erzählt dann weiter, dass der Graf 
Paulus mit Römern und Franken die Westgothen bekämpft, 
Beute macht. Ghilderich wird bei diesem Unternehmen nicht 
genannt : ob er Antheil nahm , muss ungewiss bleiben 3). Die 
Auffassung des Folgenden ist schwierig; die Worte der Quelle 
lauten : „Da Adovakrius nach Angers kommt, kommt Ghilderich 
am folgenden Tage an und nimmt nach Paulus Tode die Stadt 
ein. An diesem Tage verbrennt das Gemeindehaus *)." Wir 
haben es hier mit einem neuen Versuche der Sachsen gegen 
Angers zu thun. Der Zusammenhang des Ganzen ist, voraus- 
gesetzt, dass das Unternehmen des Paulus gegen die Westgo- 
then und Adovakrius Zug gegen Angers nicht zu weit in der 



') Britanni de Biturica a Gothis expulsi sunt multis apud Dolensem 
\icum peremtis. Paulus vero comes cum Romanis ac Francis Gothis 
bella intulit et praedas egit. Veniente vero Adovacrio Andegavis, Chil- 
dericus rex sequenti die advenit, interemtoque Paulo comite civitatem 
obtinuiU Magno ea die incendio domus ecclesiae concremata est. His 
itaque gestis , inter Saxones atque Romanos bellum gestum est : sed 
Saxones terga vertentes multos de suis, Romanis insequentibus , gladio 
reliquerunt: insulae eorum cum multo populo interemto a Francis captae 
atque subversae sunt. Eo anno mense nono terra tremuit. 

^) Jordanis de rebus Geticis c. 45. 

^) Löbell lasst Ghilderich Antheü nehmen : er scheint dies aus 
dem gemeinsamen Auftreten der Römer unter Paulus und der Franken 
unter Ghilderich bei Angers zu folgern. 

^) üeber die Erklärung der Stelle siehe Löbell p. 547. Auch P6- 
tigny II, 236 stimmt bei. 



16 



Zeit auseinander liegen '), wohl dieser: Adovakrius, welcher 
die romische Macht gegen die Westgothen t)eschäftigt sieht 2). 
zieht gegen Angers, augenscheinhch, um der Stadt sich durch 
einen Handstreich zu bemächtigen. Doch Childerich erscheint 
einen Tag später , auch die Homer unter Paulus sind da ; es 
kdmmt zu einem Zusammentreffen, Graf Paulus fällt gegen die 
Sachsen, Childerich behauptet die Stadt gegen Adovakrius. 
Darauf entsteht nach unserer Quelle Krieg zwischen den Rei- 
ner^ und den Sachsen, die Sachsen wenden sich zur Flucht, 
\oii den Römern verfolgt, viele von ihnen fallen; ihre In- 
seln , deren Lage ungewiss ist 3) , w erden von den Franken 
erobert und unterworfen mit grossem Verluste der Sachsen. 
Auch hier ist Childerich nicht genannt. In diesem Jahre ist 
im Monat September ein Erdbeben. 

Im dritten Abschnitte endlich berichtet Gregor, dass Ado- 
vakrius mit dem Childerich ein fiündnis geschlossen und die 
Alamannen , welche einen Theil Itahens durchzogen hatten, 
unterworfen habe. Diese letzte Nachricht steht ganz ausser 
allem Zusammenhange da *) ; doch haben wir kein Recht sie 
deshalb zu bezweifeln, weil unsere Kenntniss nicht ausreicht, sie 
zu erklären. Die Sachsen unter Adovakrius scheinen danach 
doch in Gallien irgendwie festen Fuss gefasst zu haben. 

So weit reichen Gregors Nachrichten über Childerich. Aus 
der einen Hälfte konnten wir bestimmte historische Kunde nicht 
gewinnen; unschätzbar sind für uns trotz ihrer Vereinzelung 
die Nachrichten, welche die andere Hälfte uns darbietet. Was 
wir für Childerichs Geschichte hier finden, ist Folgendes. Childe- 
rich bekämpft mit Aegidius im Jahre 463 siegreich die Westgo- 
then, er weist den Angriff eines Sachsenhäuptlings auf Angers 
in Verbindung mit einem römischen Heerführer Paulus zurück ; 
nach dem Tode desselben behauptet er im Interesse der Rö- 
mer die Stadt. Endlich unternimmt er gemeinsam mit dem 



') Dieser AufTassuog ist offenbar die Partikel vero günstig. 

*) Löbell bezeichnet Adovakrius als Bundesgenossen der Westgothen. 

3) Löbell p. 548 denkt an die Veneticae insulae an der Südküste 
der Bretagne. Man könnte auch an Inseln in der Loiremündung denken. 

*) Luden II, 599 freilich hält unsern Adovakrius für denselben 
Odovakar , welcher dem römischen Reich ein Ende machte ; Dubos III, 
16 verliert sich in anmuthigen Phantasieen. 



17 

Sachsenhäuptling einen Zug gegen die Alamannen. Franken 
finden wir ausserdem noch einmal mit Römern gemeinschafthch 
unter jenem römischen Führer Paulus gegen die Westgothen 
beschäftigt: allein unterwerfen sie die Inseln der Sachsen, als 
schon die Römer über die Sachsen, ohne Zweifel dieselben, de- 
nen Childerich bei Angers entgegen trat, einen Sieg errungen 
haben. In den beiden letzten Fällen ist Childerichs Theilnahme 
nicht erwähnt. 

So bietet Childerich in den Landen nördüch der Loi-? 
dem sinkenden Römerthume hülfreiche Hand gegen die An- 
griffe von Deutschen : er allein erscheint als ein Freund des Rö- 
merthums. Daher dürfen wir uns auch nicht wundern, wenn 
Childerich, der heidnische Frankenkönig, der katholischen Re- 
ligion eher freundlich, als feindlich gegenüber steht. Ein Hei- 
ligenleben •) rühmt die Ehrfurcht, welche er einer gottgeweih- 
ten Jungfrau, der Genovefa, erwiesen. Einst habe er, um zu 
verhindern, dass Genovefa Gefangene, denen er den Tod be- 
stimmt, ihm entreisse, herausziehend aus der Stadt Paris die 
Thore schliessen lassen. Doch Genovefa erfährt die Absicht 
des Königs: sie eilt, die Gefangenen dem Tode zu entreissen. 
Das Stadtthor öffnet sich ihr: sie erlangt beim Könige ihre 
Absicht. Wenn uns diese Nachricht schon ein gutes Einver- 
nehmen mit der kathoHschen Religion zeigt, so beweist uns 
eine andere Nachricht noch mehr 2). In der Umgegend von 
Langres hat sicli der Schrecken des fränkischen Namens ver- 
breitet, alle wünschen sehnlich, ihnen möge die Herrscliaft zu- 
fallen. Dass man hier an die safischen Franken Childerichs 
zu denken hat, unteriiegt wohl keinem Zweifel. Kathofische 



') V. Genovefae Bouquel III, 370. Cum esset insignis Hildericus, 
Francorum rex, veneralionem qua eam dilexit effari nequeo; adeo ul 
vice quadarn . ne vinclos quos inleriniere cogitabal Genovefa abriperet, 
egrediens iirbem Parisiorum portam elaudi praecepent. At ubi ad Ge- 
novefam per (idum internuntium regis deliberatio pervenit, confestim 
ad liberandas animas proporans . iter direxit. Non minimum admirantis 
populi fuit speclaculum quemadmodum se porla civitatis inter raanus 
eius sine clave reseravit. .Sicque regem consecuta, ne vinctorum capita 
amputarentur, obtinuit. 

*) Greg. II, 2:^ Interea cum iam lerror Francorum resonaret in his 
partibus, et omnes pos amore desiderabili cuperent regnare. 



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Romanen unter der Herrschaft eines arianischen Burgunderkö- 
nigs wenden ihre Blicke auf das deutsche Volk, welches dem 
von allen Seiten bedrängten Römerthume Hülfe geboten 
hatte. 

So sehen wir hier einen deutschen König in freundschaft- 
lichen Beziehungen zu den Römern in Gallien. Es unterliegt 
keinem Zweifel , dass diese Verbindung für Childerichs Stellung 
von entscheidendem Einflüsse gew esen ist , doch muss man 
sich hüten, ihre Bedeutung zu überschätzen. Es ist die An- 
sicht aufgestellt •), nicht auf dem salischen Volkskönigthum be- 
ruhe König Childerichs Macht, sondern auf dem Verhältnis, in 
das Childerich zum Aegidius getreten sei. Früher der Aelteste 
eines unbedeutenden deutschen Stammes, habe er im römi- 
schen Dienste, als römischer Heeresfürst die Form gefunden, 
von überall her herbeiströmende Genossen im Zaume zu 
halten. Wenn auch gerade kein zusammenhängendes Terri- 
torium oder Landabtretung in der Form der Hospitalität, so 
doch eine Station unter römischer Hoheit in den Landen nörd- 
lich der Loire 2) habe Childerich erlangt. 

Was wir von Childerich wissen, reicht nicht aus, diese 
Annahme zu beweisen. Als Bundesgenosse der römischen 
Befehlshaber in den Gegenden nördlich der Loire, nicht als 
römischer Beamter mit der Vertheidigung eines weiten Bezir- 
kes beauftragt, bekämpft er Westgothen und Sachsen; Angers 
besetzt er nach dem Tode des römischen Feldherrn im Interesse 
der RÖhier: dass er die Stadt dauernd besetzt gehalten, wis- 
sen wir nicht. Wenn Childerich nach der Heiligengeschichte 
einmal bei seiner Anwesenheit in Paris offenbar auf einem 
seiner Züge, welche ihn in jene Gegenden führten, die Thore 
der Stadt schliessen lässt, so kann man daraus so wenig auf eine 
amtliche, wie auf eine dauernde Machtstellung des fränkischen 
Königs in jenen Gegenden schliessen. Wie endUch der Wunsch 
der Bewohner von Langres, die Franken möchten anstatt der 
burgundischen Arianer herrschen, zum Beweise dienen soll. 



*) Sybel, Entstehung des deutschen Königtbums p. 179 — 184. 

'') Leo Vorlesungen über deutsche Geschichte I, 313 IT. meint, sie 
habe das Land zwischen Loire und Seine ostlich bis zur burgundischen 
Qrttnze umfasit. 



dass Childerich bereits in benachbarten Gauen seine Herrscher- 
fähigkeit gezeigt, begreift man nicht i). 

Eben so wenig aber findet eine ältere Ansicht, Childerich 
habe nach Aegidius Tode das Amt des magister militum, wel- 
ches allerdings auf Aegidius Sohn nicht übergegangen ist, 
verwaltet, eine Bestätigung in unseren Quellen. Diese Ansiebt 
konnte nur entstehen, da man annahm, Chlodovech. Childerichs 
Sohn, habe dieses Amt verwaltet : doch diese Annahme ist eine 
irrige '^). So lässt sich also aus Childerichs Auftreten in dem noch 
römischen Theile Galliens, so weit wir dieses erkennen können, 
nicht beweisen, dass seine Macht auf römischen Grundlagen 
beruhe. Für jeden Unbefangenen muss vielmehr im Gegensatz 
zu dieser Auffassung das Gaukönigthum als Grundlage von 
Childerichs Macht erscheinen. Freilich umfasste dasselbe nicht 
so grosse Strecken, wie jene Station unter römischer Oberhoheit, 
mit der man Childerich ausstatten möchte; ja es ergiebt sich 
aus der Geschichte Chlodovechs ^), dass in den Gebieten, wel- 
che die salischen Franken eingenommen hatten, mehrere Gau- 
königthümer bestanden. Dass der Sitz Childerichs Tournai 
war, wissen wir, seitdem dort sein Grab aufgefunden worden 
ist 4). Hier in den Gegenden , welche im Laufe der Zeit die 
zweite Heimat seines Stammes geworden waren, herrschte Chil- 
derich als König s) ; denn dass zu seiner Zeit das Königthum 
noch einmal mit der Herrschaft der Volksgemeinde abgewech- 
selt, lässt sich nicht erweisen 6), da die UeberHeferungen über 
Childerichs Vertreibung und Flucht der beglaubigten Geschichte 
nicht angehören. Für Childerich ist das Gaukönigthum der 
feste Stülzpunct für alle seine Unternehmungen, zu denen er 
Franken auch aus den ihm nicht unmittelbar untergebenen 
Gebieten vereinigen mochte. An ihrer Spitze betheiligte er sich 
an den Kämpfen und Bewegungen, welche damals Galhen er- 
schütterten. Er stand hier zu den römischen Befehlshabern 



') vgl. Sybel p. 182. 

*) s. Waitz Vfg. rr, 39 n. 2; s. auch unten p. 2«. n. 4. 

^) s. unten p. 20. 

*) Chifflet, Anastasis Childerici regis. 

'*) Hex wird er in allen Quellen genannt. Damit stimmt SybeU 
Bezeichnung ,,Aeltester" wenig genug iiberein. 

^) Löbell p. 549 folgert dies aus dem 12. Capitel Gregors. 



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20 



in dem loseren Verhältnisse eines Bundesgenossen. Die dem 
Namen nach noch bestehende römische Oberhoheit bedeutete 
wenig genug. "^ 

So hat Ghilderich zu dem fränkischen Gaukönigthume 
die Verbindung mit dem römischen Statthalter des nördlichen 
Galliens hinzugefügt, hülfreiche Hand bielend in der Stunde 
der Gefahr. Diese Verbindung musste ihm die Schwäche der 
römischen Herrschaft, besonders, seitdem Aegidius gestorben 
war, deutlich genug gezeigt haben. Das sind die Grundlagen, 
von welchen nach Childerichs Tode 481 ') sein Sohn Chlodo- 
vech ausgeht. 



Die Be^ündimg des fränkischen Kelches in üalil«3u 

durch Chlodovech. 

* • 

1. Chlüdovechs Regi eruiigsau tritt. Stand der Dinge in 

Gallien. 

Als Ghilderich im Jahre 481 gestorben war, folgte ihm 
zu Tournai sein Sohn Chlodovech erst fünfzehnjährig 2) in der 
Herrschaft. Von einer Wahl zum Könige ist nicht die Rede, 
nach Erbrecht herrscht er an der Stelle seines Vaters 3). Da 
Ghilderich weder römischer magister mililum. noch in den Ge- 
bieten nördlich der Loire Inhaber einer Station unter römi- 
scher Hoheit war, ist auch kein Grund vorhanden, für Chlo- 
dovech eine solche Stellung anzunehmen ^i. Chlodovech ist auf 



•) tiesta c. 9. Eo tempore mortiius est Childericus re.x Kranconmi 
regiiavitque aunos XXIV: danach hatte Childerichs Regierung 4.57 begon- 
nen. Gregor hat diese Angabe nicht. 

-) Greg. II, 43. r.hlodovech starb im fünften Jahre nach der Schlacht 
beiVougle (507), also 511, er regierte 30 Jahre; seine Regierung begann 
er also 481 und, da er 45jahrig starb, im 15. Jahre; er wäre sonach 466 
geboren. 

^) Gr. 11, 27. His ita gestis, mortuo Childerico. regnavit Chlodove 
cbus filius eius pro eu. 

*) Petigns U, 362 nach dem Vorgange Anderer hat zuletzt Tür Chlo- 



21 



das Gebiet seiner Herrschaft in den salfränkischen Landen be- 
schränkt, über dies hinaus kann er eine amtliche Gewalt in 
römischen Gebieten nicht in Anspruch nehmen '). 

In den Landen, welche die salischen Franken cingenom- 
inen halten^ seit ihnen .lulian Sitze in Toxandrien zugestanden 
hatte, mehr und mehr gegen Süden sich ausbreitend, bis 
Chlojo die Somme erreichte, bestanden zur Zeit Chlodovechs 
noch mehrere selbständige Herischaften . welche wir als Gau- 
königthümer passend bezeichnen können. Xamentlich wird 
Ragnachar genannt, er hatte zu Cambrai seinen Sitz 2). Chlo- 
dovech war or vervvandl. Ausserdem werden zwei Brüder 
Ragnachars genannt Richar und Rignomir. Sie scheinen keine 
eigenen Herrschaften besessen, vielmehr mit Ragnachar gemein- 
schaftlich geheri^scht zu haben, doch so. tiass ihnen gegenüber 
Ragnachar eine bevorrechtete Stellung einnahm 3). Dann wird 
noch Chararich als Inhaber eines Königthums gonaünt, auch er 
ist wohl Chlodovech verwandt, der Sitz seiner Herrschaft wird 
nicht näher angegeben '). In späterer Zeit treten hier Flan- 
dern , Hennegau . Brabanl ;ds bestin)m( gesonderte Gebiete 
hervor: vielleicht entsprechen ihnen die drei Gaukönigthümer 
Chararichs, Kagnachars, Chlodovechs. Ausserdem erwähnt noch 
Gregor ^) viele andere Chlodovech ebenfalls verwandte Könige. 

dovecii das Amt des mugister mililum in .Anspruch genommen, auch Leo. 
Vmlesungen I, :^3** meint, Syagrius habe dem Chlodovech die Stellung 
eines römischen (ienerals lassen müssen, vgl. Waitz Vfg. II, 43 n. 1 
und unten im Aidiang über Remigius Briei. 

') Petigny's Ansicht II, 379 Remigius habe lür Chlodovech Rheims, 
t>halons imd die Städte der Belgica I, soweit sie den Ripuariern nicht 
zugefallen gewesen, behauptet, steht demnach in der Luft. 

■^) Gr. n. 42. Erat autem tunc Ragnacharius rex apud Caraaracum. 
Gr. braucht öfter den Ausdruck parens, propinquus; Chlodovech bezeich- 
net Ragnachar als zu seinem genus gehörig. 

•*} vom 4tignomir heist es Gr. IF, 42 apud Cenomaunis . . . inter- 
feclus est. Daraus geht nicht hervor, dass er dort eine Herrschaft gehabt 
habe. Ob man aus Gregors VS'orten II, 27 quia et ipse regnum tene- 
; bat, folgern darf , dass Ragnachar allein herrschte, muss unentschieden 
bleiben. 

*) (ir. II, 41. Dass Chararich Chlodovech verwandt war, wird nicht 
ausdrücklich angegeben, doch folgt ihm Chlodovech ohne weiteres. 

'') Gr. II, 42. Interfectisque et aliis multis regibus vel parentibu» 
suis primis ... 



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22 

Ganz ohne Landbesitz können wir diese uns nicht denken. 
So finden wir in den salischen Gebieten eine grosse Zersplit- 
terung. Dass sie durch Theilung entstanden sei, ist eine blosse 
Vermuthung *) : offenbar ist das Gaukönigthum, wie wir es bei 
den salischen Franken in dieser Zeit finden, aus Fürstenherr- 
schaft hervorgegangen; daher die grosse Anzahl kleiner Kö- 
nigthümer. Zwischen diesen bestand kein näherer Zusammen- 
hang: von einer Oberhoheit Chlodovechs findet] sich keine 
Spur 2). Doch erscheint der Stamm der Salier, welchen er 
beherrscht, als der bedeutendste. 

Sehen wir auf die Lage Galliens um jene Zeit, so war 
der Sturz des weströmischen Kaiserreiches von entscheidender 
Bedeutung gewesen. Fm Jahre 476 war Odovakar zum Kö- 
nige der Deutschen in Italien erhoben, im Jahre 480 war der 
letzte Namenkaiser Nepos getödtet. So fiel die römische 
Oberhoheit in Gallien ganz weg, denn der Einfluss des oströ- 
mischen Kaisers bedeutete in dieser Zeit nichts. Odovakar 
hat wohl keinen ernstlichen Versuch gemacht, in Gallien sich zu 
behaupten, er war den italienischen Verhältnissen ganz zuge- 
wandt 3). Die Ausbreitung der westgothischen Herrschaft im 
südlichen Gallien bis an die Gränzen Italiens Hess er eesche- 
hen. Doch bestand noch ein Rest römischer Herrschaft in Gal- 
lien. Aegidius hatte bei seinem Tode 464 einen Sohn, den 
Syagrius hinterlassen. In seiner amtlichen Stellung kann 



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') Leo, Vorlesungen I, 335 denkt sich die Verwandtschaft so, dass 
von einem Bruder Childerichs die Brüder Ragnachar, Richar , Rignomir 
abstaroraen : Chararich findet in seiner Stammtafel keinen Platz , doch 
auch dieser beherrschte Lande nördlich der Somme. Leo macht für 
seine Ansicht die Voraussetzung, dass Chlojo das ganze salische Gebiet 
beherrschte, was nicht bewiesen ist. 

2) Petigny II, 373. Für den sie aus dem Amt des magistd militum, 
welches er Chlodovech überträgt, folgt, muss sich das thatsächliche Feh- 
len derselben aus gemindertem Ansehen des römischen Amtes erklären. 

^) Candidus im Corpus Script. Hist. Byz. P.«l, p. 476. w? . . . VSoa- 
xfO? ^Jtcdiaq nai avrrj<; ix^ärTjOf 'PeiftTfq Kai GraaiaGcivtoiv avröi tüiv Svo- 
^tMftiy raXatoiv 6ta7t^iaßivoa/tivb)v ri avröiv xat ^()6oäAuov noix; Zrvuvct 
X>(^oair^w ftdXXov 6 Zrjviav dnUhvtv deutet vielleicht auf einen ersten Ver- 
such Odovakars. üeber die Ausbreitung der Westgotheu vgl. Procop, 
de hello Goth. I, 12: über die Grunze gegen Burgund vgl. unten p. 24. 



Syagrius dem Aegidius nicht gefolgt sein: das Amt des ma- 
gister militum im nördlichen Gallien scheint überhaupt nicht 
wieder besetzt zu sein. Mit dem Wegfallen der römischen 
Oberhoheit musste Syngrius Gewalt einen territorialen Charak- 
ter annehmen. Gregor sagt, zu Soissons, das einst Aegi- 
dius inne gehabt, habe Syagrius seinen Sitz gehabt: er nennt 
den Syagrius König der Römer *). Was man auch immer von 
diesem Namen halten mag: Syagrius unabhängige Stellung ist 
damit jedenfalls richtig bezeichnet. Die Gränze seines Reiches 
war im Norden die Somme : hier berührte es sich mit den 
Sitzen der salischen Franken; östlich gränzte es an die ripua- 
rischen Franken 2j, deren Gebiet den Gau der Attuarier, den 
untern Lauf der Mosel bis Trier jedenfalls umfasste: der obere 
I^uf der Mosel, die Städte Toul, Verdun, Joine müssen dage- 
gen zu Syagrius Herrschaft gehört haben 3). Südlich kann das 
Reich von Soissons Langres nicht erreicht haben, denn dies 
war burgundisch : Auxerre dagegen war nicht mehr burgun- 
disch 4), im Westen endlich muss die Seine die Gränze gebil- 
det haben 5). Hier im Westen schlössen sich dann die Gebiete 
des armorikanischen Bundes an. Sie waren wohl seit Aegi- 
dius Tode unabhängig. Im äussersten Westen etwa in der 
heutigen Bretagne mögen sich noch Reste der alten keltischen 
Bevölkerung gehalten haben unter einheimischen Fürsten *). 
Ausserdem müssen in den Gebieten nördlich der Loire noch 
hie und da römische Militärabtheilungen gestanden haben, de- 



') Greg. II, '27. Anno autcm quinto regni ejus (Chlodovechi) Sya- 
grius Romanorum rex, Aegidii filius, ad civitatem Suessionas quam quon- 
dam supra memoratus Aegidius retinuerat, sedem habebat. 

D. Bist. epit. c. 15 nennt den Syagrius Romanorum patricius. s. 
Petigny II, 378. 

*) vgl. Waitz Vfg. II, 41 u. 54. Retlberg, Kirchengeschichte Deutsch- 
lands I, 264. 

^) Verdun steht seit den Anfängen von Chlodovechs Herrschaft in 
Gallien unter ihm, Toul und Joinc 496 ; s. unten. 

*) V. Eptadii Bouquet III, 380, ob Auxerre zu Syagrius Reich ge- 
hörte, lässt sich nicht entscheiden. 

^) Gesla c 14. vgl. unten p. 29 n. 4. unterscheiden ganz bestimmt 
ein von der Seine und ein anderes von der Loire begränztes Gebiet. 

«) Greg. IV, 4. 



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24 



25 



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nen in einer bessern Zeit die Bewachung der Gränze anver- 
traut gewesen war ») : sie lebten ohne Zusammenhang mit ei- 
ner andern Staatsgemeinschaft, römische Sitte und kriegerische 
Eintheilung bewahrend, bis das Reich Chlodovechs sie in sich 
aufnahm. 

Während wir so im nördlichen Gallien Zersplitterung fin- 
den, stehen sich im Süden zwei grössere germanische Reiche 
gegenüber: beide greifen schon über Galliens natürliche Grän- 
zen hinaus: das eine nach Osten, das andere nach Westen. 
Das westgothische Reich war grade damals von Eurich auf 
die Höhe seiner Macht gehoben und Eurich leb(e noch, als 
Chlodovech die Regierung antrat. Von der Loire im Norden 
bis zu den Pyrenäen inj Süden und weiter über den grössteii 
Theil der spanischen Halbinsel, von dem atlantischen Ocean 
bis zur burgundischen Gränze erstreckte sich Eurichs Reich. 
Durch die Erwerbung der Provence war auch die Verbindung 
mit Italien hergestellf, und diese musste um so mehr Bedeu- 
tung gewinnen, seit das ostgolhische Reich in Italien begrün- 
det war. Toulouse war die Hauptstadt dieses Reiches. Das 
südöstliche Gallien dagegen hatten die Burgunder eingenom- 
men: von den westlichen Abhängen der Alpen und den Voge- 
sen bis über die Rhone hinaus, von dem Reiche von Soissons 
südwärts dem Meere zu erstreckte sich das Burgunderland, 
doch erreichte es das mittelländische Meer nicht: die Rhone- 
intlndungen, vor allem das wichtige Arles waren in den Hän- 
den der Westgothen, Avignon dagegen war burgundisch. In 
dieser Gegend muss die Südgränze des Burgunderlandes ge- 
wesen sein 2) ; vvenn eine Quelle die massilische Provinz als 
einen Bestandtheil des Burgunderlandes nennt 3), so meint sie 
wohl damit Gebiete, welche zu der Provincia im römischen 
Sinne gehörten. Das Burgunderland war unter Gundovechs 
Söhne getheilt, unter denen Gundobad den ersten Platz ein- 
nahm: der Sitz seiner Herrschaft war Lyon, sein Bruder Godegi- 

') Procop tie hello Gothico L 12, xai arifariwrai. de 'Vo>nai(ov f'rfQoi 
rq rdXliov raq tO'/aTKi(; q<vXa*7^ii, fVfx« irträyato. s. unten p. 3i, n. 3. 

') (jf. II, 32 wird Gundobad in Avignon belagert. 

*) Gregor II, 32. Tunc (i. .1. 5tM)) Gundobadus et Godegiselus fratres 
regnum circa Rhodanum aut Ararim (Saone) cum Massiiiensi provincia 
retinebant. 



sei hatte in Genf seinen Sitz »). Welche Gebiete die andern 
beiden Brüder besessen haben, wissen wir nicht. Gundobad 
war römischer Patricius , er setzte sogar dem weströmischen 
Reiche einen Kaiser, den Glycerius; in den Zeiten der Schwäche 
Italiens unternahm er verheerende Züge in die Lande jenseits 
der Alpen. Ihm ist es auch gelungen, die getrennten burgun- 
dischen Beiche zu vereinigen. 

So bedeutenden deutschen Reichen in Gallien gegenüber, 
schien Chlodovechs kleines Gaukönigthum kaum zu etwas Grös- 
serem berufen, und in der That ist auch nur durch einen 
seltenen Verein glückUcher Umstände Chlodovechs grosses 
Werk gelungen. Vielleicht ist grade die Kleinheit seiner Herr- 
schaft als ein solches günstiges Moment anzusehen, sie liess 
seine ersten Unternehmungen weniger bedeutend erscheinen, 
als sie in der That waren: sodann dass Chlodovech in fort- 
währendem Zusammenhang mit der deutschen Heimat und 
den Sitzen seines Stammes bUeb, während bei Westgothen 
und Burgundern dieser Zusammenhang zerrissen war; endlich 
dass Chlodovech noch der heidnischen Religion, oder vielmehr 
nicht der arianischen Religion anhing, da dadurch die religiöse 
Spaltung, welche im westgothischen und burgundischen Reiche 
zwischen den katholischen Romanen und arianischen Deutschen 
bestand, in seiner Neugründung vermieden ward. 

2. Siej; über Syagrius. Ausbreitung von Chlodovechs 
Reich im nördlichen üallien. 

Von den ersten Jahren der Herrschaft Chlodovechs ist uns 
nichts berichtet. Man kann sich immerhin diese Zeit wie auch 
schon die letzten .lahre Childerichs als eine Zeit der Ruhe, der 
Vorbereitung zu den ersten folgenreichen Unternehmungen den- 
ken : ja selbst ein ausdrückliches Zeugnis lässt sich dafür an- 
führen, dass die Franken von Tournai längere Zeit in Frieden 
lebten % Im fünften Jahre seiner Herrschaft, im 20. seines 



') V. Epiphanü Bouquet III, 371, (uil (Epiphanias) Genevae ubi 
Godegiselus germanus regis larem statuerat. Genauere Angaben der V. 
Sigismundi Bouquet III , 402 beruhen auf Compilalion und willkürlicher 
Abstraktion. 

^) Theoderich der Grosse schreibt Cass. Var. III, 4 an Chlodovech: 



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26 



2T 



Lebens hat sich dann Cblodovech gegen die Reste der römi- 
schen Herrschaft im nördlichen Gallien gewandt. 

Unsere Nachrichten über diesen wichtigen Vorgang sind 
sehr dürftig: es kommt darauf an, sie in ihrer Bedeutung 
recht zu würdigen, doch muss man sich hüten, durch gewagte 
Combinationen mehr aus ihnen schliessen zu wollen , als möß- 
lieh ist. 

Es scheint, dass Chlodovech den Versuch gemacht hat, 
für sein Unternehmen die Hülfe verwandter salischer Gaukönige 
zu gewinnen. Ragnachar von Gambrai hat wirklich Hülfe ge- 
leistet *); auch König Ghararich war aufgefordert zur Unter- 
stützung, doch hat er sich nicht an dem Unternehmen bethei- 
ligt, er wartete vielmehr den Ausgang ab , um dem Sieger in 
Freundschaft sich zu verbinden 2). Die waffenfähige Mannschaft 
seines Reiches hat Ghlodovech gewiss vollständig aufgeboten. 
Syagrius scheint dagegen auf die Streitkräfte des ihm unter- 
gebenen Gebietes allein beschränkt gewesen zu vsein 3). Einen 
Anlass zum Kriege für Ghlodovech zu suchen, ist überflüssige 
Mühe, da uns alle Nachrichten darüber fehlen 4) ; vielleicht darf 



mi 



. . . ut gentes vestrae, «piae sub parentibus vestris longa pace ttoruerunt, 
subita non debeant concussione vastari; unter den parentes sind Childe- 
rich und Eurich verstanden. Weniger Gewicht möchte ich auf eine andere 
Steile legen ib. H, 41 Gloriosa quidem vestrae virtutis affinitate gratu- 
lamur, quod gentem Francorum prisca aelate residem feliciter in nova 
praeiia concitastis et Alamannicos populos . . . subdidistis. Hier wird 
offenbar nur die alte Sesshaftigkeit der Franken seit ihrer Aufnahme in 
Toxandrien den neuen Unternehmungen Chlodovechs gegenübergestellt, 
welche das Frankenvolk über seine bisherigen Gränzen hinausgeführt 
haben, vgl. P6ügny II, 353. Waitz Vfg. II, 44 n. 1. 

') Gr. II, 27. 

''] Gr. II, 41. Quando autem cum Siagrio pugnavit, hie Chararicus 
evocatus ad solatium eminus stetit, neutrani adiuvans partem, sed even- 
tum rei exspectans, ut cui eveniret victoria, cum illo et hie amicitiam 
conligaret. Huschberg Gesch. d. Alamannen und Franken p. 624 bezieht 
dies auf Verralh, den Ghararich in der Schlacht von Soissons geübt. 

^) Hierauf hat Dubos III, 20 hingewiesen. 

'*) Dubos Ausführungen, welche sich auf eine Stelle d. Ep. Sidnnii 
V, .5. stützen, bedürfen nicht der Widerlegung ; eben so wenig P^lignys 
Ansicht II. 384, wonach Syagrius «Prätendent und Ghlodovech als erbli- 
cher Inhaber der Würde des magister militum berechtigt ist, diesen An- 
spruch zu bekämpfen. i 



man darauf hinweisen, dass im Jahre 486 das weströmische 
Reich bereits untergegangen war, und damit die Oberhoheit, 
unter welcher rechtlich bis dahin die Deutschen auf römischem 
Gebiet begründeten Reiche standen. 

Wir beginnen mit dem Berichte Gregors *). „Im fünften 
Jahre von Chlodovechs Herrschaft", erzählt dieser, „hatte Sya- 
grius in der Stadt Soissons, welche einst Aegidius, von wel- 
chem oben gesprochen ward, innegehabt, seinen Sitz. Gegen 
ihn zieht Ghlodovech mit Ragnachar seinem Verwandten, da 
dieser auch selbst ein Reich besass, heran und verlangt, dass 
man sich rüste zur Schlacht. Syagrius zögerte nicht und fürch- 
tete, diesem Begehr zu widerstehen 2). Als so beide mit ein- 
ander kämpften, wendet Syagrius, da er sein Heer besiegt sah, 
den Rücken, und flieht eilig zum Könige Alarich nach Toulouse. 
Ghlodovech sendet zum Alarich, er solle ihn ausliefern, sonst 
möge er wissen, dass ihm , halte er Syagrius zurück , Krieg 
drohe. Alarich voll Furcht, um seinetwillen den Zorn der 
Franken gegen sich zu wenden , wie es ja die Art der West- 
gothen ist, feige zu sein, überlieferte ihn gebunden Chlodovechs 
Gesandten. Ghlodovech , da er ihn zurückerhalten , liess ihn 
gefangen setzen, und nachdem er sein Reich empfangen hatte, 
heimlich mit dem Schwerte erschlagen." 

Es scheint, dass dieser Bericht Gregors römischen Quel- 
len entnommen ist. Er ist gewiss durchaus glaubwürdig : das 
harte Urtheil über die westgothische Feigheit 3) indes werden 
wir etwas beschränken dürfen. Das Gefühl der Schwäche 
konnte Alarich unmöglich zur Nachgiebigkeit bestimmen : bei 



') Gr. II, 27. Die Historia epitomata folgt Gr. fast wörtlich mit ei- 
ner Abweichung s. p. 23. n. 1. Die Gesta c. 9 erzählen in freierer Weise 
nach Gregor, doch lassen sie Bemerkenswerthes offenbar aus Flüchtigkeit 
aus. Ganz eklektisch verfährt die V. Remigii Bouquet III, 374. Sie hat 
Einiges aus der unverbürgten Lokaltradition von Rheims aufgenommen, 
im Ganzen beruht sie auf den Gesta. 

'^) sed nee iste distulit (sc. pugnam] ac resistere metuit. 

^) Dieselbe den Westgothen feindliche Auffassung tritt auch II, 37 
hervor in der Schlacht bei Vougle, cumque secundum consuetudineni 
Gotthi terga vertissent etc., dass Gregor dies in seinen Bericht hiseinge- 
tragen hat, ist sehr wahrscheinlich. Vgl. die detestabilis consuetudo der 
Gothen ihre Könige zu tödten. ^. . 



28 



29 



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I 



weitem glaublicher ist es. dass Alarirh selbst Syagriiis Besei- 
tigung nicht unerwünscht war, sei es nun, dass er alten, von 
seinem Vater überkommenen Groll befriedigte, oder dass ihm. 
dem Arirmer der heidnische Frank enköniii ein minder gefähr- 
lieber Nachbar zu sein schien, als der katholische Römerfürst »\ 
Freilich hat er sich hierin getäuscht . seine Nachgiebigkeit 
musste Chlodovech reizen. Grösseres zu versuchen. Halten 
wir uns auf dem Standpuncte einer Kritik von Gregors Be- 
richt, so verdient es noch hervorgehoben zu werden, dass die 
Ereignisse sich schwerlich mit der Raschheit gefolgt sein kön- 
nen, wie Gregor sie berichtet. Toulouse ist von Soissons, in 
dessen Nähe doch die Schlacht vorgefallen sein muss, in gra- 
der Linie über 90 Meilen entfernt: so wird zwischen Svagrius 
Niederlage und Tod immerhin eine geraume Zeit verflossen 
sein. 

Folgen wir Gregors Bericht weiter, so fand Chlodovech 
nach der gewonnenen Schlacht keinen Widerstand mehr. Wir 
hören wohl noch etwas von den Leiden, welche das eroberte 
Land zu erfahren hatte von Chlodovechs raublustigen Kriegeru, 
dass selbst die Schätze der Kirchen vor ihnen nicht sicher 
waren. Musste doch Remigius von Rheims es geschehen las- 
sen, dass aus einer Kirche der Stadt Rheims ein geweihter 
Krug von bedeutender Grösse und Schönheit geraubt ward 
nebst den übrigen heiligen Geräthen '^). W^as Remigius durch 
sein Ansehen bei Chlodovech erlangte, die Rückgabe, mag 
Wenigen zu Theil geworden sein. Doch abgesehen hiervon 
berichtet Gregor nichts mehr über die Kroberung von Sya- 
grius Reich, die im .fahre 486 gemachte Beute wird in Sois- 



•} Auf (las Eisle hal l»etigny If, 3b9 hiiige\vifi>cii auf das Zweite 
Leo Vorlesungen 1, 339. 

Gregor und die Üesla nennen den Namen des Bischofs und der 
Stadt nicht, die Historia epitomata hat Beides, ebenso die V. Kemigii. 
welche indes Manches hinzufügt , dessen Glaubwürdigkeil Zweifeln un- 
terliegt. Die ganze Erzählung vom Durchzuge der Kranken scheint fast 
ein Versuch Hinkmars zu sein, den Namen der via Barbarorum zu er- 
klären. Was aus dieser Stelle Dubos a. a. 0. über den Marsch Chlodo- 
vechs gegen Syagrius folgert, leidet, abgesehen von dem geringen Glau- 
ben, welchen Hinkmar verdient, an dem Fehler, dass hier vor den Ent- 
scheidungskampf gesetzt wird , was Hinkmar nach demselben berichtet. 



sons getheilt: als Chlodovech im nächsten Jahre (487) sein 
Heer zur März Versammlung berufen hat, kann er es wieder 
nach Hause gehen lassen «). Dass sich dieser Bericht Gre- 
gors auf die Eroberung von Syagrius Reich bezieht ist klar ge- 
nug: ob aber durch diese Eroberung Chlodovech Herr des 
ganzen nördlichen Galliens ward, erfahren wir nicht. 

Es stehen uns indess noch andere Berichte über die Be- 
gründung Mild Ausdehnung von Chlodovechs Reich in Gallien 
zu Gebote, mit deren Hülfe wir zu festeren Resultaten kom- 
men können. Es kommt hier vor allen Dingen eine Nachricht 
in Betracht, welche wir freilich erst aus dem Zusammenhange, 
in welchem sie uns überliefert ist, loslösen müssen, um sie 
in ihrer rechten Bedeutung fassen zu können. Der poetisch 
ausgeschmückte Bericht der Gesta 2) über Chlodovechs Ver- 
mählung schUesst ab mit Aurelians Belohnung für die gelei- 
steten treuen Dienste. Er erhält das Herzogthum Melun. Dass 
nun freilich diese Ausstattung Aurelians so gut wie seine ganze 
Thätigkeit bei der Vermählung der ausschmückenden Dichtung 
und nicht der Geschichte angehört, steht für uns fest 3). Wie 
zum Beweise, dass Chlodovech wirklich im Stande gewesen 
sei, Aurelian so königlich zu belohnen, wird vorher bemerkt: 
„m jenen Tagen erweiterte Chlodovech sein Reich bis zur 
Seine: in der folgenden Zeit nahm er das Gebiet bis zur Loire 
ein *).'■ Diese beiden Sätze tragen einen ganz andern Charak- 
ter an sich, als die ganze bisherige Erzählung : sie sind otlen- 
bar vom Verfasser der Gesta aus dem schon bezeichneten 
Zwecke in seine Erzählung aufgenommen und so für uns ge- 
rettet. Heben wir sie aus diesem Zusammenhange heraus, .so 
erkennen wir in ihnen einen kurzen Bericht über die Erobe- 



') Die in mehr als einer Hinsicht bemerkenswerthe Schilderung die- 
ser Versammlung soll unlen gewürdigt werden s. unten Abschn. 9. 

') s. unlen im vierlen Abschnitte und im Anhange dazu. 

^) s. unten a. a. 0. 

') Gesta c. 14. In illis diebus dilalavit Chlodovechus ampliticans 
regnum suum usque Sequanam. Sequeuti tempore usque Ligere fluvio 
uccupavil. Auch die V. Hemigii a. a.ü. hat dies aufgenommen und zwar 
aus den Gesla. Als selbständige Quelle (Löbell p. 121, Huscbberg p.627) 
darf man sie ihnen gegenüber nicht anführen. 




i< 



II If ■ 



30 



rung des nördlichen Galliens durch Chlodovech ; wir werden 
nicht irren, wenn wir ihn als aus lateinischen Annalen ent- 
nommen betrachten. Was die Auffassung des Einzelnen an 
langt, so können wir auf den üebergang „in illis diebus'' odei 
„eo tempore" kein Gewicht legen; er ist offenbar vom Verfassei 
der Gesta. Damit fällt die Möglichkeit fester chronologische! 
Bestimmung weg *). Ungewiss müssen wir es lassen, ob dei 
Bericht eine Erweiterung von Ghlodovechs Reich durch Waf 
fengewalt, oder mehr auf friedlichem Wege im Auge hat 2) 
das Erstere ist das Wahrscheinlichere. Unsere Quelle unter 
scheidet zwei Hauptmomente der Eroberung, Ausdehnung bis 
zur Seine, Ausdehnung bis zur Loire; sie rechnet offenbar von 
Ghlodovechs bisherigem Königssitze Tournai aus südwestlich. 
Es kann nichl zweifelhaft sein, dass wir unter der Ausdeh- 
nung von Ghlodovechs Reich bis zur Seine die bei Gregor 
berichtete Eroberung von Syagrius Herrschaft im Jahre 48(» 
verstehen müssen. Als das entscheidende Ereignis wird gradt? 
dies hervorgehoben. Die Ausdehnung des Reiches bis zu Loire 
erwähnt Gregor nicht, ob wir die „vielen Kriege und Siege 
Ghlodovechs", von denen er später spricht, darauf beziehen 
dürfen, ist ungewiss 3). Dagegen haben wir in andern Quellen 
vereinzelte Nachrichten von Kämpfen in den Gebieten zwischen 

» 

Seine und Loire. 

So berichtet das Leben der heiligen Genovefa 4) von einer 
Belagerung , welche die Stadt Paris zehn oder wie die eine 
Handschrift hat, fünf .lahre lang von den Franken zu erdulden 
gehabt hat. Auch die Stadt Nantes ward, wenn wir unserer 
Quelle trauen dürfen s), zu Ghlodovechs Zeit sechzig Tage lang 
belagert, bis eine nächtliche, wunderbare Erscheinung das 



') Mascov, Gesch. d. Teutschcn II, 14 setzt die beiden herichteten 
Ereignisse 493 und 494. Andere versuchen ähnliche Bestimmungen s. 
Dubos III, 2(1, Huschberg 627. 

'-*) Fauriel II, 31 versteht zwei Feldzüge. 

3) Löbell p. 123 n. 2 ist der Ansicht, dass in Gregors Worten I!, 
27 muUa bella victoriasque fecit eine solche Beziehung liege; doch bil- 
den diese Worte wohl nur den üebergang zu Ghlodovechs späteren 
Thaten. Ob man deinde aufnimmt, oder nicht, trägt hierfür wenig aus. 

*) V. Genovefae Bouquet III, 370. 

^) Gregor de Gloria raartyrum I, c. 60. 



3] 

feindliche Heer schreckte und bewog, so eilig die Belagerung 
aufzugeben, dass am andern Morgen kein Feind mehr gefun- 
den ward. Diese Nachrichten sind indes sehr unbestimmt, 
sie können höchstens dazu dienen, unsere Auffassung der bis- 
her behandelten Berichte zu bestärken; einen Versuch durch 
Gombination noch nähere Beziehung heyzustellen, gestatten sie 
nicht Auch die Nachricht einer alten Vita *), dass in der er- 
sten Zeit von Ghlodovechs Kegierung , als er mannichfache 
Kämpfe zu bestehen gehabt, auch di^ Bewohner von Verdun 
auf Verrath und Abfall bedacht gewesen, dass sie dann von 
Ghlodovech belagert seien, jedoch durch Vermittlung des grei- 
seri Presbyters Euspicius Gnade von ihm erlangt hätten, müs- 
sen wir in der Unbestimmtheit lassen, wie sie uns überliefert 
ist. Möglicherweise kann diese Belagerung Verduns mit Ghlo- 
dovechs Unternehmen gegen Syagi^ius zusammenhängen, doch 
vielleicht gehört das Ganze in eine spätere Zeit 2). 

Wir kommen jetzt zu Procops Erzählung von der Begrün- 
dung der fränkischen Macht in Gallien 3). Procop setzt die 



') V. Maximini Acta SS. ord. S. Bened. Saec. I. App. p. 580. Bou- 
quet III, 393. 

^) Man konnte meinen, Chlodovech habe schon Christ sein müs- 
sen, da sich die Schenkung an Euspicius und Maximin, worüber wir die 
Au>fertigung noch haben Pardessus Diplomata et charlae I, p. 57 unmit- 
telbar an diese Begebenheit anschliesst. 

3) Procop de hello Gothico I, 12. . . 'P^vot; Jt h t6v o)Kfar6v ran 
txfioAcui Tzonirai,. U/uvai tt ivrcti'&a ol <)>} l'fQftavol ro nakaibv oixfjvtOy 
ßa(jßa(jov t&voqy or nokkov koyov ro xat^ a^/ot« ä^ov, oi vvv *P^oiyYOt na- 
kovvrat TOJ^Toiy iyö^ihvoi "^Qß6()vxoi wxoi'». . . . itvyxavov de "A^ßoffv- 
'/Ol. tön 'Potfiaibiv GT^aTionat yfyn-rjfAtvot' ov6 drj FfQ^iavoi /.artjHOOvq Oipioiv 
t&tXovtffi ate 6/i6(iov(; oVrav xai noXttiiav ijy h^ov näXai JtaiaßaXovTaq, 
noitjoaa&ai, iXTjitovtö tt xat TTavd'tjftü TToXtfitjafiovr«; In avroixi v^ükav. 
'^'t^ßÖQvxoi' dt dgtrijv n xai fvvoiav e« 'Potjuainvc: ivönldfitvoi dvdf)«; ayo- 
9oi tv tifiöf TW nokinbi iyivovro, xai. i/Tfi ßtdi^ta&ai avroix: Vi^fiavoi ov/ 
oioi Tf r^oav f etat^u^ff^a» t* ^iiovv xai dXXijkoK; x^dtatai yiyvfo&at' ä 
dfj A^ßoQvxoi ovTi dxoi'otoi' ividi/ovro- X^tortavoi yd^ d/tifoTiQot 6vtt(; 
itvyxavov. ovrot n ti<i tva Xdov ivvtX&6vtf(i öwd/nttaq inl fiiya ix^ittioav. 
xat otQattwtai 6'f 'Pwftamv ttf^ot «g laXXoiv tdq laxattdq (pvXaxtio, 'ivma 
tritaxato- oi dij oTxf iq 'Pa,jnf]v önotq inavrilovaw txftmq, ov fttjv oi*?t* 
niiooxoifiHv 'A^uivoiq oi'O* Toi? TtoXffiioiq ßovX6ft(voiy aifäq rt avtovt: |i.v 
ToJf aijfitioK; neu jj^oi^av ^v ndXctt "Potfiaiou; iifvXaaaoVf 'A(fßoffi>xot<i ri nai 
A^ayoK Udoeav ... 



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32 



33 



Wfi I« 



ältesten Wohnplätze der Franken an die Hheinmündungen. Ih- 
nen zunächst hätten die Arborycher gewohnt '). Um die Zeit 
der Ausbreitung des Weslgolhenreiches in Gallien und Spanien 
seien diese romische Soldaten geworden. Als sie dann, nach- 
dem sie die staatliche Verbinduni^ . welche sie sjehabt , verlo • 
ren, versuchten die Franken sie zu unterwerfen. Sie unter- 
nahmen Heutezüge und Kriegszüge mit ihrer ganzen Macht ge- 
gen sie. Doch die Arborycher leisteten tapfern Widerstand 
und die Franken, unveT"mogend, mit Waffengewalt sie zu unter- 
werfen, verlangten , Freundschaft mit ihnen zu schliessen und 
dass man unter einander sich verheirate. Das nahmen die 
Arborycher nicht ungern an, denn beide waren Christen. So 
verschmolzen beide zu einem mächtigen Volke. Auch andere 
römische Soldaten , welche in Gallien auf dem äussersten Po- 
sten gestanden hatten, da sie an Hom keinen Rückhalt mehr 
hatten und den feindhchen A rianern nicht zufallen wollten 2), 
schlössen sich den vereinicten Franken und Arborvchern an 
mit ihren Feldzeichen und dem Lande, welches sie bewachl 
hatten. Sie bewahrten sich und ihren Nachkommen bis auf 
Procops Zeit ihre Feldzeichen, mihtärische Kintheilung, römi- 
sche Sitte und römische Tracht.'* 

Dass Procop hier von dem Verhältnis der Franken zu den 
gallischen Provinzialen, den Bewohnern des tractus Armorica- 
nus spricht, also \on der Erwerbung des Gebietes zwischen 
Seine und Loire für Chlodoxechs Reich, unterliegt keinem Zwei- 
fel: auf die kleine Abweichung der griechischen und der la- 
teinischen .\amensform darf man da nicht zu viel Gewicht le- 
PCD 3). Nicht mit einbegritfen sind die Briten, welche sich in 
der Bretagne niedergelassen hatten : sie traten erst nach Chlo- 



i 



') Procop überträgt hier otfenbar das Zusanunengränzen nach der 
Einnahme von Syagrius Reich in eine frühere Zeif. 

■-) Unter den Arianern siml natürlich die Westgotheu, vielleicht aucli 
die Burgunder zu verstehen. 

^) Die lateinische Namensform Armorici weicht vor> der Procops 
\4iiß6(tvxoi ab , doch entweder liegt nur ein Versehen des Abschreibers 
zu Grunde, da /* und /^» leicht verwechselt werden können; oder die Ab- 
weichung der griechischen und lateinischen Namensform ist entstanden, 
indem jede Sprache selbständig den zu Grunde liegenden einheimischen 
vielleicht zwischen M und H in der Mitte stehenden Laut auszudrücken! 
versuchte s. Löbell p. 125. 



dovcchs Tode unter fränkische Oberhoheit, und kriegten selbst 
dann noch unter ihren Fürsten mit den merovingischen Köni- 
gen •). Procops Bericht bestätigt uns also den zweiten Theil 
jener, lateinischen Annalen entnommenen Stelle derGesta. — Es 
handelt sich vor allem um die richtige Auffassung von Procops 
BerichL Man hat gemeint, aus ihm folgern zu müssen, durch 
einen förmlichen Vertrag hätten die Römer im nördlichen Gal- 
lien überhaupt. 2) oder doch im Lande zwischen Seine und 
Loire Ghlodovech sich unterworfen 3). Sehen wir auf das, 
was Procop als Bestimmungen des Vertrages angiebt, so sind 
es Vorgänge, welche in Folge der Eroberung nicht ausbleiben 
konnten. Man darf wohl vermuthen 4], Procop habe die Ver- 
einigung von Franken, Galliern und Römern unter einem Kö- 
nige, zu einem Reiche und Staate, welche als Ergebnis der 
geschichtlichen Entwicklung selbst zu seiner Zeit bestand, auf 
ein bestimmtes Ereignis zurückzuführen gesucht, oder als ein 
solches dargestellL Da musste es nahe liegen, sie auf einen 
Vertrag zu gründen. Dass Procop denselben erst in Folge 
vergeblicher Anstrengungen der Franken zur Unterjochung der 
Arborycher abschliessen lässt, darf nicht befremden: selbst un- 
Isere dürftigen Quellen wissen von Kämpfen in jenen Gebieten, 
und so hatte auch wohl Procop eine gewisse, wenn auch nur 
dunkle Kunde davon, oder ei' denkt an Syagrius Kampf mit 
Chlodovech. 

Bei dieser Auffassung von Procops Bericht können wir 
nicht so grosses Gewicht darauf legen, dass er ausdrücklich 



') S. Lübell p. 127, wo mit Recht auf Greg. IV, 4 hingewiesen ist: 
na») semper Britanni sub Francorum potestate posl obitiim regis Chlodo- 
Ivechi fuerunt, et comites non reges appellati sunt. Im Jahre 511 unter- 
schreiben (He Bischöfe von Le Mans, Hennes, Angers, Nantes, Vannes die 
Bestinmiungen des Concils von Orleans; ihre Diocesen mussten also da- 
|mals zu Chlodovechs Reich gehören; s. Conciliorum Galliae Collectio I, 
843; auch Bouquet IV, 102. 
-) Fauriel II, 35, nach dessen Ansicht Procop die Briten von Armo- 
jrika mit den Galloromern des Syagrius verwechselt. 

^) Löbell p. 128 fl'. nimmt an , dass ein Vertrag unter billigen Be- 
dingungen die Verhiiltnisse des Grundbesitzes und die rechtliche Stellung 
|dei dortigen Romanen regelte. 

*) VVaitz Verfassungsgesch. II, 45. 

3 



4 



W ^ 



sagt, die Arborycher hätten den Vorschlägen der Franken deß- 
halb Gehör gegeben, weil sie Christen gewesen seien, auch 
andere römische Soldaten hätten den vereinigten Franken und 
Arborvchern sich angeschlossen , um nicht Arianern sich aa- 
schhessen zu müssen. Eine chronologische Bestimmung für 
den Zeitpuncl der Unterwerfung des Landes zwischen Loire 
und Seine können wir daraus nicht entnehmen >) : diese Gp- 
•biete waren sicher Chlodovech schon untergeben, als er das 
Christenthum annahm. Eine Urkunde, welche Annahme des 
Ghristenthums und Unterwerfung Galliens in ein Jahr setzt, ist 
gewiss falsch 2). 

Was wir also unsern Quellen über den äussern Hergang 
der Begründung des fränkischen Reiches im nördlichen Gallien 
durch Chlodovech entnehmen können, ist Folgendes. Chlodo- 
vech hat im Jahre 486, unterstützt von seinem Verwandten 
Raunachar, Svaerius in der Mähe von Soissons besiegt und in 
Folge dieses Sieges die Gebiete bis zur Seine seiner Herrschaft 
unterworfen. Späterhin hat er auch die Lande zwischen Seine 
und Loire, wie es scheint nicht ohne Kampf, gewonnen : nicht 
unterworfen sind die Gebiete mi äussersten Westen, in wel- 
chen Briten sich niedergelassen hatten. Der Schwerpunct von 
Chlodovechs Herrschaft lag nun nicht mehr in seinem salischen 
Königthume, sondern in den neuerworbenen gallischen Gebie- 
ten; das spricht sich auch äusserlich darin aus, dass Chlodo- 
vech jetzt den Sitz seiner Herrschaft nach Soissons über- 
trug 3). 

Fragen wir, welche Zustände für die Römer in den neu 
erworbenen Gebieten eintraten, so kommt, abgesehen von dem. 



i 



11 



») Petigny 11, 397 ff. kommt durch willkürliche Combinalion zu clei 
Annahme, die senonischen Städte, unter ihnen das 5 Jahre (?) belagerlf 
Paris (s. p. 3(») hätten sich Chlodovech unterworfen , als er ihnen durrh 
Vermählung mit einer katholischen Christin die Aussicht auf Annahme 
des Christenlhums eröffnet {Pötigny II, p. 411) , das Land zwischen Sem.- 
und Loire habe sich erst unterworfen, als er das Christenthum nngenom 
men habe (p. 419). 

2) S. Anhang I. und Waitz Verfassungsgesch. II , 44. n. 3. 

3) Die V. Remigii Bouquet Ifl, 377 E. sagt dies ausdrücklich, v«9i- 
dient freilich wenig Glauben, doch ergiebt sich dasselbe aus Gr. II. 2T 
wo Soissons als Ort der Beutetbeilung bezeichnet wird. 



35 

was sich bei unserer Auffassung 'von Procops Bericht ergiebt 
der Scbluss von Gregors Erzählung über die Eroberung des 
Reiches von Soissons in Betracht «). Sprachgebrauch und Satz- 
fügung lassen keinen Zweifel; dass darin mehr liegt, als beim 
ersten Blicke sclieint: Syagrius wird heimlich getötet, nachdem 
Chlodovech sein Reich em^pfangen hat, d. h. wohl, durch einen 
öffentlichen Act feierlich 'als Herrscher von den Syagrius un-- 
tergebenen Römern anerkannt ist. Ist dies wirklich gesche- 
hen , so din^fen wir erwarten , dass die Römer den Franken 
gegenüber nicht in die Stellung eines unterworfenen Volkes 
getreten si«d , und diese Ansicht bestätigt sich uns auch aus 
dem , was wir Tür die durch Chlodovech begründeten Zustände 
aus der späteren Stellung der Römer im fränkischen Reiche 
schliessen können. Wir finden, dass in den meisten Beziehun- 
gen das in den letzten Zeiten des römischen Reiches Beste- 
hende geachtet ist 2). 

Es ist hier von entscheidender Bedeutung, dass nicht das 
gesammte Chlodovech untergebene Volk sich 'in den neuerwor- 
benen Gebieten niedergelassen hat. Es war deshalb nicht 
nothwendig, dass jener ajtdeutsche Grundsatz der Eroberung, 
wonach die Unterworfenen ihr ganzes Land, oder doch be- 
stimmte Theile den Siegern abtreten mussten, hier seine An- 
wendung fand. Für Chlodovechs Begleiter war gewiss genug 
herrenloses Land vorhanden, dem fränkischen Könige ist der 
Besitz der römischen Kaiser, des römischen Staates, sodann 
der römischen Veteranen und Soldaten zugefallen, und das 
reichte hin, um, wenn dies nöthig war, auch die Theilnehmer 
seines Unternehmens mit Land auszustatten und dabei doch 
dem fränkischen Königthum die nothwendige materielle Grund- 
lage zu geben 3). Dass aber in die Verhältnisse des privaten 

•) quem (Syagrium) Chlodovechus receptum cuslodiae muncipari 
praecepit: regnoquc eins accepto eum gladio dam feriri manda- 
vit ; vgl. Gr. 11,40. Chlodovech wird hier das Königthum von den Ri- 
puariern übertragen: das wird bezeichnet als accipere regnum; II, 
'41 wird derselbe Ausdruck gebraucht, als Chlodovech nach Erbrecht 
Hagnachars Reich einnimmt, doch Erbrecht und üebertragung stehen sich 
gleich. In der Salzfiigung ist der abl. absol. bedeutsam. 

S. Waitz Verfassungsgesch. II, 46 flf. und die dort dtirte Lilleratur. 

^) Gudrard z Irminon I, .503; ohne Grund nimmt er indes an, der 
inerovingische König habe reservirt une espece de domaine commun ou 

3* 



p« -- 



36 

Grundbesitzes nicht eingegriffen ist, sehen wir daraus, dass 
im fränkischen Reiche dieselben Glassen freier Römer noch zur 
Zeit Karls des Grossen fortbestanden , welche wir in der letz- 
ten Zeit des römischen Reiches m Gallien finden : grundbesi- 
tzende possessores und grundbesitzlose tributarii >). Damit blieb 
denn freilich auch die römische Sleuerverfassung bestehen. 
Der römische possessor zahlte nach wie vor Grundsteuer von 
seinem Eigenthum , der tribularius hatte Kopfsteuer zu zahlen. 
Diese Steuern flössen nunmehr in den Schatz des fränkischen 
Königs, welcher an die Stelle des römischen Kaisers getreten 
war. Ausserdem übte der fränkische König als Nachfolger 
des römischen Kaisers bestimmte fiscalische Rechte in Bezug 
auf die Römer aus, namentlich an Bergwerken, Weiden und 
Wäldern; auch blieben die Zölle bestehen 2). 

Wichtig ist dann vor* allen Dingen die Fortdauer des rö- 
mischen Rechtes. Die Gonstitutio Chlotars 1. bestimmt, dass 
unter Römern Rechtshändel nach römischen Gesetzen ent- 
schieden werden* sollen 3). Bei der Allgemeinheit der Bestim- 
mung dürfen wir sie auf das Fortbestehen des römischen Cri- 
minal- und Privatrechtes beziehen. Daraus folgt aber das 
Fortbestehen des römischen Gerichtswesens keineswegs. Die 
Römer gaben und empfingen Recht in denselben Gerichten, 
wie die Franken, auch wo es sich um Rechtshändel zwischen 
Römern allein handelte ') : dass Streitigkeiten zwischen Rö- 
mern und Franken, so gut wie Streitigkeiten zwischen Fran- 



public. Was bei den Angelsachsen bestand , darf man nicht ohne weite- 
res auf fränkische Verhältnisse übertragen. 

') L emendala bei Pardessus Loi salique p. 305. 

Tit 43. 6. Si quls Romanum hominem, convivam regis, oc- 
ciderit, Xll M. dinariis, qui faciunl solidos CCC, culpabilis iudicelur. 

7. Si Romanus possessor, id est, qiii res in pago ubi comma- 
net proprias possidel , occisus fnerit , is qui eum occidisse convmcitur, 
IV M. dinariis, qui faciunt solidos C, sulpabilis iudicelur. 

9. Si quis Romanum tributarium occiderit, MDCCC dinariis, qui 
faciunt solidos XLV, culpabilis iudicctur. 

S. die Erklärung dieser Stelle von Savigny in Zeilschr. (ür gesch. 
Rechtswissensch. IV, 369 ff. 

'*) Schaffner, Gesch. der Rechtsverfass. Frankreichs I. p. 193 ff. : vgl. 
auch das Diplom Pardessus Diplomata I, 57. 

*) Pert2 Legg. I. p. I. c. 4 : inter Romanos negolia causarum Roma- 
m» legibus pl^^ecipimus lerminari 

*) S. Waitz Vcjfg. II. 422. 42;^. 



ken auf dem Gericht des Grafen erledigt wurden, unterliegt 

keinem Zweifel. 

So sind bei der Begründung des fränkischen Reiches auf 
nallischem Boden die Besitzverhältnisse und die darauf begrün- 
dete Steuerverfassung geblieben, das römische Recht hat nicht 
aufgehört. Dagegen sind die ständischen Verhältnisse der Rö- 
mer nach deutschem Rechte geregelt. Es hat der Grundsatz 
der Lex salica, wonach der Römer, welcher freies Grundeigen- 
thum besitzt, von diesem jedoch dem fränkischen Könige die 
Grundsteuer entrichtet, das gleiche Wergeid mit dem fränki- 
schen Liten 100 solidi hat, auch in den unterworfenen Gebie- 
ten seine Anwendung gefunden. Der Römer dagegen, welcher 
kein Grundeigenlhum halte, oder fremdes gegen einen Zins 
bebaute, hatte ein Wergeid von 45 solidi; über diesen beiden 
steht, erst im fränkischen Reiche in Folge des Eingehens auf 
germanische Verhältnisse entstanden, der conviva regis >). Ge- 
wiss darf man in der Gleichstellung des freien grundbesitzen- 
den Römers mit dem fränkischen Liten in Bezug auf das Wer- 
geld eine Herabwürdigung nicht erkennen. Dass der Römer 
überhaupt ein Wergeid erhielt, zeigt deutlich genug, dass man 
ihn in die germanische Ehre einsetzte ; nur mit einem Wergeide 
ausgestattet sollte und konnte er in die Ordnung des fränki- 
schen Reiches aufgenommen werden. Sein Wergeid ist aller- 
dings geringer, als das des freien Franken; die verschiedene 
Ehre der Abkunft macht einen Unterschied 2). Doch hat dies 
auf die Stellung des Römers im fränkischen Reich keinen wei- 
tem Einfluss gehabt; hier steht er in keiner Beziehung hinter 
dem Franken zurück. Ehen werden zwischen Römern und 
Franken geschlossen, die Römer dienen im Heere, sie bethei- 
ligen sich an den inneren Kriegen. Wir finden Römer in ein- 
flussreicher Stellung in der unmittelbaren Nähe des fränkischen 
Königs als Rathgeber als Gesandte, sie werden königliche Be- 
amte, Herzoge, Grafen, und sind als solche thätig in Krieg und 
Frieden 3). So darf man gewiss nicht behaupten, die Lage 
des Römers habe sich im fränkischen Reiche )^rschlechtert 






') Savigny a. a. 0. und Schaffner 1, 107. 
2) LöbeR p. 132—155. 
'] Löbeil a. a. 0. 



15 



3Ä 



im Vergleich mit derjenigen, welche er zur Zeit des römischen 
Reiches gehabt : der Römer bat durch seine Aufnahme ins 
fränkische Reich volles Staatsbürgerrecht erhallen. 



3. Die ersten Kämpfe Chlodovechs mit deutschen Stäm- 
men. Unterwerfung der Thoringer und Alamannen. 

Durch die Unterwerfung der römischen Gebiete im nörd- 
Jichen Gallien hatte Ghlodovech ein starkes romanisches Ele- 
ment in sein Reich aufgenommen; es war deshalb von ent- 
scheidender Wichtigkeit für den Charakter des neu begründe- 
ten Reiches, dass auch deutsche Stämme ihm verbunden wur- 
den. Der Anfang hiezu ist gemacht durch die Bekämpfung 
und Unterwerfung der Thoringer. Nach Gregor ») gelang dies 
Ghlodovech im zehnten Jahre seiner Herrschaft (491). Dass 
hier nicht an die Thüringer im Innern Deutschland zu denken 
ist, braucht jetzt nicht mehr erwiesen zu werden 2) ^ auch da- 
für, dass es sich hier um die Tungrer handle, lässt sich nichts 
Stichhaltiges vorbringen 3). Eine Quelle Gregors scheint die 
Thoringer als Anwohner der See gedacht zu haben ^) ; so set- 
zen wir sie am sichersten aufs linke Rheinufer an die iMün- 
dungen von Rhein und Maas. Ob diese Thoringer den sali- 
schen Franken verwandt waren, oder nic'ht, zu entscheiden, 
fehlen uns die Mittel; Gregor fasst sie offenbar als einen nicht 
verwandten Stamm auf. 

Etwas genauer als über diesen Krieg sind wir unterrich- 
tet über Chlodovechs Krieg mit den Alamannen, doch sehen 
wir auch hier nicht so klar, wie wir wünschen könnten. 



') Gr. II, 27: decimo regni sui anno Thoiingis bellum intulit, eos- 
demquc suis ditionibus subiugavit. 

*^) Waitz. Das alte Recht der salischen Franken p. 18 — .52 und 
Vfg. IF, 59, wo auch darauf üufnierksam gemacht ist, dass schon die 
Geste c. il di% Thüringer in Deutschland verstanden. Deshalb auch die 
Aenderungen „commoto exercilu magno valde in Toringiam abiit : ipsos- 
que Toringos plaga magna prostravit." 

3) Diese Ansicht vertreten Huschberg p. 629 und Petigny 11, p. 406. 

*) Basina sagt zum Childerich Gr. II, 12; si in transmarJrtis parti- 
bus aiiquem cognovissem uliliorem te . . . 



39 



Gregor >) berichtet den Alamannenkrieg als den entschei- 
denden Anlass für den üebertritt Ghlodovechs zum Christen- 
thume. Er folgt dabei einer i\i seiner Zeit gewiss weit ver- 
breiteten Auflassung, welche namentlich der katholischen Geist- 
lichkeit nahe liegen musste. Nach Gregors Erzählung koJimii 
es im Jahre 486 ^j zu einem Zuge gegen die Alamannen. „Als 
beide Heere zusammentrelTen , entsteht gewaltiges Morden, 
Chlodovechs Heere droht Vernichtung. Da ruft der Franken- 
könig gläubigen Herzens in lautem Gebete die Hülfe des Chri- 
stengottes an, weichen seine Gattin Chrotechildis bekennt, und 
noch während er betet, wenden die Alamannen den Rücken 
und beginnen zu fliehen. Da sie ihren König getödtet sehen, 
unterwerfen sie sich Chlodovechs Gewalt mit den Worten: 
Nicht länger, bitten wir, sei der Vernichtung geweiht unser 
Volk, schon sind wir dein. So hemmt Ghlodovech ferneren 
Krieg, er ermahnt das alamannische Volk zur Treue, er kehrt 
in Frieden zurück und erzählt seiner Kömgin von dem unter 
göttlichem Beistande gewonnenen Siege." 

Den Ort, wo diese entscheidende Schlacht geschlagen ist, 
deren Folge nach Gregor die Unterwerfung des alamannischen 
Volkes war, erfahren wir aus ihm nicht, doch hat man längere 
Zeit Zülpich südwestlich von Cöln dafür gehalten 3). Gregor 



') ür. II, 30. Die Abweichungen der Historia epiloniala und der 
(Jesta, welche hier bedeutender sind, als sonst, werden unten Berück- 
sichtigung tiitden. Die Rolle, welche Aurelian in den Gesta spielt, ist 
gewiss nicht geschichtlich , er kommt nur in den Dichtungen von Chlo- 
dovechs Vermahlung vor: jedenfalls durfte dies nicht in die £rzahlung 
des Herganges aufgenonnnen werden. Auf den Gesta beruhen die hje 
(Hui da ausschmückende V. Kcmigii Bouquet III, 375 und die kürzende 
V. Chrolhildis ib. 398. ebenso die V. Arnulti ib. 383. 

'^) Die Datirung ergiebt sicli aus der Lesart einer alten Handschrift 
des Gregor, vgl. Bouquet II. praef. p. VII. Bello probibito , cohortato 
populo cum pace regressus narravit reginae qualiter per invocationem 
Hominis Christi victoriam meruit obtinere. Actum anno XV. regni sui. 
Auch die Gesta haben diese Datirung wohl aus altern Handschriften Gre- 
gors aufgenommen. 

^) So seit Masco V II, 14 und Dubos IV, 1 die meisten Neueren, na- 
mentlich Düntzer in d. .labrbüchern des Vereins von AlterthumsfreMiid«n 
im Rheinlande lU, 32 und XV, 50. n. 44; selbst Merkel, de republica 
Alamannorum p. 6 hat diesen Irrthum beibehalten. 



r 

1> 



40 



41 



erwähnt nnmlich beiläufig M einmal , dass Sigibert der König 
der ripuarischen Franken aus einem Kampfe mit den Alamannen 
bei Zülpich einen lahmen Fuss davon getragen : dass aber diese 
Schlacht eine und dieselbe ist mit derjenigen, in welcher Ghlo- 
dovech siegte , lässt sich nicht erweisen 2) ; zum mindesten 
würde man eine Riickbeziehung auf die früher ohne Angabo 
des Ortes erwähnte Schlacht erwarlen. Eben so willkürlich 
aber sucht man in jenem Kampfe Sigiberts mit den Alamannen 
für Chlodovech den Anlass diese zu bekriegen 3). Die Nach- 
richten Gregors reichen nicht aus zur Bestimmung des Ortes 
der Schlacht: grössere Sicherheit gewinnen wir aus einer an- 
deren Quelle, welche neben Gregor selbständige Bedeutung hat. 
der Vita Vedasti **). Als Chlodovech ins Alamannenland gekom- 
men sei 5), so berichtet die Quelle, habe vor der Schlacht der 
Rhein die kampflustigen Heere getrennt gehalten. Es scheint 
demnach, dass die Schlacht stattfand, als Chlodovech den Rhein 
überschreiten wollte. Der Hergang der Schlacht wird in üe~ 
bereinstimmung mit Gregor berichtet, nur fällt hier der Ala- 
mannenkönig nicht, er wird mit seinem Volke von Chlodovech 
unterworfen. Diese abweichende Angabe beruht indes wohl 
auf einem Versehen *). Nach seinem Siej^e kehrt dann Chlo- 



'} Gr. II, 27 : Hie Sigiberlus pugnans cünlra Alainunnos apud 
Tulbiacense oppidimi percussus in geniculo claudicabaL Die Emeiida 
fion Tullense oder Tulliacense oppidum, wofür sich auch Türk, For 
schlingen III, 98 erklart, fördert die Sache nicht, üeber Sigiberts Lahm- 
heit vergl. auch Gr. 11 , 40 Chlodovechs Worte an Sigiberts Solin : Eccc 
pater tuus senuit et pede debili Claudicat. 

^) Gegen jene Combination Luden III, 649 ; dann Sybel Jahrbucher 
III , 39 a. a. 0. Waitz Vfg. II , .56. 

*) Diese Beziehung haben Luden III. 68, auch Heltberg Kirchenge- 
schichte I, 265, ebenso Düntzer a. a. 0. nachzuweisen gesucht. 

*) Bouquet III , 372. Gegen Düntzors AngritTe a. a. 0. verthoidigt 
die Giaubwiirdigkeit mit Recht Sybel Jahrbücher III, 40. 

*) Die Worte der Vita sind gewiss minder verderbt als Düntzer 
annimmt, um durch Eraendation eine ihm unbequeme, doch werthvolk 
Nachricht zu beseitigen. Ueber den Sinn des Ganzen ist kein Zweifel 
Die Worte lauten: Quo cum venisset ab utroque acies et nisi obvium 
bestem habuisset Rheni, tarn Franci quam Alamanni ad mutuam caedem 
inhiarent ... 

'• *) Auch unsere älteren Quellen stimmen in diesem Puncte mit 
Gregor ij berein , s unten p. 41 n 7. u. p. 43 n. 1. 



dovech über Toul , den Gau von Vouzy , Billy, dem Laufe der 
Aisne folgend, nach Rheims zurück *). Hiemit stimmt es überein, 
wenn eine andere Quelle weiss . dass Chlodovech auf der 
Rückkehr Joine berührt hat 2). Es ist daher nicht unwahr- 
scheinlich, dass das Schlachtfeld am obern Rheine gewesen ist 3). 
Das Resultat des von Chlodovech gewonnenen Sieges ist 
nach Gregor die Unterwerfung des alamannischen Volkes. 
Man hat die Genauigkeit dieser Angabe in Zweifel gezogen. 
Wir wissen, dass Theoderich der Grosse seine Aufmerksam- 
keit diesen Verhältnissen zugewandt hat und selbst vermittelnd 
aufgetreten ist. Uns ist noch in Cassiodors Sammlung 4) Theo- 
dorichs Brief an Chlodovech erhalten, dieser ist zu einer 
Zeit geschiMeben , wo schon beide Könige verwandt waren, 
wahrscheinlich auch nach ('hlodovechs Uebertritte zum Chri- 
stenthume ^). Dass derselbe wirklich in Anlass des Krieges 
geschrieben ist, von welchem Gregor berichtet, nicht etwa in 
Anlass eines späteren 6), wird zur Genüge durch die im Briefe 
berührten Thatsachen erwiesen. Die alamannischen Stänune 
sind von Chlodovech mit siegreicher Hand unterworfen, der 
König ist gefallen, der Stolz des Volkes gebrochen; demüthig 
hat es um das Geschenk des Lebens gebeten '). Theoderich 



') Victor ... ad Tullum oppidum venit . . . Dum pariter perge- 
rent, quadam die venerunt in pago Vongise ad locum qui dicitur Gran- 
deponte iuxta villam Rilugiago super fluvium Axona. Deindc ad Remo- 
rum urbem . . perduxit. 

■^) V. Arnulf! Bouquet III, 3S3: victor (Chlodoveus) ad Juviniacum 
in pago Suessonico remeavil. 

^) Wie Sybel a. a. 0. dazu kommt, Toul als den Ort der Schlacht 
zu bezeichnen , begreife ich nicht 

^) Cass. Var. II, 41. 

^) Dies hat Düntzer a. a. 0. XV, 35 0. aus den Ausdrücken affini- 
las, parcnles und gentilitas nachgewiesen. 

♦•) Düntzer hat diese Behauptung aufgestellt a. a. 0. III, 34 und 
trotz geschehener Einsprache von Waitz Vfg. II, 57. n. 4 festgehalten. 
Kin spaterer Krieg ist gewiss nicht anzunehmen; auch nach einer Stelle 
in Avitus' bald nach Weihnachten 496 geschriebenem Briefe ist mit dem 
Feldzuge von 496 Alles beendet; s. unten p. 47. n. 3. Theoderichs Brief 
scheint bald nach dem Ende des Krieges geschrieben zu sein. 

') ... Alamannicos populos causis forlioribus inclinatos , victrici 
dextera subdidistis. ... Memorabilis triurophus est, Alamannum acer- 



'•«^ 



n 



wünscht dem Frankenkönige Glück zu dem errungenen Erfolge, 
doch bittet er ihn, seinen Aufbruch (Zorn ?) gegen die erschöpfe 
tea> Ueberbleibsel zurückzuhalten , da nach dem Rechte der 
Gnade frei auszugehen verdienten, welche in den Schutz sei- 
nes (Chlodovechs) Verwandten geflohen seien. Chlodovech 
solle denen gnädig sein, welche sich, verscheucht aus ihrem 
Lande, innerhalb seiner (der ostgothischen) Gränzen geborgen. 
Denn trefte er mit den noch Uebrigen zusammen, so werde man 
nicht glauben, dass er die Gesammtheit besiegt habe. Theo- 
derich hofft Gewährung seiner Bitte, und verspricht in diesem 
Falle gegen Chlodovech nichts zu unternehmen >). Wir sehen, 
nur müde Ueberbleibsel — es scheint fast, dass aus der Schlacht 
entkommene Krieger gemeint sind — haben bei Theoderich 
Schutz, Aufnahme gesucht; die Gesammtheit des Volkes ist Chlo- 
dovech unterworfen, diese Flüchtlinge — - ihre Zahl kann nicht 
gross sein — will Theoderich vor der nach Kriegsrecht ihnen 
drohenden Knechtschaft schirmen. Da ausdrücklich gesagt 
wird, die aufgenommenenAlamannen würden jetzt aufgescheucht 
aus ihrem Lande von Theoderichs Gränzen geborgen , so ist 
dadurch die Auffassung, Theoderieh wolle alamannische Gebiete 
Chlodovechs Herrschaft entziehen, ausgeschlossen. 

Schwieriger dagegen ist es, die richtige Auffassung einer 
diese Verhältnisse berührenden Stelle aus der Lobrede des 
Bischofs Ennodius auf den Ostgothenkönig Theoderich zu ge- 
winnen 2). Alamanniens Gesammtheit, meint Ennodius, sei von 

rimuni sie expavisse, ut tibi cum cogas de vitae nuineie supplieare. 
Wie eng sich diese Worte mit Gregor berühren , springt in die Augen. 
Sufticiat ilhim regem cum gentis suac superbia oecidisse. sutticiat innu- 
merabilem nationem partim ferro partim servitio subjugatam — Mit 
Bewusstsein sind im Briefe die Ausdrücke populi Alamanniei und die 
unter sich gleichbedeutenden natio, gens einander gegenüber gestellt. 
Früher waren die Alamannen unter mehrere Könige gctheilt: jetzt ste- 
hen sie unter einem einzigen. 

') Sed . . motus vestros in fessas reliquias temperale, quia jure 
graliae merentur evadere, quos ad parentum vestrorum defensionem 
respicitis confugisse. Estote illis remissi , qui nostris finibus celantur 
exterrili .... Nam si cum reiiquis contligis, adhue cunclos superjisse 
non crederis. . . . Cede itaque suaviter genio nostro, quod sibi gentili- 
tas communi remitiere consuevit exemplo. 

'*) Ennodii Panegyricus bei Manso, Gesch. des ostgoth. Reiches 
p. 477. 



m 



Theoderich innerhalb der Gränzen Italiens eingeschlossen ohne 
iNachtheil für den römischen Possessorenstand : so sei ihr nun- 
mehr ein König zu Theil geworden, nachdem sie den ihrigen 
verloren >). Wächterin des latinischen Reiches sei sie geworden, 
sie, die immer in Verheerung römischer Gebiete sich ergan- 
gen. Zum Glücke sei sie geflohen aus ihrem Vaterlande, denn 
so sei ihr des römischen Bodens Reichthum zu Theil gewor- 
den 2). Ein Land habe sie gewonnen , welches vom Karste 
sich bewältigen lasse, obschon ja nicht aller Schade vergessen 
werden könne 3). So sehe man unter Theoderich aus Unglück 
Glück entstehen, befreit von ihrem Rohre wünsche die Ala- 
mannenschaar sich Glück, ein Land zu bebauen, welches sich 
ihr, die bisher nur undichte Wohnstätten gekannt, durch fe- 
slerer Binsen Wohlthat empfohlen *). Die Ansicht, Theoderich 

') Quid? quod a te Alamanniae generalitas intra Italiae terminos 
sine detrimento Romanae possessionis inclusa est, cui evenit habere 
regem, postquam meruit perdidisse. — Der Ausdruck generalitas wird 
freilich zunächst auf die «iesammtmasse des alamannischen Volkes bezo- 
gen werden , doch muss es autlallen , dass E. den Ausdruck Volk ganz 
umgeht. So kann man immerhin den volltönenden Ausdrück auf Rech- 
nung des Panegyrikers schreiben und ihn etwa „Gemeinde" übersetzen. 
Wie man inclilsa est zu fassen hat, muss zweifelhaft bleiben. In 
t'ebereinstimmung mit Gregor wird auch hier gesagt, dass der König 
der Alamannen getöttet sei. 

'-) Facta est Latiaris custos impcrii. semper nostrorum populatione 
grassata , cui feliciter cessit fugisse patriam suam , nam sie adepta est 
soli nostri opulentiam. — Man kann zweifeln, ob in custos impcrii der 
Sinn liegt, den aufgenommenen Alamannen sei die Beschirmung der 
Gränze anvertraut, oder ob der Ausdruck bildlich zu fassen ist. Die 
erste AutTassung ist wohl die bessere: eine Fortdauer römischer Sitte 
auch in dieser Beziehung kann bei dem Charakter von Theoderichs Reich 
nicht aufifallen. Die Worte fugisse patriam sind entscheidend für die 
Bedeutung der Stelle, ebenso das folgende „adepta est soli nostri opu- 
lentiam" und „acquisistis terram"; sie lassen nur den Sinn zu, wel- 
chen wir im Briefe fanden. Wie eng sich die Worte „fugisse patriam" 
mit denen des Briefes „qui nostris finibus celantur exteniti" berühren, 
leuchtet ein. 

-*) Acquisistis, quac noverit ligonibus tellus adqufescere , quamvis 
non contigerit damna nescire. — .\uch hierin tritt es klar zu Tage, die 
Alamannen haben ihr Land aufgegeben. Dass bei dem Lande, welches 
Nie entschädigen soll, ausdrücklich gesagt wird , es sei cultur fähig, 
macht es wahrscheinlich, dass es uncultivirt war. 

'*) Sub te vidimus eventus optimos de adversilate generari et tieri 



4% 



45 






habe alamannische Gebiete in sein Reich aufgenommen, findet 
durch diese Stelle keine Bestätigung. Den flüchtigen Alaman- 
nen, für welche Theoderich nicht ohne Erfolg gebeten hat, 
sind an der Nordgränze von Theoderichs italienischem Reiche 
feste Wohnsitze angewiesen. Es ist geschehen ohne Nachtheil 
der römischen Possessoren; so scheint ihnen uncultivirtes , je- 
denfalls herrenloses Land , an welchem in jener Zeit überall • 
kein Mangel sein konnte, angewiesen zu sein. Dass diese Ala- 
mannen, deren Zahl nicht bedeutend gewesen sein kann, als 
Entgelt für das ihnen angewiesene Land, die Pflicht der Gränz- 
vertheidigung übernahmen , ist wahrscheinhch : Theoderich 
niusste es daran liegen, seine Nordgränze gegen die ihm durch 
die letzten Ereignissse näher gerückte fränkische Macht zu si- 
chern. Wo aber und in welchem Umfange diese Ansiedelun- 
gen flüchtiger Alamannen stattgefunden haben, näher zu be- 
stimmen, reichen unsere Quellen nicht aus *). 

Durch das, was sich aus unbefangener Auffassung unse- 
rer Quellen über Theoderichs Vermittlerrolle ergiebt , wird 
also Gregors Angabe, das ganze alamannische Volk sei Chlo- 
dovech in Folge jenes Sieges unterworfen, nicht erschüttert: 
die Annahme, es seien die südlichen Theile des Elsass 2), oder 
überhaupt des alamannischen Landes 3) Theoderich zugefallen, 
(indet in unseren Quellen keine Bestätigung «). Dagegen ist 



secundorum matrcm occasionem periculi. Ulvis liberata gralulatur ter- 
rain incolens , quae liactenus dehiscenlibus domiciliis , solidiori schoeni 
emergebat beneficio. — Teber die Deutung der Stelle ^g\. Mani^os Anni. 
Ennodius meint, auch festere gegen Wind und Wetter mehr gesicherte 
Wohnsitze hätten die Alamannen in der neuen Heimath gewonnen. 

•) Manso p. 59 meint , sie seien im heutigen (iraubünden angesie- 
delt; Burckhardt Archiv lur schw. Gesch. IV, 49, es sei an den Gran- 
zen von Schwaben , im nördlichen Vorarlberg (Bregenzerwald) im obern 
Lechthal und dem Oberinnthal in Tirol geschehen , wo noch alamanni- 
sche Mundart herrsche. 

^) Luden III, 70. 

') Stalin Wirtembergische Gesch. I, 150 meint, der alamannische 
Theil der Schweiz, der spätere constanzer und der augsburger Sprengel 
seien Tbeoderich zugefallen. 

*) Dass Agathias I , 6 mil den von Tbeoderich unterworfenen Ala- 
mannen TorToi'? St nqöxtqov StvötQ^x^^i . . . c\- ipo^ov anaywy^v na^aötfi- 



eine andere Behauptung aufgestellt: es seien damals alamanni- 
sche Gebiete freigeblieben. Von Ghlodovechs Enkel Theude- 
bert sind noch Alamannen unterworfen, wie eine Quelle be- 
richtet i). Doch unterliegt es wohl keinem Zweifel , dass 
die Quelle hier dasselbe im Sinne hat, wie weiter unten, wo 
sie berichtet, die Ostgothen hätten von den Oströmern be- 
drängt, das alamannische Volk aufgegeben *) , unter dem wir 
eben jene alamannischen Ansiedelungen auf ostgothischem 
Gebiete verstehen 3). Hiedurch also wird die Annahme noch 
freier alamannischer Gebiete nicht bewiesen: doch könnte es 
scheinen, als führten fränkische Quellen auf sie. Die Gesta 
berichten nämhch, Chlodovech habe einen Zug gegen die Ala- 
mannen undSueven unternommen 4): in dem weiteren Verlaufe 
des Krieges ist von den Sueven nicht die Rede. Ist nun diese 
Abweichung nicht auf eine Umschreibung von Gregors Wor- 
ten zurückzuführen 5) , so könnte man annehmen, dass die 
Sueven, also etwa w eiter südöstlich gelegene Gebiete, von dem 
Geschicke der Alamannen unberührt geblieben seien 6). Ein 
zeitweiliges Freibleiben alamannischer Gebiete, oder genauer 
genommen alamannischer Volksgenossen dagegen erwähnt eine 



odfiivot; xatfjuoov tl/i ro (fükov, nur jene alamannischen Ansiedlungeu 
meint, steht wohl fest; vgl. Waitz Vfg. II, 58. n. I. 

*) Agathias I, 4 : na^a/.afjMv de T^y naT(tföav a^xrjv u SfvSlßnttoq 
ToiJt; tt ^Alafiawoiiq y.aTtat(ji^>ato moU ä).?.a arra n(i6<ioi'Ha t&vij. 

^) Agathias I, 6: l'&tBoi vTto&wntvortf^ rovq fl'^dyHovq .... m'(»wv 

Vgl. Stalin 150 n, 4. und 152. 

3) Stalin fasst natürlich die den Franken nun zufallenden alamanni- 
schen Gebiete als jene frühern Erwerbungen Theoderichs , deren Werth 
er- zu hoch anschlug lieber Merkels Auffassung dieses Vorganges vgl. 
Waitz in Gott. gel. Anzeigen 1850. p. 398. 

^) Gesta c. 14. Chlodovech glaubt nicht an den Christengott , do- 
nec tandem aliquando bellum contra Alamannos Suevosque moveret. 

^) Der Suevenname gewann bekanntlich später neben dem Ala- 
mannennamen wieder Geltung , bis er diesen verdrängle. Vielleicht 
sind die Gesta in einer Zeit geschrieben , wo beide Namen neben ein- 
ander für dasselbe Volk bestanden, und folgen dem Sprachgebrauche 

ihrer Zeit. 

«) Bei dieser Auffassung könnte man auch eher die Widersprüche 
bei Agathias erklären , doch ist sie gewiss eine unnatürliche. 



■^';» 



andere fränkische Quelle, die Historia epitoniata *). Hier schwei- 
fen die Alaniannen neun Jahre fern von ihren Sitzen umher; 
da sie kein Volk finden können, das ihnen gegen die Franken 
Hulf«; geboten, unterwerfen sie sich endlich Chlodovechs Macht. 
Es ist bedenklich , diesen Bericht mit Gregor combiniren zu 
wollen 2) ; das Zeugniss der bessern Quelle verdient allein 
Glauben, möghcherweise folgt die Historia epitomata hier wie- 
der einmal der die Geschichte ausschmückenden Volksüberlie- 
rung und denkt an die Alamannen , welche bei Theoderich 
Schutz suchten. 

Wir halten also an Gregors Angabe fest, dass durch seinen 
Sieg Ghlodovech das ganze Alamannenvolk unterworfen hat 3). 
Es fragt sich indes, bedingte diese Unterwerfung für alle Theile 
des alamannischen Landes ein gleiches Loos, oder fanden Un- 
terschiede statt? Jedenfalls ist es eine bemorkenswerthe Er- 
scheinung, dass früher alamanuische Gebiete, die nördUchen 
Gegenden um den Main und Neckar, in der späteren deutschen 
Geschichte als durchaus fränkisch erscheinen, während das 
nachmalige Herzogthum Alamaunien seinen besondern Stamni- 
cbarakter bewahrt hat. Man wird müghcherweise in der Art 
der Behandlung bei der Eroberung den Grund dieser Erschei- 
nung suchen: es könnte immerhin jener nördliche Theil des 
alamannischen Landes dem Sieger abgetreten sein : der Grund- 






') Hist. epit. c. 21 nach Merkel p. 32 : Alamanni terga vertentes 
in fuga lapsi sunt. Cumque regem suuni ceinerent interemptum noveni 
anuis exoli a sedibus eoruni nee ullain potuerunt gentem conperire, 
qui ei contra Francos auxiliarel , landein se dicionem Chlodoviae sub- 
dunt. 

Ludcns Auflfassung dieser Stelle ist gewiss eine willkürliche III, (>51 ; 
exoli kann gewiss nicht bedeuten, was er darunter versteht. Seine 
Emendation wird durch die älteste Handschrift nicht bestätigt. 

-) Merkel p. 6 unterscheidet 496, nach 10 Jahren, und von den 
Ostgothen 536 erworbene alamannische Gebiete. Er meint die nach 10 
Jahren unterworfenen hätten eignes Recht behalten : dies sollen die 
Sueven gewesen sein. Doch diese Unterscheidung ist willkürlich ; vgl. 
VVaitz Gott. gel. Anz. 1850. p. 396. 

^) Die Annahme Ludens III, "0 und Düntzers XV, 40, es liabe sich 
überhaupt nur um westrheinische Gebiete gehandelt, ist ganz gegen die 
Quellen. Mtinso p. 59 .scheint doch an eine Eroberung des ganzen ala- 
mannischen Gebietes ^u denken. 



47 



satz deutscher Eroberung, wonach ein besiegtes Volk dem sie- 
genden ein oder zwei Drittel seines Gebietes überlassen musste, 
wUrde dann hier noch einmal seine Anwendung gefunden haben. 
So würde es sich erklären, wie ein Theil des Landes die alaman- 
nische Nationalität, das alamannische Recht bewahrte, ein ande- 
rer in fränkisches Gebiet überging. In jenem Theile erhielt dann 
das Volk nur einen neuen Herrscher, in diesem verlor es die 
politische Selbständigkeit, wenn es nicht das Land verliess *). 
Directe Zeugnisse giebt es für eine solche Annahme freilioh 
nicht 2) : ob man aus einer Stelle in einem Briefe des Bischofs 
Avitus von Vienne 3) , wo Chlodovechs Mitleid gerühmt wird, 
welches ein neuerdings von ihm freigegebenes kriegsgefange- 
nes Volk erfahren habe, darauf schliessen darf, dass diesem 
Volke, in dem wir nur die Alamannen sehen können, anfangs 
ein härteres Loos bestimmt gewesen, dass dann Milderung ein- 
getreten sei, muss dahingestellt bleiben. 



4. Chlodovechs Vermähluno:. 

In die Zeit zwischen die Eroberung des Thoringerlandes 
und die Unterwerfung des alamannischen Stammes fällt Chlo- 
dovechs Vermählung mit der burgundischen Königstochter 
(^hroteehildis. 

Gregor eczählt dies Ereignis folgendermassen 4). „Gundioch 



•) Diese Ansicht ist aufgestellt von Waitz Vfg. 11 , 58. Andere Er- 
klärungen ib. 57. n. 3. 

'^) Wenn Tbeoderichs Brief unterscheidet ..sufliciat innumerabileai 
nationem partim ferro , partim servitio subjugatam", so bezieht sich das 
nur auf Besiegung und Unterwerfung der Alamannen. Die Worte der 
Gesta „Alamannos cepit . ip.sos terramque eorum sub jugo tributarios 
constituit", sinil schwerlich mehr als eine Umschreibung von Gregors 
Bericht. 

^) Ep. Aviti bei Boutfuet IV, 50: an misericordiam (vobis praedi- 
cabimus) quam solutus a vobis adhuc nuper populus captivus gaudiis 
mundo insinuat lacrymis deo ? 

**) Gr. 11, 2S: Huic (Gundeucho) fuemnt quatuor filii, Gundobadus, 
Godegiselus, Qhilpericus et Godomarus Igilur Gundobadiis Chilperiouni 
fratrem suum interfecit gladio uxoremque eins, ligato >ad colluui lapide, 
aquis inmersit. Huius duas filias exsilio condemnavit : >quarum senior 



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48 

biüterliess vier Söhne Gundobad , Godegisel, Ghilperich und 
Godomar. Gundobad tötete seinen Bruder Ghilperich mit dem 
Schwerte und Chilperichs Weib ertränkte er. Seine beiden 
Töchter, von denen die allere Chrona, welche ins Kloster 
ging, die jüngere Ghrotechildis genannt wurde, verbannte er. 
Als nun Chlodovech öfter eine Gesandschaft nach dem Burgun- 
derlande schickt, wird Ghrotechildis von seinen Gesandten ge- 
funden. Diese lernen ihre Schönheit und Klugheit kennen 
und melden es dem Ghlodovech. Sogleich sendet er eine Ge- 
sandtschaft zum Gundobad und verlangt sie zur Ehe. Gun- 
dobad wagt nicht dem Frankenkönige sein Begehren zu wei- 
gern ; er liefert das Madchen den Männern aus. Diese brin- 
gen rasch das Mädchen zu ihrem Könige, der König erfreut 
vermählt sich mit ihr. Schon hal er von einem Kebsweibe 
einen Sohn mit Namen Theuderich.*' 

Auser diesem Berichte haben wir zwei spätere in den 
Gesta und der Historia epitomata, andere kommen nicht in 
Betracht»). Gregor giebt die kürzeste Erzählunj;, sehr viel 
ausführlicher ist die Historia epitomata, am ausführlichsten 
sind die Gesta. Im Anfange stimmen beide fast wörtlich 
mit Gregor überein, doch so wie sie auf die Geschichte der 
Vermählung selbst kommen, weichen sie von ihm und un- 
ter sich weit ab. Man kann nur noch das Gerippe der Yer- 
mählungsgeschichte, wie es bei Gregor gegeben ist, wiederer- 
kennen 2). Das Ereignis wird mit einer Genauigkeit und Aus- 



mutala veste Chrona, iunior Clirolechildis vocabalur. - Poito Clilodc»- 
vechus dum legatioiiem in Burgundiam saepius mittit , Ghrotechildis 
puella reperitur a legatis eins. Qui cum eam vidissent elegantem al- 
que sapientem et cognovissenl , quod de regio esset genere, nui»tiave- 
lunt haec Ghlodovecho regi. — Nee moralus ille ad Gundobadum lega- 
lionem dirigit eam sibi in matrimonio petens. Quod ille recusare me- 
tuens, Iradidit eam viris - illique accipientes puellam , velocius regi 
repraesentani. — Qua visa rex valde gavisus suo eam coniugio socia- 
vit, habens iam de concubina tilium nomine Theodoricum. 

>) Die üebersicht des Inhaltes im Anhange. Die V. Ghrolildis 
Bouquet III, 397 fl"- kürzt nacii Belieben den Bericht der Gesta. Naiv 
ist es, wenn der Schreiber der Vila von den beiden Bitten der Chlotilde 
die Bitte um Rache weglasst, da sie auf seine Heilige ein zu schlechl.es 

Licht werfen könnte. 

-) Die fünf Hauptraomenle sind : Geschick der beiden Töchter Kö- 



«9 

führlichkeit erzählt, welche im Vergleiche mit dem kurzen Be-^ 
richte Gregors im höchsten Grade auffallen muss. Bei Gregor 
wird in kurzen einfachen Zügen das Wesentliche gegeben: in 
den Gesta und der Historia epitomata finden wir ruhige, be- 
hagliche Breite der Erzählung, Neigung zum Individualisiren «), 
Verweilen beim Einzelnen, ausgeführte Reden und Gegenreden. 
In sachlicher Hinsicht kann man sie mit Gregor kaum zusam- 
menstellen, sie erweitern ihn nach allen Seiten hin. Vieles 
davon trägt einen durchaus novellistischen Charakter an sich, 
so namentlich die Bettlerrolle Aurelians. Anderes könnte 
man eher für geschichtlich halten, doch wird dies von beiden 
Quellen in so abweichender Fassung oder Anordnung gege- 
ben, dass man schon deswegen bedenklich werden muss. So 
behandelt die Historia epitomata Flucht und Verfolgung aus- 
führlicher, die Gesta erzählen die Ehe weitläufiger; in den 
Verhandlungen der werbenden Gesandten mit Gundobad ist in 
der Historia epitomata dSs Juristische hervorgehoben u. s. f. 
Nicht immer sind es dieselben Personen , welche handelnd in 
den beiden Berichten auftreten : die Werbung Ghlodovecbs beim 
Gundobad geschieht in den Gesta durch Aurelian, in der Hi- 
storia epitomata durch andere Gesandte, die Historia epitomata 
nennt den Aurelian ausdrücklich einen Römer, in den Gesta 
geschieht dies nicht. Einzelne Elemente werden an verschie- 
denen Stellen in verschiedener Weise verwandt; so die Gefahr, 
welche Aurelian durch seine Verkleidung als Bettler sich zu- 
zieht, bestohlen zu werden. Man sieht, das Ganze ist noch 
flüssig, einer verschiedenen Gestaltung fähig, obschon wesent- 
liche Grundzüge sich festgestellt haben. Dazu kommt, dass ift 
beiden Quellen eine bedeutende Verschiedenheit in der Auf- 
fassung der Bedeutung des Ereignisses hervortritt. Dem durch 
sie bestimmten Grundgedanken gemäss gestaltet sich das Ein- 



nig Chilperichs, Sendung Chlodovechs nach dem Burgunderlande, Wer- 
bung bei Gundobad, Brautfahrt der Ghrotechildis, Vermählung: danach 
sind Gregor p. 47 n. 4 und die Berichte im Anhange gegliedert. 

') Bemerkenswerth ist das Streben der Hist. epit , überall an ein 
bestimmtes geographisches Lokal anzuknüpfen. Freilich ist «uch so völ- 
lige Bestimmtheit nicht erreicht. Die Gesta theilen dies Streben nicht : 
sie lassen Alles im Unbestimmten. 



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51 



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zelne. Den Gesta ist Chlodovechs Vermählung der Änlass 
für seine Bekehrung zum Ghristenthuine. Gleich zu Anfang 
wird es hervorgehoben, Chrotechildis sei Christin, und da die- 
ser Ton einmal angeschlagen ist, klingt er überall durch. Chro- 
techildis Frömmigkeit wird besonders nachdrücklich hervorge- 
hoben: als sie Chlodovechs Werbung empfangt, ist ihr erster 
Gedanke, die Christin dürfe den Heiden nicht heirathen; des- 
halb besinnen auch mit der Ehe ihre Versuche, den heidnischen 
König dem katholischen Glauben zu gewinnen. Die burgundi- 
sche Quelle dageg(»n fasst die Vermählung auf als Anlass zum 
Untergange des burgundischen Reiches: die Pflicht der Rache 
kommt durch die Vermahlung an Chlodovech; Aridius weiss 
dies und trilt freilich zu spät als Warner auf; als Chrotechildis 
das burgundische Land verlässt, beginnt sie durch einen sym- 
bolischen Akt selbst die Rache. In wie hohem Grade abwei- 
chend die Darstellung unter dem Einflüsse dieser beiden Auf- 
fassungen sich gestalten musste und*gestaltet hat, liegt auf der 
Hand *). Gewiss haben beide Auff'assungen ihre Berechtigung 
auch in der Geschichte 2); gegen Quellen aber, welche sich in 
solchem Masse von ihnen beherrschen lassen, darf man mistrau- 
isch sein. Dazu kommt, dass eine bestimmte paiteiische Färbung 
unverkennbar hervortritt, besonders in den Gesta. Im Vollgefühle 
der fränkischen Kraft betrachtet sie die Burgunder als schwach, 
feige; daraus erklärt sich das Abmahnen der burgundischen 
Grossen, als ihr König zum Kriege geneigt ist. Weniger deut- 
lich zeigt sich etwas Derartiges in der burgundischen Quelle, 
doch ist auch hier Abneigung gegen die Franken bemerkbar 3) 
und natürlich. Auf eins muss noch hingewiesen werden, wel- 
ches sich in den beiden Quellen geltend macht, auf den Einfluss 



•) Freilich Icennt auch die Bist, epitomata Chrotechildis Christenlhum, 
auch in den Gesta findet sich der Gedanke der Rache, allein die für 
beide als charakteristisch bezeichnete Auffassung tritt durchaus in 
den Vordergrund. 

*) Fauriel W , 493 — .^06 behandelt die Berichte in einem Anhange. 
Er erkennt als zu Grunde liegende Tendenz ein Streben , die Treue, 
Geschicklichkeit der Gallorömer dem fränkischen Könige zu empfehlen; 
cf. p. 505. 506. 

'^) Bist. epit. c. 19: ... quam omni tempore tu et tui scandalize- 
mini a Francis 



der Zeit in welcher sie entstanden sind. Vielfach spiegeln sich in 
der Darstellung die Zustände einer späteren Zeit, namentlich 
die Gesta kennen eine Stellung der Grossen am burgundischen 
Hofe, wie sie zur Zeit Chlodovechs gewiss nicht bestanden hat. 
Ebenso ist die Kenntnis des später ei^folgten Unterganges des 
burgundischen Beiches durch die Franken nicht ohne Einfluss 
auf die Darstellung geblieben : die handelnden Personen kön- 
nen mit Bestimmtheit auf das Kommende hinweisen. 

Wir gelangen also zu dem Besultate, dass unsere beiden 
späteren Berichte über Chlodovechs Vermählung zu den streng 
historischen Quellen nicht gerechnet werden können; es sind 
Dichtungen, Lieder, welche sich im Laufe der Zeit im Franken- 
lande und in Burgund im Munde des Volkes ausgebildet ha- 
ben, bis sie durch die Verfasser der Historia epitomata und 
der Gesta ihre Aufzeichnung fanden. Gewiss ist dabei 
noch Manches eigenthümlich gestaltet, namentlich mag der 
Grundgedanke schärfer hervorgehoben und bei der Darstellung 
der Gesta vielleicht hineingetragen sein. Es besteht hier 
jilso für unsere drei Berichte im Ganzen das gleiche Verhält- 
nis, wie bei dem ersten Theile unserer üeberlieferungen über 
Childerich. Neben Gregor kommen die beiden spätem Erzäh- 
lungen für die Erforschung des Historischen nicht in Betracht «). 
Um so grossere Bedeutung haben sie für die Geschichte der 
deutschen Heldensage. Die deutsche und zunächst die frän- 
kisch - burgundische Heldensage hat nachweislich 2; einzelne 
Momente aus der burgundischen Geschichte aufgenommen, be- 
sonders ist die Vermählung Chlodovechs mit der rachedürsten- 
den Chrotechildis als Motiv des Unterganges der Burgunder von 
entscheidendem Einfluss auf die Fassung der Niblungensage 
gewesen, wie sie uns in den Bearbeitungen aus dem Ende 
des zwölften, Anfang des dreizehnten Jahrhunderts noch vor- 
liegt Wir können an unseren beiden Berichten nachweisen, 
dass schon im siebenten Jahrhundert einzelne Elemente der 
deutschen Heldensage eine poetische Ausbildung erlangt hat- 
ten, welche späterhin im wesentlichen bewahrt isL 

') Versuche wie die von Dubos III, 23, Huschberg 632 , P6tigny H, 
400 ff. durch Combination beider Quellen, mit Ausscheidung des Unwahr- 
scheinlichsten, Geschichte zu machen, verdienen keine Widerlegung. 

^) S. Müller, Versuch einer mythol. Erklär, der Niblungensage p. 31 ff. 

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52 

Wir kehren nun zu unserem allein glaubwürdigen Be- 
richte über Chlodovechs Vermählung bei Gregor zurück. Zu 
seiner Zeit scheint sich noch nicht die Dichtung dieses Ereig- 
nisses bemächtigt gehabt zu haben. An der Wahrheit des bei 
Gregor Erzählten zu zweifeln, haben wir keinen Grund, wir 
dürfen seinen Bericht unbedenklich in die beglaubigte Ge- 
schichte aufnehmen. Was er indess von den Gräuelthaten 
Gundobads gegen die Familie seines Bruders berichtet, mag 
mit etwas zu schwarzen Farben gemahlt sein «). Gregor folgte 
fränkischen Quellen: sie mögen zum Nachtheil des Burgunder- 
köni"s, welcher ja ausserdem Arianer war, entstellt haben; 
denn was wir sonst vom Gundobad wissen, zeigt ihn uns von 

einer besseren Seite. 

Wann Chlodovech sich mit der burgundischen Königs- 
tochter vermählt hat, sagt Gregor nicht: wir können vermu- 
then, dass es 493 geschah 2). 

Für die wichtigste Folge dieser Vermählung hat man es 
wohl gehalten, dass die Verpflichtung zur Blutrache für den 
ermordeten König Chilperich von Burgund an Chlodovech und 
seine Familie gekommen sei, und damit ein Vorwand, Burgund 
zu bekriegen, zu erobern. Wir sahen, dass die burgundische 
Dichtung dies hervorgehoben hat. Für die Geschichte hat 
es weniger Bedeutung; denn rechtlich war ja diese Verpflich- 
tung vorbei, seitdem das Christenthum angenommen war, und 
überhaupt hat Chlodovech nicht eben nach einem Vorwande 
für seine Eroberungskriege gesucht. Weit bedeutender ist es, 
dass Chlodovech eine Christin zur Gemahlin bekam, und zwar 
eine katholische Christin 3). Mehrere deutsche Könige sind 
für das Christenthum. namentlich das katholische Bekenntnis 
durch ihre Frauen gewonnen worden : so berichtet auch Gre- 
gor *) von unablässigen Versuchen der frommen Königin, Chlo- 

») Hierauf hat etwas einseitig Luden Ilf , 62 u. Anm. hingewiesen ; 
"forsichliger Gaupp, die german. Ansiedlungen p. 2S8. 

') Vgl. Dubos III, c. 24. Chlodovech sind 2 Söhne geboren, bevor 
er (496) in den alamannischen Krieg zieht. 

3) P^tigny II, 411 u. 400 meint ohne allen Grund, die Heirath mit 
einer katholischen Christin sei Bedingung der Unterwerfung des Landes 
bis zur Seine gewesen. 

♦) Greg. II, 39. Dass Cbrotecbildls Rede nur ein Machwerk Gregors 
ist, liegt auf der Hand; vgl. Retlberg a. a, 0. I, 273. 



93 



dovech dem Christenthume zuzuführen. Chlodovechs Antwort 
athmet ganz den Geist des deutschen Heidenthums : „durch 
den Befehl der heidnischen Götter werde Alles geschafl'en, die 
Ohnmacht des Christengoltes zeige sich darin , dass er nicht 
einmal von göttlichem Geschlechle sei >).'' Dennoch hat es, wie 
Gregor erzahlt, Chlodovech zugegeben, dass Cbrotechildis den 
ersten Sohn Ingomer, den sie gebar, christlich laufen liess; 
der Knabe erkrankte und starb noch bevor er die weissen 
Taufgevvänder abgelegt hatte. Bei Chlodovech regt sich die 
Furcht vor dem Zorne der beleidigten heidnischen Götter: 
wäre der Knabe in ihrem Namen geweiht, meint er, so würde 
er ihm erhalten geblieben sein. Dennoch liess er auch beim 
zweiten Sohne Chlodomer die Königin gewahren. Als auch 
dieser nach der Taufe erkrankt, zweifelt Chlodovech von 
Neuem an der Macht des Christengottes, bis Ghrotechildis Gebet 
den Knaben rettet. Wir sehen, welchen Einfluss die Ueberlie- 
ferung, welcher Gregor folgt, der Chrolechildis im Hause Chlo- 
dovechs zuschreibt; ein christliches Element ist so in seine 
Familie eingedrungen, dies konnte auf den König selbst und 
seine Entschlüsse nicht ohne Eintluss bleiben. 



5. Chlodovechs Bekehrung zum Christenthume. 

Wir geben zuerst an der Hand unserer Quellen eine Darstel- 
lung der Taufe Chlodovechs, um dann kurz auf die Bedeutung 
seines Uebertrittes zum katholischen Christenthume einzugehen. 
Wir finden bei Gregor eine ausführiiche Schilderung der 
Taufe 2). Seine Darstellung trägt eine vorwiegend kirch- 
liche Färbung, doch tritt das legendenhafte Element, welches 
in spätem Berichten Geltung gewinnt, kaum hervor. Er er- 
wähnt selbst, dass eine Lebensbeschreibung des Bischofs Be- 
migius von Bheims vorhanden sei 3). in dieser muss Chlodo- 

') Deorum nostrorum iussione omnia creantur ac prodeunt: Deus 
vero vester nihil posse raanifestatur, ei quod magis est, nee de deorum 
genere esse probatur. 

*) Greg. II, 31. üeber die Abweichungen der abgeleiteten Quellen 
im Anhange. 

') ibid : est enim nunc Über vitae eius, qui eum narrat mortuum 
suscitasse. Mit welchem Rechte Giesebrecht a. a. 0. I, 91 n. 2 an die 



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vechs Taufe als das wichtigste Ereigniss im Leben des Bi- 
schofs mit besonderer Vorliebe behandelt gewesen sein. Da 
die Lebensbeschreibung noch zu Gregors Zeiten vorhanden 
war, ist es undenkbar, dass sie von ihm nicht benutzt sein 
sollte ; die Vermuthung , dass er die Taufe im wesentHchen 
nach dieser alten für uns verlorenen Vita Remigii berichte, 
liegt daher sehr nahe. 

Gregor knüpft an seine Erzählung vom Alamannenkriege an. 
Die günstige Stimmung, welche der über die Alamannen er- 
rungene Sieg in Ghlodovech geweckt, soll nicht unbenutzt blei- 
ben. „Die Königin lässt heimlich •) den Bischof Remigius von 
Rheims rufen, damit er den König, der damals auf dem Rück- 
wege aus dem Alamannenkriege begriffen in Rheims rastete 2)^ 
in den Lehren des Heiles unterweise. Als Remigius damit be- 
ginnt, sagt Ghlodovech: „Gern, heiligster Vater, will ich dich 
hören , doch will mein Volk seine Götter nicht verlassen 3)^ 
aber ich will zu ihm reden nach deiitem Worte." Allein noch 
bevor er zur Versammlung der Seinigen gesprochen, rief gott- 
begeistert das gesammte Volk : „Die sterblichen Götter werfen 
wir von uns, frommer König : wir sind bereit , dem unsterbli- 
chen Gotte zu folgen, den Remigius predigt." Sogleich liess 
der Bischof mit grosser Feierlichkeit und Pracht die Zurüstun- 
gen zur Taufe treffen ; Strassen und Kirche werden mit Vor- 
hängen herrlich geschmückt 4)^ Weihrauchduft verbreitet sich, 
wohlriechende Kerzen flammen, so dass die Anwesenden der 
Wohlgerüche des Paradieses Iheilhaftig zu sein glauben. Der 
König im weissen Gewände des Täuflings 5) verlangt zuerst 
vom Remigius die Taufe, ein neuer Constantin schreitet er zum 



noch erhaltene Vita, welche Fortunat zugeschrieben wird, denkt, sehe 
ich nicht ein. 

') clam, secretius, wohl deshalb, weil man der Zustimmung 
des frankischen Volkes noch nicht sicher ist. 

^) Vgl. oben p. 41 n. I u. 2 das über Chlodovechs Rückkehr Zu- 
sammengestellte. 

**) So fasst mit Recht Löbell p. 258 die Worte: sed reslat unum, 
quod populus qui me sequitur non patitur telinquere Deos suos. Die 
andere Auffassung, welcher Luden III, p. 73 folgt, nach patitur ein me 
ergänzend, ist grammatisch und durch den Sinn weniger empfohlen. 

*) Zwischen plateae und ecclesiae ist zu interpungiren. 

') Siehe die Stelle der £p, Aviti, Bouquet IV, p. 55 n. 3. 



Taufstein: „Beuge dein Haupt in Demulh Sigambrer •)", sprach 
der heilige Mann, „bete an, was du verbrannt, verbrenne, was 
du angebetet hast." So wird Ghlodovech, nachdem er — fipd 
Gregor hebt dies mit besonderem Nachdruck hervor, dem ari- 
anischen Bekennlnis gegenüber — den dreieinigen Gott be- 
kannt hat, getauft im Namen des Vaters, des Sohnes, des hei- 
Ift^en Geistes, er wird gesalbt mit dem heiligen Oele, das Zei- 
chen des Kreuzes wird geschlagen über den ersten deutschen 
König 2), welcher der katholischen Kirche gewonnen ist. Mit 
ihm wurden von seinem Heere mehr als 300U getauft, ebenso 
seine Schwester Albofled, die nicht lange darauf starb. Zu- 
gleich wandte sich eine andere Schwester Chlodovechs Lan- 
techild von der Lehre des Arius dem katholischen Glau- 
ben zu." 

So weit Gregor. Sein Bericht tragt durchaus das Gepräge 
der Wahrheit an sich : er sagt eher zu wenig, als zu viel. Auf 
die Bedeutung, welche man der kirchlichen Feier auch äusser- 
lich zu geben suchte, fällt Licht durch eine Stelle aus ei- 
nem gleichzeitigen Briefe 3) des Bischofs Avitus von Vienne 
an Ghlodovech : danach scheint zur Taufe in Rheims ein Theil 
der katholischen Geistlichkeit Galliens, zum mindesten die Ge- 
sammtheit der damals Ghlodovech untergebenen Bischöfe ver- 
sammelt gew esen zu sein , auch an katholische Bischöfe, wel- 



') Mitis depone colla Sicamber: adora quod incendisli, inceiide quod 
adorasti; mitis steht prädikativisch; vgl. Luden HI, 73. 

^) Die Worte Gregors „delibutqsque sacro chrismate cum signaculo 
crucis Christi" übersetzt Luden „er ward gesalbt in der Gestalt des Kreu- 
zes Christi mit heiligem Oele." — üeber den katholischen Ritus finde ich 
nichts Bestimmtes. Die bei Matthies, baplismatis exposilio p. 212 n. 54 
aufgeführten Stellen enthalten Nichts darüber; auch die Stelle Cyprianl 
ep. LXXII: . . ut qui in ecciesia baptizantur praepositis ecclesiae offeran- 
tur, nt per nostrara orationem et manus impositionem spirilum sanctum 
consequantur et signaculo dominico consummentur — lässt im Unklaren 
darüber , ob das Salben in Form des Kreuzes geschah oder nicht. Bei 
Gregor ist doch die gegebene Auflfassung sprachlich allein möglich. 

^) Ep. Aviti bei Bouquet IV, 50 A: Conferebamus namque nobis- 
cumque tractabamus, quäle esset illud , cum adunatorum numerus 
ponlificum manus sancti ambitione servitii membra regia undis vitalibus 
confoveret, cum se Dei servis inflecteret timendum gentibus caput, cum 
sub casside crines nulritos salutaris galea sacrae unctionis indueret. 



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che nicht zu Cblodovechs Reiche gehörlen, sind wohl Einla- 
duDgen ergangen ; entschuldigt sich doch der Bischof Avilus 
fa$t , dass er persönlich nicht habe zugegen sein können. Der 
Bericht bei Gregor erwähnt die Anwesenheit jener Bischöfe 
nicht; doch erklärt sich das leicht daraus, dass Remigius der- 
jenige ist, welcher die heilige Handlung vollzieht und deshalb 
auch neben Ghlodovech allein hervortritt. * 

Wir müssen aber noch etwas näher auf abweichende An- 
gaben der Quellen über einzelne Punkte eingehen , da neben 
der echten üeberlieferung über Ghlodovechs Taufe sich auch 
eine falsche gebildet hat. 

Was zuerst die Zeit der Taufe betrifft, so giebt Gregor 
sie nicht bestimmt an. Andere Quellen ■) haben die Nachricht, 
Ghlodovech sei am Osterfest getauft 2). Aus dem Briefe des 
Avitu^ von Vienne dagegen 3) geht es hervor , dass die Taufe 
am Weihnachlsfeste war; und da Ghloidovech auf der Rückkehr 
vom Alamannenkriege des Jahres 496 getauft ward , ist auch 
als Jahr der Taufe das J. 496 sicher gestellt. Dazu kommt bestä- 
tigend ein indirectes Zeugnis in dem Briefe des Remigius 4), wel- 
cher ebenfalls bald nach der Taufe geschrieben ist. Die Erwäh- 



') Hist. epit. c. 21 : nam cum de proelio memorato superius Chio- 
doveus Remis fuisset reversus, dam a S. Remedio Remensis urbis epi- 
scopo adtrabento etiam Chrothechilde regina baptismatis gratia cum VI 
miiibus Francorum in pascha domini coiisecratus est. Dieselbe Angabe 
in V. Remigii, Bouquet HI, 376. 

^) Dubos IV, 1 versucht mit vielem Scharfsinn nachzuweisen, wie 
die abweichende Angabe entstanden sei , doch überzeugt er nicht. Eher 
kann man mit Rettberg I, 276 meinen, dass Ostern als die übliche Tauf- 
2eit genannt sei. 

'^) Die betreffenden Stellen des Briefes sind folgende : . . . . siquidem 
•t occiduis partibus in rege non novo novi iubaris lumen etfulgurat. 
Cuius splendorem congrue redemptoris nativitas inchoavit: ut consequen- 
ter ea die ad salutem regenerari e\ unda vos pateat quo natum redempti- 
oni suae caeli dominum mundus accepit. Igitur qui celeber est natalis 
domini, sit et vestri; quo vos scilicet Christo, quo Christus ortus est 
mundo. Avitus ist durch einen Boten von der Taufe benachrichtigt : 
unde nos post hanc exspeciationem jam securos vestri sacra nox re- 
perit 

'*) Bouquet IV, 51 fin.: Tarnen per harum (epistolarum) baiulum si 
iubetis, ut vadam, contempta hiemis asperitate ... ad vos . . . perveoire 
cont^ndan). 



57 



nung der winterlichen Kälte würde hier unmöglich einen Sinn 
haben, wenn die Taufe Ostern gewesen wäre. So leidet es 
keinen Zweifel, die Taufe war Weihnachten 496. 

Auch über den Ort der Taufe finden sich widersprechende 
Angaben. Aber dass sie in Rheims geschah, giebt eine Quelle 
ganz bestimmt an •). Die entgegenstehende Angabe des Bi- 
schofs Nicetius in einem Briefe an Ghlodovechs Enkelin, wo- 
nach die Taufe in der Kirche des heiligen Martin in Tours ge- 
wesen wäre, scheint in der That nur auf einem Versehen zu 
beruhen *). 

Bestritten ist endlich auch die Zahl der in Rheims mit 
Ghlodovech getauften Franken. 

Es fragt sich vor allen Dingen, ist mit Ghlodovech zugleich 
das ganze fränkische Volk getauft, oder nicht. Gregor giebt 
die Zahl der Getauften auf mehr als 3000 an. Dies sind waf- 
fenfähige Männer, ein Theil von Ghlodovechs Heere 3). Wenn 
vorher, als Ghlodovech dem Volke seinen Entschluss mittheilt, 
das ganze Volk bereit ist, die alten Götter aufzugeben , so ist 
der Ausdruck wohl nicht buchstäblich zu nehmen. Man hat 
wohl Stellen angeführt gegen die auf Gregor begründete Auf- 
fassung, doch wird sie durch dieselben nicht erschüttert; die 
eine dieser Stellen hat offenbar eine spätere Zeit im Auge 4)^ 
eine andere ist zu allgemein gehalten, um bestimmte Folgerun- 
gen zu gestatten 5), eine dritte scheint auf Misverständnis zu 



>) V. Vedasti, Bouquet III, 372: Quo (in Rheims) quantfsper mo- 
ratus sacrae trinitatis fidem Chlodoveus professus baptismi graliam re- 
cipiU 

') Bouquet IV, 77 C und Anm. Von ihrer Grossmutter meint Nice- 
tius habe Chlodoswind gehört, wie eifrig Chlodovech von Remigius un- 
terwiesen , die Wahrheit zu erkennen gestrebt. Cum ista . . . probala 
cognovit, humilis ad Domini Martini limina cecidit et baptizari se sine mora 
permisit. Vgl. Rettberg I, 276. 

^} De exercitu vero eius baptizati sunt amplius tria millia. 

*) Brief des Hormisda V. Remigii, Bouquet III, 379 C: . . . Chludo- 
wici, quem nuper ad fidem cum gente integra convertisti et sacri dono 
baptismaüs consecrasti. 

^) Brief des Papstes Anastasius an Chlodovech, Bouquet IV, 50 E: 
quippe sedes Petri in lanta occasione non potest non laetari, cum plcni- 
tudinem gentium intueatur ad eam veloci gradu concurrere. 



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beruhen *). Es geht auch aus andern guten Quellen hervor, 
dass nicht das ganze Volk der Franken mit Chlodovech ge- 
tauft wurde ; Avitus hofft, dass nach Chlodovechs Bekeh- 
rung Gott auch das Frankenvolk bald ganz sich zum Eigenthuni 
erwerben werde 2) ; Vedast zum Bischof von Arras erho- 
ben hat noch zu thun mit der Bekehrung der Franken sei- 
ner Üiöcese 3). So guten und so bestimmten Zeugnissen 
gegenüber bedarf es keiner weitern Widerlegung der An- 
nahme, dass das ganze Frankenvolk schon Weihnachten 496 
übergetreten sei. Doch scheint es, als müsse Gregors Angabe, 
über 3000 von Chlodovechs Heere seien mit ihm getauft, sich 
noch eine Berichtigung gefallen lassen. Eine andre Quelle er- 
zählt 6000 seien getauft % wieder eine andere 3000 Waff"en- 
fähige seien getauft, ausserdem Weiber und Kinder &), eine 
dritte, es seien 364 gewesen, freilich werden dieselben als 
vornehme Franken bezeichnet. Die letzte Angabe verdient 
keine Berücksichtigung 6) : die bei Gregor fehlenden Weiber 



') Rede des Hinkmar, Baluz Cap. T. H, p 22(1. (vgl Dubos III, c. 19): 
Hludovici regis Francorum inclili per beali Remigii . . . praedicationem 
cum inlegra genle conversi et cum tribus millibus Francorum exceplis 
parNulis et mulieribus . . . baplizati; vgl mit der Stelle der Gesta c. 15: 
BaptJzantui- de exer< itu cius amplius quam tria millia viiorum. Bapti- 
zantur sonores . . . ipsa die. Baplizalurque postea cunclus populus Fran- 
corum cum gloria , woraus gewiss Hinkmar schöpfte. 

'-) Bouquet IV, 50 B: unum quod vellemus augeri , ut quia Deus 
gentem vesiram per vos ex tolo suam laciet — . 

3) V. Vedasti Bouq. III, 372: Erat gratus penes aulam regiam (Ve- 
dastus), nee valebat Francorum viros a profanis erroribus ex inlegro re- 
trahere. Sed paulatim, quos per dulcia etfamina religionis subdebat, ec- 
clesiae cipiebat sinu. 

*) Hist. epit. c. 21 ; s. p. 56 n 1. 

5) V. Remigii, Bouquet III, 377: Baptizantur aulem de exercitu eins 
tria millia virorum exceptis parvulis et mulieribus. Dubos überschätzt 
den Werth dieser Stelle, da er sie auf die alte V. Remigii zurückrührt. 

*) V. Solennis, Acta SS. Boll. Sept. VII, 69 : Qui (Solennis) sacerdos 
. . . assumsit secum sacrae legis cultores Remigium et Vedastum ... et 
ad regem perveniens buptizavit eum cum omnibus dignitalibus suis et 
simul cum eo duces 364 nobilissimos Francorum . . . Die Vita verräth 
auch sonst leicht ihre völlige Unkenntnis: ist auch nicht alt. Rettberg I, 
277 überschätzt ihren Werth. 



und Kinder sind in den andern Quellen offenbar eine reine Zu- 
that '), und es bleibt also doch bei der Nachricht Gregors. 

Wenigstens erwähnt werden muss hier noch die wunderliche 
Vermuthung 2), bei Anlass der Taufe habe ein Theil der Chlo- 
dovech untergebenen Franken seiner Herrschaft sich entzogen, 
um der alten heidnischen Rehgion getreu unter Ragnachars 
Herrschaft zu leben ; sie findet in den Quellen keinen Anhalt 3). 
Wann freilich Chlodovechs Franken ganz dem Chrislenthume 
gewonnen waren, können wir nicht genau sagend]; aus dem 
von Hinkmar mitgetheilten Briefe des Papstes Hormisda wird 
man nicht schHessen: dass dies noch zu Lebzeiten des Bischofs 
Remigius geschehen sei 5). Ebensowenig wissen wir, ob 
Chlodovechs Uebertritt einen directen Einfluss auf die Chri- 
stianisirung der übrigen salischen Franken ausübte. König 
Chararich und sein Sohn waren Christen, als Chlodovech ihr 
Reich in Besitz nahm ; von Ragnachar und seinen Brüdern, 
ebenso von den übrigen Chlodovech verwandten Königen der 
salischen Franken ist uns nichts Bestimmtes bekannt. Sie 
scheinen Heiden geblieben zu sein 6). Ebenso die ripu^rischen 
Franken unter ihrem Könige Sigibert. 

Mit welchem Interesse man Chlodovechs Uebertritt zum 
katholischen Glauben in der katholischen Christenheit vernahm, 
welche Hoffnungen man daran zu knüpfen wagte, beweisen 
uns noch zwei Zuschriften von hochgestellten katholischen 
GeistHchen, welche Chlodovech bald nach seiner Taufe eni- 



*) Die Abweichung der Hist, epit. ist nach dem Dafürhalten Bou- 
quels Schreibfehler. Rettberg I, 277 meint, 3(100 hätten sich zur Taufe 
entschlossen, jene 364 Edle seien mit (Chlodovech Weihnachten 496 ge- 
tauft, die grössere Menge am nächsten Pascha gefolgt. So lassen sich 
freilich die widersprechendsten Angaben vereinigen 

*) Löbell 261. 266. Rettberg I, 275, wogegen Waitz Vfg. II, 48 
n. 2. 

^) Nicht einmal in der Stelle der V. Remigii, Bouquet III, 377 D. 
Multi denique de Francorum exercitu necdum ad fidem conversi cum re- 
gis parente Ragnacario ultra Summam fluvium aliquamdiu degerunt. 
Dass dies Chlodovechs Franken waren , liegt gar nicht in den Worten 
der Quelle. 

.*) Vgl. die Stelle der Gesta c. 15, p. 58 n. 1. 

^) S. oben p. 57 n. 4. 

') S. n. 3. 



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pfänden hat. Die eine ist vom Bischöfe Avilus von Vienne, 
welcher nach Kräften die Siiche des katholischen Glaubens im 
arianischen Burgunderlande förderte. Der Brief soll seine Ab- 
wesenheit bei der Taufe entschuldigen. 

Avitus schreibt dem Könige ') erfreut, dass trotz der Bemü- 
hungen der Irrgläubigen (Avitus meint otFenbar die Arianer) Chlo- 
dovech für die wahre Lehre gewonnen sei. Während sie (die 
KathoUken) ihr Geschick der Ewigkeit vertraut hatten, wahrend 
sie dem jüngsten Gerichte die Entscheidung darüber anheim ge- 
stellt, was ein jeder von Beiden Richtiges glaube, sei auch hier 
in der Zeit ein Strahl der Wahrheit hervorgebrochen. Denn 
die göttliche Vorsehung habe einen Richter gefunden. Chlo- 
dovechs Wahl sei ein Urtheil für Alle. Jetzt werde man nicht 
mehr wie früher den Ermahnungen der Priester, den Auffor- 
derungen der Genossen, die Gewohnheit des väterlichen Ge- 
schlechts und die Weise der väterlichen Sitte entgegenstellen. 
Avitus lobt es, dassChlodovech von der ganzen Gescblechtsreihe 
uralter Herkunft mit dem Adel allein zufrieden, gewollt habe, 
dass, was nur immer jeglicher edelen Geburt Gipfel zieren 
könne, für sein Geschlecht von ihm selbst ausgehe 2). Den Vor- 
fahren gleich herrsche er in der Welt, im Reiche Gottes sei 
er Vorbild der Nachkommen. Avitus freut sich, dass nunmehr 
auch im Westen die rechtgläubige Kirche einen König erwor- 
ben habe 3), dessen Wiedergeburt bedeutsam mit dem Geburts- 
fesle des Erlösers zusammengefallen sei 4). Durch einen Bo- 

') Bouquet IV, 49 ff. Avilus Viennensis episcopus Chlodovecho 

regi. 

^) De tolo priscae originU stemmate sola iiobilitale cüiitenli, 
quiiiquid omiiis potest fastigium gencrositatis ornare, prosapiae vesdae 
a vobis voiuistis e\surgerc. Die Erklärung der Stelle ist vernachläs- 
sigt. Wenn man bedenkt, dass Chlodovech durch den Uebertritt zum 
Christenthumo die alten liütter aufgab, kann man über das, was Avitus 
sagen will, nicht schwanken. Wir wissen , dass bei andern deutschen 
Stammen die königlichen Geschlechter sich von den Göttern herleiloten. 
Das giebt Chlodovech auf: es bleibt ihm nur der .\del seines Geschlech- 
tes; an Chlodovech ist es, nun durch den Ruhm, welchen er erwirbt, 
den Glaoz, die Hoheit zu ersetzen, welche seinem Gescblechte bis dahin 
Zurückführung auf die Götter gab. 

^) Dies ist gesagt im Hinblick auf den oströmischen Kaiser Ana- 
stasius, welcher nicht für ganz rechtgläubig galt. 

') S. d. Stelle oben p. 56 n. 3. 



61 



ten benachrichtigt, hat Avitus am Weihnachtsfeste die Taufe, 
welcher er persönlich nicht hat beiwohnen können, im Geiste 
mitcefeiert j sich ausmahlend jenen w ellgeschichtlichen Augen- 
blick, wo das von den Völkern gefürchtete Haupt sich zur 
Taufe den Dienern der Kirche gebeugt hat •). .letzt hofft er, 
werde die Taufe Ghlodovechs Waffen stärken 2) , wie sie bis- 
dahin das Glück begünstigt. Ermahnen will Avitus den König 
nicht : er bedarf nicht der Mahnung zum Glauben, zur Demulh, 
zur Milde, da er sie schon bewiesen, wo sie von ihm noch 
nicht verlangt werden konnten. Nur an eins erinnert Avitus: 
bald werde Gott das Frankenvolk ganz sich zum Eigenthum 
erworben haben : so solle er es nicht versäumen , Völkern, 
welche noch unberührt durch falsche Lehre im Hcidenthume 
lebten, vom Schatze seines Glaubens mitzutheilen : er solle die 
Mühe nicht scheuen , durch Sendung von Heidenbekehrern 
Gottes Reich zu fördern, welcher das seine so hoch erhoben. 
Dann , meint er , würden auch die auswärtigen heidnischen 
Völker Chlodovech anfangs der Religion wegen dienen , doch 
bald ihm ganz zufallen 3)^ und eine gemeinsame Sonne werde 
er strahlen, heller freilich denen in seiner unmittelbaren Nähe 
durch sein Diadem, doch auch den Abwesenden durch seine 
Herrscherwürde. Alles feiere mit ihm seine Triumphe , auch 
die Kirche berühre sein Glück : so oft er kämpfe, siege sie. 
Zum Schlüsse empfiehlt Avitus Ghlodovechs Mitleid den Sohn 
des Laurentius. 

Auch Papst Anastasius hat einen Brief gesandt *). Er ist 
hoch erfreut, dass seine Erhebung auf den päpstlichen Stuhl 
mit des Könics Taufe zusammengefallen sei. Der Stuhl des 
Petrus müsse frohlocken, dass ihm die Menge des Volkes zu- 



') S. d. stelle p. 55 n. 3 

'■') Nee pudeat pigealque etiam direclis in rem legationibns adslru- 
ere partes Dei, qui tantum vestras erexit : quatenus externi quoque po- 
puli paganorum, pro religionis vobis primilus imperio serviluri, dünn ad- 
huc in alios videntur habere proprietatem, discernani potius gentem quam 
principem. 

^) In Avitus Gundobad i J. 499 gegebener Antwort (s. unten) klin- 
gen dieselben Ideen durch. Achnlictie Stellen bei Löbell p 260« 

*) Bouquet iV, 50. Giorioso et illustri filio Cludoecho Anastasius 
episcopus. 



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62 



ströme *). Diese Freude zu bezeugen , sendet er den Pres- 
byter Eumenius, mahnend , der König möge im Guten behar- 
ren, zur Freude der Kirche seiner Mutter; er möge ihr eine 
eherne Säule sein, jetzt zumal in der Zeit der Anfechtung 2). 
Doch hofft er auf den Herrn, welcher den Frankenkönig aus 
der Macht der Finsternis errettet, und der Kirche einen Für- 
sten zugeführt hat, welcher ihr Schirm und Schutz gewähren 
könne. Er empfiehlt den Frankenkönig seinen geliebten, ruhm- 
vollen Sohn, und dessen Reich dem göttlichen Schutze. 

Gewiss haben es auch die katholischen Geistlichen, welche 
Chlodovech als ihren König anerkannten, an Beweisen ihrer 
Theilnahme nicht fehlen lassen. Namentlich sehen wir noch 
aus einem Briefe des Remigius seine Sorge für den neugetauf- 
ten König 3). Chlodovechs Schwester Albofled mit ihm zu- 
gleich zum Christenthume übergetreten, starb sehr bald; Re- 
migius war bemüht, den König zu trösten: wünscht Chlo- 
dovech es, so will er trotz der Winterkälte, nicht achtend des 
Weges Mühe, von Rheims nach Soissons kommen. Diese Sorge 
ist gewiss eine aufrichtige. 

In der That konnte die katholische Kirche frohlocken über 
den neuerworbenen Christen ; Chlodovechs Uebertritt war für 
sie ein Ereignis von der grössten Bedeutung: wir sehen es 
aus den Briefen des Avitus und Anastasius, dass die Einsich- 
tigeren dies wohl erkannten. Das arianische Bekenntnis 
herrschte damals in allen deutschen Reichen des westlichen 
Europa, das katholische war das unterdrückte. Jetzt gewann 
die katholische Kirche eine feste Stätte in dem neubegründe- 
len fränkischen Reiche, welchem man noch eine weitere Aus- 
breitung prophezeien konnte. Einem solchen Reiche gesellt, 
mussle sie einen gewaltigen Aufschwung nehmen. Das frän- 
kische Reich war geeignet der Vermittler des Ghristenthums 
auch für die noch heidnischen Deutschen zu werden 4); es 



') p. 57 n. 5. 

2) Laetifica ergo, gloriose et illusJris fili, matrem tuam et eslo illi 
in columnam ferream. 

^) Bouquet IV, 51. Domino illustri meritis, Chlodoveo regi Remi- 
gius episcopus. - Vgl. mit firegor 11, 31 fin. 

*) Ep. Avili Bouquet IV, 50 B : • ünum ergo quod vellemus au- 
gerl, ut . . . uUerioribus quoque gentibus, quas in naturali adhuc igno- 



63 

konnte auf der andern Seite dem Arianismus beschränkend 
entgegentreten, zum mindesten den Katholiken unter arianischer 
Herrschaft seinen Schutz bieten. Allein auch Chlodovech ge- 
wann durch seinen Uebertritt zum Christenthume und nament- 
lich zum katholischen Christenthume viel. Er kettete ohne 
Zweifel die nicht fränkische Bevölkerung der ihm untergebe- 
nen Gebiete nördlich der Loire fester an sich, er gewann vor 
allem die katholische Geistlichkeit für sich mit ihrer in den 
Stürmen jener Zeit fest begründeten Gewalt über die Gemü- 
ther der Menschen. Sie giebt Chlodovechs Regierung eine hö- 
here Weihe, seinem Reiche auch äusserlich einen christlichen 
(Charakter ^). Ja auch in den Chlodovech nicht untergebenen 
Theilen Galliens richteten sich die Augen aller katholischen 
Romanen auf Chlodovech, sie hoffen durch ihn Befreiung von 
den verhassten arianischen Herrschern 2), wir werde^i sehen, 
dass Chlodovech bei seinen Unternehmungen gegen Burgund 
und das westgothische Reich eine fränkische Partei im Lande 
hülfreiche Hand bot. 

Es ist nun die Ansicht aufgestellt, schon Chlodovech habe 
den für ihn aus seinem Uebertritte zum Katholicismus erwach- 
senden Vortheil erkannt; er sei, eben um ihn sich zu sichern, 
aus slaatskliigen Absichten Christ geworden 3). Im Gegensatze 
zu dieser pragmatischen Auffassung haben andere im Uebertritte 
Chlodovechs eine Wirkung des heiligen Geistes gesehen 4). 
Es ist gewiss immer misslich in der Geschichte aus persönli- 



ranlia constitutas nwlla pravonim dogmatiim germina corruperunl , de 
bono thesauro vestri cordis fidei semina porrigatis 

') Waitz Vfg. II, 4^ n. 4. 

Interessant ist die Auffassung Ep. Nice^ii, Bouquet IV, 77 : Qui 
(Chlodoveus) baptizatus quanta in haereticos Alaricum vel Gondobaldum 
Reges fecerit audisti. S. auch Greg. I. III, prooem. 

^) Planck, Gesch. der christlich kirchl. Gesellschaflsverfassung II, p 
25 meint, aus Politik sei Chlodovech katholischer Christ geworden, um 
die Bewohner des eroberten Landes für sich zu gewinnen, und so den 
in Gallien gegründeten Staat zu befestig"en ; sodann, um einen Vorwand 
zum Kriege gegen die ketzerischen Burgunder und Gothen zu haben. 

^) Löbell p. 2IS9 ff, seine Ansicht 262; ähnlich Retiberg I, 274 ff. 
Dem steht die ältere Ansicht Schlossers, Weltgesch. in zus. Erz. I, 102: 
„Chlodovech nahm die christliche Religion an , oder vielmehr übte die 
Ceremonien derselben statt der heidnischen" schroff genug gegenüber. 



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eben Motiven zu viel herleiten zu wollen. Wir dürfen nicht 
verkennen, dass das fränkische Volk und mit ihm. der Köniü; 
von verschiedenen Seiten Einwirkungen erfuhren, welche noth- 
wendig früher oder später zur Annahme des Christenthums 
fuhren mussten. Seitdem Chlodovech an Syagrius Stelle ge- 
treten, war er mit seinen Franken mitten hineingestellt in 
eine Umgebung, wo das ganze Leben, die ganze Bildung 
schon vom Christenthume durchdrungen waren. In stetem 
Zusammenleben mit den katholischen Romanen konnten die 
Franken diesen christhchen Einflüssen sich nicht verschliessen ; 
sie waren denselben um so mehr ausgesetzt, als sie getrennt 
waren von den filten Stätten ihrer heidnischen Gottesvereh- 
rung. Auf Chlodovech selbst hat offenbar grossen Einfluss 
geübt seine Gemahlin. Schon dass er als Heide eine Christin 
heirathen konnte, wird uns ein Beweis dafür sein, welch eine 
Geltung christliche Anschauungen bereits bei Chlodovech und 
in seiner unmittelbaren Umgebung erlangt haben mussten. 
Dass sie nach der Vermählung noch mehr an Kraft gewinnen 
mussten, ist klar; Chlodovech hat es zugegeben, dass die bei- 
den Sohne, welche ihm Chrotechildis vor seinem Uebertritte ge- 
bar, christlich getauft wurden. Von Bedeutung ist auch Chlo- 
dovechs persönliches Verhältnis zum Bischof Remigius von 
Rheims, zu anderen Geistlichen seines Reiches *) ; die katholi- 
sche Geistlichkeit wird es nicht versäumt haben, direct und 
indirecl auf den fränkischen König, auf sein Volk einzuwir- 
ken; selbst von aritinischer Seite scheinen Versuche gemacht 
zu sein, den fränkischen König zu gewinnen 2): die katholische 
Geistlichkeit wird nicht minder eifrig gewesen sein 3). . Was 
Gregor von der Chrotechildis erzählt 4), dass sie durch das 
Gepränge des christlichen Cultus bei der Taufe ihrer-Söhne auch 
den starren Sinn Chlodovechs, welchen ihre Predigt nicht beu- 



1 



•) Auch die V. Vedasii und V. Arnulfi T^'issen von einem Einfluss 
dieser Männer auf Chlodovech. 

') Anfang des Briefes des Avitus p. 60. 

^) ib : solent plerique . . . si pro expetenda sanilate credendi aut 
sacerdotum hortatn aut quorumcunque sodalium suggestione monean- 
tur, consuetudinem generis et ritum paternae observalionis opponere 

*) Greg. II. 29. 



65 

gen konnte, einzuwirken gesucht, wird auch die katholische 
Geistlichkeit beim fränkischen Volke nicht versäumt haben. 

So erkennen wir, wie allmäblich, allein sicher, das heid- 
nische Volk dem christlichen Glauben zugeführt werden muss- 
te, und zwar dem kathohschen Bekenntnis, da dieses allein 
in den Gegenden herrschte, wo das fränkische Reich begrün- 
det war. Wann der Uebertritt geschah, ist da im Grunde von 
geringer Bedeutung, denn erfolgen musste er doch einmal. 
Was man auch immer von den Vorgängen in der Alamannen- 
schlacht halten mag i), man wird zugestehen müssen, dass sie 
nur für den Moment des Uebertrittes von Bedeutung gewesen 
sein können; dieser selbst war eine geschichtliche Noth- 
wendigkeit. Dass aber Chlodovech sich zum katholischen Glau- 
ben wandte , ist für die Geschichte von der grössten Bedeu- 
tung : nur so ward die unselige Spaltung der arianischen Ger- 
manen und der katholischen Romanen beseitigt und jene innigb 
Verschmelzung der beiden iNationalitäten möglich, welche be- 
deutsam für das geschichtliche Leben der kommenden Zei- 
ten geworden ist; durch Chlodovechs Taufe geschah zugleich 
der erste Schritt, jene Verbindung des Germanenthums mit 
der römischen Kirche zu begründen, in welcher Grösse und 
Verlan des Mittelalters zugleich ihren Grund haben. 



6. Der Krieor Chlodovechs wiit Burgund. 

Von kleinen Anfängen ausgegangen, nahm Chlodovechs Reich 
in Gallien gegen Ende des sechsten Jahrhunderts eine nicht unbe- 
deutende Stellung ein. Nordwärts der Loire war dem Franken- 
könige alles Land unterworfen, schon war durch die Unterwer- 
fung der Thoringer, der Alamannen auch ins Innere Deutschlands 
der Weg eröffnet. Durch die Annahme des Christenthums 
hatte dies Reich im Innern eine grössere Einheit gewonnen, 
gemeinsame Interessen bewegten nunmehr Franken und Ro- 



•) Merkwürdiger Weise wird ihrer gar nicht gedacht an einer Stelle, 
wo man vor allen Dingen Bezug auf sie genommen zu sehen wünschte, 
in der Antwort des fränkischen Volkes, Gr. II, 31, als Chlodovech ihm sei- 
nen Entschluss das Christenthum anzunehmen mittheilen will. 



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manen. So konnte Ghlodovech jetzt Grösseres beginnen, hof- 
fend, dass es ihm bestimmt sei , in ganz Gallien zu herrschen. 
Wir werden sehen, dass ,eine Zeitlang der Gedanke einen 
Kampf mit dem westgothischen Könige zu versuchen, dem 
König nicht fern gelegen haben kann; doch ward hier der 
Bruch noch vermieden. Dagegen hat sich Ghlodovech schon 
im Jahre 500 gegen das andere deutsche Reich im südlichen 
Galhen. gegen Burgund gewandt; die Verhältnisse scheinen 
hier einem Versuche zur Eroberung nicht ungünstig gewesen 

zu sein. 

Wir beginnen auch hier mit Gregors Berichte über diese 
Dinge: kommt es doch in unserm Zeiträume der fränkischen 
Geschichte vor allem darauf an, seine Erzählung recht zu be- 
greifen, vollständig auszunutzen *). 

„Die Brüder Gundobad und Godegisel hatten, so beginnt 
Gregor, das Reich zu beiden Seiten der Rhone und Saone mit 
der massilischen Provinz, (d. h. mit einem Theile des Gebietes, 
welches in der Römerzeit den Namen Provinz führte 2), inne. 
Doch stehen beide sich feindlich gegenüber. Godegisel wen- 
det sich heimlich durch Gesandte an Ghlodovech, von dessen 
Siegen er gehört hat, mit der Bitte um Flülfe; so, hofft er, 
werde es ihm gehngen , den Bruder zu tödten oder zu ver- 
treiben. Dafür verspricht er Ghlodovech einen jährlichen Tri- 
but zu zahlen, welchen dieser selbst bestimmen soll. Ghlo 
dovech geht gern darauf ein. Zur bestimmten Zeit zieht er 



') Gr. II. 2*2. 23. Die abgeleiteten Quellen bieten wenig von Be- 
lang. Ueber eine Abweichung der Hist. epit. unten p. 68 n. 3. Die bei- 
den Versionen der Gesta c. 16 weichen hier einmal naehr als sonst von 
einander ab. Sie lassen abweichend von Gregor Gundobad und Gode- 
gisel gemeinschaftlich zu Dijon gegen den heranziehenden Chlodovecii 
kämpfen, und von ihm besiegt werden. Gundobad sei nach Avignon 
geflohen. Von da an giebt die eine Version eine kurze üobersicht nach 
Gregor, die andere folgt ihm wörtlich Beide lassen Godegisels Be- 
lagerung in Vienne weg, eben so Chlodovechs Abzug. Für die Kritik 
Gregors kommen diese Abweichungen nicht in Betracht. Sie erklären 
sich leicht aus der Art abhängiger Quellen, einen ihnen vorliegenden 
Bericht sich anzueignen. Die V. Remigii folgt auch hier offenbar der 
kürzenden Version der Gesta; ganz willkürlich wirft alles durch einander 
die V. Sigismundi, Bouquet III, 4(12. Die V. Chrolechildis schweigt 

^) S. oben p 24 n. 3. 



67 

mit einem Heere gegen Gundobad. Dieser seines Bruders li- 
stigen Anschlag nicht ahnend, ruft Godegisel zur Hülfe herbei. 
So zieht Gundobad mit Godegisel gegen Ghlodovech ; es kommt 
zur Schlacht bei Dijon an der Ansehe. Godegisel geht der 
Verabredung gemäss zu Ghlodovech über, und beide reiben 
Gundobads Heer auf. Dieser üieht an den sumpfigen Ufern 
der Bhone hinab nach Avignon. Godegisel verspricht Ghlo- 
dovech einen Theil des Reiches : er selbst nimmt seinen 
Sitz in Vienne. Ghlodovech zieht mit verstärkter Macht Gun- 
dobad nach, um ihn in seine Gewalt zu bekommen und zu 
todten. Gundobad füixhtet plötzlichen Tod, doch der kluge 
Aridius, an welchen er sich in seiner Bedrängnis wendet, rettet 
ihn durch einen geschickten Anschlag. Derselbe lässt sich vom 
burgundischen Könige vei^sprechen , er wolle handeln nach 
seiner Vorschrift. Als habe er vom Gundobad sich losgesagt, 
kommt nun Aridius zum Ghlodovech und bietet ihm seine Dien^ 
sie an. Ghlodovech nimmt ihn bei^eitwillig auf; seine trefflichen 
Eiiienschaften erwerben ihm bald die Gunst des Frankenkönigs. 
Jetzt tritt er mit seinem Anschlage hervor. Er stellt Ghlodo- 
vech, dessen Heer von allen Seiten Avignons Mauern umgiebt, 
\ür: ohne Nutzen belagere er Gundobad, welcher im festen 
Avignon sich geborgen. Er verwüste das Land ringsum, ohne 
doch Gundobad selbst schaden zu können. Lieber solle er 
das Land schonen und von Gundobad durch Gesandte Tribut 
fordern: so werde er den König beherrschen. Verweigere 
Gundobad den Tribut, so könne er noch immer nach seinem 
(iefallen handeln. Ghlodovech folgt diesem Rathe : er fordert 
durch Gesandte vom Burgunderkönige jährlichen Tribut, wel- 
chen dieser für das laufende Jahr zahlt und auch ferner- 
hin zu zahlen verspricht Doch sobald Ghlodovech abgezogen 
ist, denkt Gundobad, nachdem er seine Macht verstärkt hat, 
nicht mehr an den versprochenen Tribut , er belagert Godegi- 
sel in Vienne. Bald entsteht xMangel in der Stadt, Godegisel 
muss das ärmere Volk ») aus der Stadt vertreiben , um sich 
mit seinem Heere hallen zu können. Unter den Vertriebenen 
JSl auch der Baumeister , welchem die Sorge für die Wasser- 



') Die Bezeichnung minor populus bei Gregor ist doch 
fassen. 

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69 




leitung anvertraut ist; erbittert über seine Vertreibung, wen- 
det er sich an Gundobad, erhält von diesem eine Schaar BewaflF- 
neter, und führt dieselbe durch die Wasserleitung mitten hinein 
in die Stadt; mit eisernen Hebebäumen wird der Stein, welchoi 
das Luftloch verschliesst, abgewälzt: so dringt der Feind ein 
während Gundobad durch einen Angriff die Vertheidiger be 
schäftigt. Die Stadt wird erobert, von beiden Seiten angegrif 
fen, fallen die Vertheidiger; Godegisel flieht in eine Kirche und 
wird hier mit dem arianischen Bischöfe ermordet. Eine Fran 
kenschaar, welche beim Godegisel ist •), wirft sich endlich in 
einen Thurm: doch Gundobad befiehlt, sie zu schonen; er 
schickt sie als Verbannte zum Alarich dem Westgothenkönigd 
nach Toulouse. Wer von den Senatoren und Burgundern sich 
zu Godegisel gehalten, verfällt dem Tode. So beherrscht Gun- 
dobad von neuem das ganze Burgunderland/' 

So weit Gregor. Sein Bericht ist anschaulich, voll Leben, 
von grossem Interesse durch die Genauigkeit, mit welcher der 
Hergang auch im Einzelnen erzählt wird. Doch darf man 
nicht verkennen, dass derselbe auch manche Eigenthümhch- 
keiten darbietet, an denen wir schon öfter die nicht streng 
historische Quelle erkannten. Es muss zugegeben werden, 
dass des Aridius mit grosser Genauigkeit berichtete vermit- 
telnde Thätigkeit während der Belagerung von Avignon an ei- 
ner gewissen Unwahrscheinlichkeit leidet. Man wird kaum 
glauben können, dass Ghlodovech die Vortheile eines Sieges. 
welcher ihm so sicher schien, für einen jährlichen Tribut da- 
hingegeben habe. Auch der umstand, dass Franken als beim 
Godegisel zurückgelassen erwähnt werden, muss befremden 2) 
weshalb sendet Gundobad sie zum Alarich? Wenn eine an- 
dere Quelle 3) bestimmt angiebt, Ghlodovech habe sie zurück- 



•) Denique Franci, qui apud Godegisolum erant, in unam turrim !^e 
congregant. — Dass sie von Ghlodovech beim Godegisel zurückgelassen 
sind, ist wahrscheinlich, allein nicht ausdrlidilich gesagt. Ludens üeber- 
setzung „die Franken stellten sich in ein geschlossenes Viereck zusam- 
men" ist doch sicher falsch. 

') Luden III, 80 meint, sie hätten an den Frieden und an Chlodo- 
vechs Waffen und Macht erinnern sollen. 

3) Bist, epit c. 24: ... Chlodoveus rediit in Franciam, relictis cueü 
Godegiselo quinque millibus Francorum. Exiens Gundobadus de Ave- 



gelassen, ihre Zahl auf 5000 erhöht, und diese ganze Masse vom 
Gundobad niedermachen lässt, so zeigt uns dies deutlich genug, 
dass wir hier einen Zug der Erzählung haben , welcher ver- 
schiedenartiger Ausbildung fähig ist. Freilich wird man diese 
Bedenken auch nicht zu hoch anschlagen dürfen; wären un- 
sere Nachrichten reicher , vielleicht würden diese Unwahr- 
scheinlichkeiten hinwegfallen. Allein auch der ganze Ton, die 
Haltung des Berichtes sind nicht die eines streng historischen 
Zeugnisses. Eine gewisse ruhige , behagliche Breite der Dar- 
stellung macht sich namentlich im ersten Theile bemerkhch; 
hier finden sich ausgeführte Wechselreden, Ausmahlung von 
für das Ganze unwesentlichen Zügen. Aridius Persönlich- 
keit ist mit epischer Breite geschildert, namentlich werden 
seine Eigenschaften sehr genau aufgezählt •). im zweiten Theile 
des Berichtes, der Belagerung von Vienne, treten diese Eigen- 
thümlichkeiten freilich weniger hervor, doch ist auch hier ein 
Streben zu individualisiren unverkennbar 2) ; im ersten Theile 
steigert sich dies fast zu novellistischer Behandlungsweise. 
Verbinden wir nun damit noch das bei einer anderen Unter- 
suchung gefundene Besultat 3). dass gerade der burgundischen 
Verhältnisse schon in verhältnismässig früher Zeit die Dich- 
tung sich bemächtigt hat, so müssen wir zugestehen, dass auch 
in diesen Bericht möglicherweise schon Dichtung eingedrun- 
gen sein kann. Gregor mag auch hier der Ueberiieferung ge- 
folgt sein, welche noch zu seiner Zeit über Ghlodovechs Krieg 
mit ßur^und im Munde des fränkischen Volkes fortlebte und 
bereits eine gewisse poetische Ausbildung erhallen hatte. 



nione lesumlis viribus, Godegiselum in Vienna circumdat, per aquae- 
(luctum in civitatem ingrediens Godegiselum interfecit. Francos adgre- 
gatüs in unam lurrem ferro trucidavil, nihilque postea Chlodoveo reddere 
disponens. 

') Habebat lamen secura virum ilhistreni Aridium strennuum atque 
sapieiiteni . . . quem (Aridium) ille (Ghlodovechus) promtissime colligens 
secum retinuit: erat enim iocundus in fabulis, sirenuus in consiliis, iu- 
stus in iudiciis, in commisso ßdelis. — Das ist die Sprache der Dich- 
tung, nicht der Geschichte. 

'^) Man beachte Wendungen, ^ie „Ille vero indignans ... ad Gun- 
dobadum furihundiis vadit." Dann „multis cum ferreis vectibus praece- 
dentibus, erat autem spiraculum illius lapide magno conclusum." 

^) S. oben p. 51. 









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Dass er schon zu seiner Zeit ein grosses Gedicht über den Un- 
tergang des burgundischen Reiches vorgefunden habe, werden 
wir nicht annehmen »), doch war der geschichtliche Stoff schon 
in einer gewissen Erweiterung begriffen, vermöge deren er 
späterhin für die Dichtung um so leichter verwendbar wurde. 
Wir haben bisher aus den charakteristischen Eigenthüm- 
lichkeiten von Gregors Erzählung auf ihre Herkunft zu schlie- 
ssen gesucht. Es kommt nun darauf an, nachdem wir diese 
erkannt haben, den Bericht für die Feststellung des histori- 
schen Thatbestandes zu benutzen. Da kommt es uns sehr zu 
statten, dass noch eine andere von Gregor unabhängige Quelle 
uns zu Gebote steht: es sind die Annalen des burgundischen 
Bischofs Marius von Avenches 2). Wir erfahren hier, dass der 
Krieg im Jahre 500 begonnen und beendet ist. Im Allgemei- 

') Man vermisst vor allen Dingen das Hervortreten des Grundge- 
dankens, dass Rache für den von Gnndobad begangenen Frevel den Fran- 
kenkönig zum Kriege bewogen : denn in einem Gedichte vom Untergänge 
Burgunds konnte diöser nicht fehbn. Freilich könnte man meinen, die- 
ser Gedanke trete wirklich hervor in der Begründung von Ghlodovechs 
Zug gegen Gnndobad nach Avignon: . . . ut eum de civitate extractum in- 
teriraeret; doch ist ja Chlodovech auf Godegisels Wunschs — ut eum 
fratrem) hello interficere aut de regno eiicere possim - eingegangen. Dass 
ihn also Rache bewegt, liegt in den Worten durchaus nicht: eben so 
wenig in Aridius Worten : „Cur retines exercitum, cum loco firmissimo 
tuus resideat inimicus." Deutlich dagegen tritt dieses Motiv hervor Gr. 
Iir, 6 in. 

■') (500 ) Patricio et Hypatio. His coss. pugna facta est Divione 
inter Francos et Burgundiones Godegeselo hoc dolose contra fratrem 
suum Gundobagaudum machinante. In eo praelio Godegeselus cum suis 
adversus fratrem suum cum Francis dimicavit, et fugatum fratrem suum 
Gundobagaudum, regnura ipsius paulisper obtinuit : et Gundobagaudus 
Avinione latebram dedil. 

Eo anno Gundobagaudus resumptis viribus Viennam cum exercitu 
circumdedit, captaque civitate fratrem suum interfecil, pluresque senio- 
res sc Burgundiones, qui cum eo senseranf, multis exquisitisque tormen- 
tis morte damnavit: regnumque quod perdiderat, cum eo quod Godege- 
selus habuerat, reeeptum, usque in diem mortis suae feliciter gubernavit 

Dass der Bericht Gregor gegenüber selbständig ist, beweisen die 
sachlichen Abweichungen und die ganze Auffassung. Dagegen kommt die 
wohl zufällige üebereinstimrpung mit Gregors Worten : Post haec re- 
sumptis viribus . . . nicht in Betracht. — In dem ersten Absatz ist wohl 
zu lesen : et fupato ß-atre mo Guncbhagaudo. Mitgetheilt ist die Stelle 
bei Bouquet Bd. IT. 



71 



nen finden wir Uebereinstimmung mit dem Berichte Gregors; 
doch übergehen die Annalen Wesenthches. Sie nennen Chlo- 
dovech nicht als gegenwärtig, obschon sie die auf burgundi- 
scber Seite handelnden Brüder nennen ; das Verhältnis Gode- 
üisels zu den Franken würden wir kaum errathen, wenn wir 
es nicht aus Gregor kennten. Ganz übergangen ist die Bela- 
gerung von Avignon und der von Gundobad gezahlte, für spä- 
tere Zeiten versprochene Tribut. Die Belagerung Godegisels 
in Vienne ist dagegen berichtet, selbst Einzelnheiten der Ero- 
berung sind erwähnt; genauer als bei Gregor wird das Resul- 
tat des Bruderkampfes , die Vereinigung des gesammten Bur- 
ijunderlandes unter Gundobad angegeben. Fassen wir alles 
zusammen, so sehen wir in der burgundischen Quelle alles 
für Burgund Bedeutsame berichtet; was die Franken allein an- 
gebt, für Burgund nicht ruhmvoll ist, bleibt weg. Gregors Er- 
zählung hebt dagegen mehr hervor, was für die Franken von 
Bedeutung ist. Ganz vereinigen lassen sich beide Auffassun- 
gen des Geschehenen nicht Namentlich sind die Ereignisse 
nach dem Siege Ghlodovechs und Godegisels bei Dijon nicht 
i;anz klar. Die Möglichkeit, auch bei Marius Worten: ,. Gundo- 
bad verbarg sich in Avignon" an eine Belagerung zu den- 
ken, ist nicht ausgeschlossen. Allein alles was Gregors Bericht 
über dieselbe enthält, dürfen wir doch schwerlich in die be- 
glaubigte Geschichte aufnehmen. Ob auch der Tribut, welcher 
dem Chlodovech nach aufgehobener Belagerung für das Jahr 500 
gezahlt, für spätere Zeit versprochen ist, der Dichtung angehört, 
vermögen wir nicht zu entscheiden. Dass er nicht dauernd war, 
ergiebt sich aus Gregors Bericht deutlich genug, vielleicht erwähnt 
ihn deshalb die burgundische Quelle gar nicht. Dass aber 
Chlodovech nicht Theile des burgundischen Landes für sich 
erwarb, ergiebt sich aus dem spätern Verlaufe: das Verspre- 
chen Godegisels ist durch die plötzhche Erhebung Gundobads 
und seinen eigenen Tod unerfüllt geblieben. 

Ausser unsern beiden vom fränkischen und vom bur- 
gundischen Standpuncte aus geschriebenen Berichten haben 
wir noch Nachrichten über einen Krieg der Franken mit den 
Burgundern bei Procop ^). Doch unterliegt es keinem Zweifei, 






') Procop de hello Gothico 1, 12. 



72 



73 






II 



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dass das hier Erzählte nicht den Krieg des Jahres 500, son- 
dem den von 523 betrilTt >) : sei es nun , dass Procop beide 
Kriege aus Unkunde verwechselt, oder mit Bewusstsein Spä- 
teres da anreiht, wo er zuerst auf die burgundischen Verhält- 
nisse gekommen ist 2). 

Von grosser Wichtigkeit dagegen für die Erkenntnis des 
Standes der Dinge ist eine Stelle der Acten des im Jahre 499 
zwischen den katholischen und arianischen Bischöfen zu Lvon 
gehaltenen Religionsgespräches 3). Was wir hier von neuen 
Thatsachen erfahren, ist, dass bereits im Jahre 499 Chlodo- 
vech dem Gundobad den Krieg angekündigt hatte. Er er- 
scheint hier überhaupt mehr noch als in dem Berichte Gre- 
gors als der eigentliche Veranlasser des Krieges: mit Gundo- 



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') Dies hat Manso, Gesch des ostgoth. Reiches p. 62 n. x. zuletzt 
richtig erkannt. Schon Mascov II, 21 n. 2 trug Bedenken, Procop zu 
benutzen. 

*) Man muss das Letztere fast verniuthennach Procops Ausdrucksweise. 
Er erwähnt einen Krieg der Franken gegen die Burgunder: xai ari airov 

fpQayxoiXfjq /itv ic; aiWoiq ßiaq Öfn tm QivSn^üy^ov aniayovro, tni Hnvoyoi 

timvaq de noXt/uo r^tßav. Das scheint der Krieg von 500 zu sein. Er 
fährt fort voxtQov öS x. t. ;..• und kommt damit auf den Krieg des Jah- 
res 523. Combinationsversuche, wie die von Dubos IV, 6, können wir 
daher entbehren. 

^) Bouquet IV, 100 A. Gundobad entgegnet auf Avitus Bitte, das 
Religionsgespräch halten zu dürfen: .,Si vestra fides est vera, quare epi- 
scopi vestri non impediunt regem Francorum , qui mihi bellum indixit ei 
se aim inimicis meis sociavit, nt me destruereiit.'' Avitus antwortet: „Igno- 
ramus, o rex, quo consilio et qua de causa rex Francorum facit quod 
dicitis , sed scriptura nos docet , quod propter derelictionem legis dei 
saepe subvertuntur regna et suscilantur inimici omni ex parte illis, 
qui se inimicos adveisus Deum constituunt, sed redite cum populo ve- 
stro ad legem Dei et dabit pacem. Nam si habebitis pacem cum illo, 
habebitis et cum ceteris, et non praevalebunt inimici vestri." Am Tage 
nach dem ersten Gespräche heisst es ib. 101 C. : „ingressi sunt ergo (epi- 
scopi); et cum rex eos vidisset, surrexit in occursum eorum mediusquc 
inter domnum Stephanum et domnum Avitum adhuc multa locutus est 
contra Francorum regem, quem dicebat sollicitare fratretn snum contra 
se. Sed cum responderenl praefati episcopi, quod non esset melior via 
ineundi pacem, quam concordare in fide, et operam suam, si grate habe- 
ret, pollicerentur pro tam sancto foedere conciliando, nihil amplius lo- 
cutus est, sed unusquisque locum quem praecedenti die tenuerat occu- 
pavit." 



bads Feinden hat er sich vereinigt, um diesen zu verderben: sei- 
nen Bruder (man kann nur an Godegisel denken) gegen ihn auf- 
zuwiegeln versucht. Wer jene Feinde Gundobads sind, ist nicht 
schwer zu errathen: man kann wieder an Godegisel denken; 
Gundobad meint indes wohl eine den Franken geneigte Partei 
in Burgund. Wir wissen, dass sich eine solche schon zu Ghilde- 
richs Zeiten im nördlichen Theile des Landes fand >). Sie wird 
vorzugsweise aus katholischen Romanen bestanden haben, 
und mit Godegisel in der Schlacht bei Dijon zu Ghlodovech 
übergegangen sein. Wie die katholischen Bischöfe zu diesen 
Bewegungen standen, wissen wir nicht. Gewiss ist, dass sie 
in einem Kriege Ghlodovechs gegen Gundobad einen Kampf 
des Katholicismus gegen den Arianismus sehen mussten. 
Doch geht man sicher zu weit, wenn man annimmt 2) ^ Ghlo- 
dovech sei von ihnen zum Kriege gegen Gundobad bewogen, 
da sie gehofft, dieser werde hart bedrängt, ihnen für Vermitt- 
lung eines Friedens seinen Uebertritt zum katholischen Glauben 
und mildere Gesetze für die Romanen zugestehen. Von eihem 
solchen Zusammenbang der Dinge wissen wir nichts. Eben so 
wenig dürfen wir annehmen, dass Ghlodovech von den Bi- 
schöfen bewogen, abgezogen sei, nachdem Gundobad in Avig- 
non belagert, ihren Wünschen entsprochen habe. 

Was sich mit ziemlicher Sicherheit über den Hergang die- 
ses Unternehmens Ghlodovechs gegen den burgundischen Kö- 
nig feststellen lässt, ist also Folgendes. 

Mit Hülfe einer fränkisch gesinnten Partei im Lande ver- 
suchte Ghlodovech Gundobads Herrschaft zu stürzen. Er konnte 
hoffen, bei dieser Gelegenheit einen Theil des Reiches, oder 
das Ganze sich zuzuwenden. Er hat zu dem Ende Godegisel, 
welcher, mit Gundobad im Zwiste, vielleicht ihm selbst entge- 
gen gekommen war, bewogen, Gundobad zu verrathen. Ghlo- 
dovech ist dann i. J. 500 in Burgund eingefallen, nachdem er 
schon 499 Gundobad den Krieg angekündigt. Bei Dijon kommt 
es zum Kampfe; Gundobad verliert die Schlacht, da Godegi- 
sel zu Ghlodovech übergeht. Nach dem Siege beherrscht Go- 



') S. oben p. 17. 

'^) Dubos IV, 7; unter seinem Einflüsse ist wohl P^tignys Darstel- 
lung entstanden. 



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74 



degisel zu Vienne eine Zeitlang das Reich seines Bruders, 
Gundobad selbst hält sich an der Südgränze seines Reiches 
in Avignon, Chlodovech scheint ihn hier belagert, doch die Be- 
lagerung später aufgei-'eben zu haben. Welche Ereignisse das 
herbeiführten, welche Bedingungen Chlodovech dazu bewogen, 
muss unentschieden bleiben ; dass Chlodovech wirklich abzog, 
unterliegt keinem Zweifel. Nun erhebt sich Gundobad wieder, 
er belagert Godegisel in Vienne, erobert die Stadt, Godegisel selbst 
mit seinem Anhange wird getödtet. Dem Gundobad fällt so 
auch das Gebiet zu, welches früher Godegisel von Genf aus 
beherrscht hatte; er herrscht bis zu seinem Tode über ganz 
Burgund, bemüht durch Begünstigung der katholischen Roma- 
nen sein Reich zu grösserer Einheit zu führen. So hat denn 
allerdings Chlodovechs unternehmen zu ganz andern Folgen 
geführt, als er erwartet haben mochte. Es blieb seinen Söh- 
nen vorbehalten , die burgundischen Lande dem fränkischen 
Reiche zu vereinigen. Zwischen Chlodovech selbst und Gun- 
dobad muss es in der folgenden Zoit zu freundschaftlichen 
Berührungen gekonmien sein *) ; in dem Kriege Chlodovechs 
gegen die Westgothen werden wir Gundobad auf fränkischer 
Seite finden. 



7. Der Krieg Chlodovechs mit den Westgothen. 

Chlodovech hat sich nach einer längeren Zeit der Ruhe 
im Jahre 507 gegen Alarich, den König des w estgothischen 
Reiches, gewandt; doch schon früher muss der Ausbruch 
des Kampfes einmal nahe bevorgestanden haben. Theoderich 
der Grosse , welcher die Verhältnisse seiner Zeit am klarsten 
überschaute, erkannte die Gefahr, welche in einem Zusammen- 
treffen Alarichs und Chlodovechs lag, und war deshalb eifrig 



I 



bemüht , dasselbe zu vermeiden. Von diesem Streben ge- 
ben uns noch vier Briefe Theoderichs Zeugnis, welche in Cas- 



•) Ein Beweis hievon V. Eptadii, Bouquet III. 3S0: Eodem tcmporp(?) 
quo se ad tluvium Anorandam pacis mediante concordia duoriim regum 
Burgundionura gentis et Francorum est coniuncta potentia. — Chlodo 
vech erbittet bei dieser Gelegenheit sich Eptadius zum Bischof von Au- 
xerre. Doch bleibt die Zeit ungewiss ; s. unten. 



75 

siodors Sammlung erhalten sind »). Sie sind an Alarich, an 
Gundobad, an die Könige der Heruler, Guarner, Thüringer, an 
Chlodovech gerichtet. Thaoderich ist bemüht, Alarich und 
Chlodovech von offenem Kampf zurückzuhalten, durch befreun- 
dete und verwandte Schiedsrichter bittet er sie ihren Streit 
vermitteln zu lassen. Gundobad und die übrigen deutschen 
Könige sucht er zu einem Bunde zu vereinigen. Scheu vor 
der Feindschaft so vieler, hofft er, werde die streitenden Kö- 
nige, namentlich Chlodovech, bestimmen, nachzugeben : zu dem 
Ende wünscht er, dass der Bund gemeinschaftlich durch Ge- 
sandte Chlodovech Vorstellungen mache. Diese Briefe sollten 
den einzelnen deutschen Fürsten durch Theoderichs Gesandte, 
es scheinen zwei gewesen zu sein, überbracht werden. Sie 
haben den Auftrag, zuerst zum Alarich, dann zum Gundobad, 
dann zu den Königen der Heruler, Guarner, Thüringer, und erst, 
nachdem sie mit diesen sich geeinigt, gemeinschaftlich mit den 
Gesandten aller dieser Könige zum Chlodovech zu gehen 2). 
Für jeden dieser Könige, auch für Chlodovech hatte Theode- 
rich seinen Gesandten besondere mündliche Aufträge mitgege- 
ben ; die Briefe, welche sie überbringen, sind ihre Beglaubi- 
gungsschreiben und daher in ganz allgemeinen Ausdrücken 
gehalten. Dass diese Briefe wirklich abgesandt sind, haben 
wir keinen Grund zu bezw eifeln, aber wann dies geschehen ist, 
können wir nicht angeben 3). Theoderich tritt so dem Franken- 
könige zum zweitenmal entgegen. Ungerecht würde es sein, 
zu behaupten, nur Furcht vor dem nach allen Seiten hin sein 
Reich erweiternden fränkischen Könige habe ihn zu diesem 



') Cass Var. III, 1. Alarico regi Wisigothorum Theodoricus rex. 
111,2. Gundibado regi Burgimdionum Th r. 111,3. Rerulorum, Gnarno- 
rum , Thoringorum regibus Th. r. III, 4. Luduin regi Francorum Th. r. 

■^) Cass. III, l : Et ideo . . legatos nostros illum et illum ad vos 
credimus esse dirigendos : qui vob's et mandata nostra sufficienter in.M- 
nuent, et usque ad fratrem nostrum Gundibadum vel alios reges cum 
vestra voluntate deproperent. 

Cass. III, 3 ; Et ideo vos ... legatos vestros una cum meis et 
fratris nostri Gundibadi regis ad Francorum regem Luduin destinate. 

^) P^tigny II, p. 5(M» setzt sie nach dem Vorgange Anderer (vgl. 
Mascov II, p. 27 n. 1) unmittelbar vor den Ausbruch des Krieges. Da- 
gegen scheint doch alles zu sprechen. 



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76 



Schritte bewogen. Vielmehr war Theoderich bemüht , ein ge- 
wisses Gleichgewicht unter den neuentstandenen deutschen 
Reichen zu erhalten , deren Könige er durch verwandtschaft- 
liche Bande mit sich verknüpft hatte *). Als Haupt dieser Fa- 
milie 2) j als Nachfolger des weströmischen Kaisers in Italien 
glaubt er sich berufen, vermittelnd aufzutreten. Für den Au- 
genblick mögen auch Theoderichs Bemühungen nicht ganz 
ohne Erfolg geblieben sein. Gregor 3) erzählt noch vor dem 
Ausbruch des Krieges, jedoch ohne nähere Angabe der Zeit, 
von einer friedlichen Zusanunenkunft des westuothischen und 
fränkischen Königs auf einer Loireinsel in der Nähe von Am- 
boise 4). Ghlodovech sei bereitwillig der Einladung, welche 
Alarichs Gesandle ihm überbracht, gefolgt. Beide Könige un- 
terreden sich, sie essen und trinken zusammen und scheiden 
dann friedlich mit dem Versprechen gegenseitiger Freundschaft. 
In diesem Zusammentreffen darf man wohl einen Beweis des 
erfolgreichen Strebens Theoderichs sehen ^). Allein auf die 
Dauer hat Theoderich Ghlodovech nicht hemmen können. Kam 
jener Bund wirklich, wie es Theoderich beabsichtigte, zu Stande, 
so wird sich Ghlodovech während der Zeit seines Bestehens 
gehütet haben, etwas zu unternehmen. Doch lange hat derselbe 
jedenfalls nicht gedauert, und im Kriege stand Gundobad auf frän- 



') .lordanis de rebus Get. c. 58 vgl. mit Procop de hello Golh. l, 
12. Seine Tochter Tlieudigolha hat Theoderich Alarich, seine Tochter 
Ostrogotha Gundobads Sohne Sigismund , seiner Schwester Amalafredri 
Tochter Amaloberga dem Thuringerkönig Hermanl'ried (Cass. Var. IV, l), 
seine Schwester Amalalreda dem Vandaleiikonige Trasamund (Cass Var. 
V, |:^) vermählt Er selbst hatte eine Schwester (Ihlodovechs zur Ge- 
mahlin (Greg. III, 31) ; hiess sie Audoltled (Jordanis), so ist sie von der 
(Gr. II, 31) mit Ghlodovech zugleich zum Christenthura libergetrelenen 
Albofled zu scheiden: dass es Lantechild gewesen sei, ist eine ganz un- 
begründete Vermuthung Düntzers, Jahrbücher XV. a a. 0. 

') Vgl. Cass. Var. III, 2: non sine invidia nostra geritur, si nohis 
patientibus alfinium clade dimicetur etc. III, 4: Jure patris vobis (nainl. 
Alarich und Ghlodovech) interminor et amantis. 

^) Gr. II, 35. Die Gesta lassen das weg Ueber die anderen ab- 
geleiteten Quellen siehe p 79 n. 2 

*) Die Loireinsel ist gewählt, damit man sich auf neutralem Gebiet 
treffen kann. 

5) Fauriel II, 51. 



77 



kischer Seite ; die übrigen deutschen Könige haben sich vom 
Kampfe ferngehalten. Eine alte Quelle >) erzählt, dass Ghlo- 
dovech um das fünfundzwanzigste Jahr seiner Herrschaft, zu 
Paris zwei Jahre lang am kalten Fieber krank darnieder gele- 
gen, bis der heilige Severin ihn geheilt habe. Vielleicht hat 
diese Krankheit den Ausbruch des Krieges verzögert. 

lieber den eigentlichen Anlass zum Kriege enthalten Theo- 
derichs Briefe, in welchen wir hierüber zunächst Aufschluss 
suchen werden, nichts Bestimmtes. Es ist da nur von einem 
Streite beider Könige über geringen Anlass die Rede 2j ^ aus- 
drücklich wird darauf hingewiesen, dass ein eigentlicher Grund 
zum Kriege nicht vorhanden war. „Keiner von Euch beiden", 
schreibt Theoderich an Alarich , „hat Verwandtenblut zu rä- 
chen, keinem ist eine Provinz entrissen; nur über Worte be- 
steht ein kleiner Streit 3)." Wir werden gewiss nicht irren, 
wenn wir die Schuld mehr auf Ghlodovechs als auf Alarichs 
Seite suchen ; so viel an ihm lag, wünschte jener offenbar schon 
damals offenen Krieg. Dagegen wirft eine andere Quelle 4) alle 
Schuld auf Alarich. Wir müssen auf sie etwas näher eingehen. 

Nachdem sie lange mit einander gekämpft, heisst es hier, 

') V. Severini von einem Schüler geschrieben , Acta SS. ord. S. 
Benedicti Saec. I. App. p. 568, auch bei Bouquet III, 392. Eodera tem- 
pore cum Chlodoveus rex Francoruni anno XXV" regnaret in urbe Pa- 
risius, tunc in corpore suo gravis obvenit infirmitas, typus frigoris per 
duos annos, ut non a sacerdotibus loci illius, neque ab ullo inedico cor- 
pori suo potueiit inveiiire medicinam. - Ihm wird gerathen, sich an den 
heil. Severin zu wenden; dieser kommt ... Et cum orasset in ecclesia Dei, 
domum regis se contulit ingressus et ante lectulum regis se in oratio- 
nein prostravit. Et cum se elevasset , exuens casulam suam corpori 
regis induit eam, et stalim dimisit eum febris. Mit dem 25. Regierungs- 
jahre Chlüdovechs kommen wir auf das .Jahr 507. Da sie 2 .Tahr dauerte, 
muss die Krankheit früher beginnen. Die Vita scheint das Jahr der Hei- 
lung anzugeben. 

■^) Cass Var. III, 1: lis vestra ; III, 2: sciant nos adversarios esse 

contrarielatibus suis convenit enim tales tantosque reges non 

inter se lamentabiles rixas quaerere. 

^) Cass. III, 1 : non vos parentum fusus sanguis inflammat, non gra- 
viter urit occupata provincia: adhuc de verbis parva contentio est: fa- 
cillime transigitis, si non per arma vestros animos irritetis. 

') Bouquet II, 463. Wir bezeichnen den Bericht der Kürze halber 
als zweite Form des Fredegar, wo wir auf ihn zurückkommen. 



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78 

hätten Ghlodovech und Alarich durch Gesandte die Verabre- 
dung getroffen, Frieden zu schliessen. Ein symbolischer Akt 
soll den ewigen Frieden für beide besiegelen, indem Ala- 
rich Ghlodovech, dessen Bart berührend, zu seinem geistlichen 
Vater macht. Franken wie Gothen sollen dabei nur unbewaffnet 
zugegen sein dürfen; Zeit und Ort werden bestimmt. Am Tage 
des Termins ») kommt Paternus Chlodovechs Gesandter zum 
Alarich, um zu fragen, ob die Gothen den Bestimmungen ge- 
mäss unbewaffnet den Termin einhalten würden. Während 
er mit Alarich spricht, erblickt er Gothen, welche trügerischer 
Weise Waffen anstatt der Stäbe in der Hand halten 2). Pater- 
nus entreisst einem von ihnen die Waffe, er macht Alarich 
Vorwürfe, djiss er Verrath übe. Paternus verlangt, Theode- 
rich, König von Itaheu, solle als Schiedsrichter die Sache enl-* 
scheiden. Ein Abgesandter Alarichs und Paternus als Chlo- 
dovechs Gesandter eilen vor Theoderich. Die Sache wird vor- 
getragen, der westgothische Gesandte giebt das Vergehen, den 
Bruch des Vertrages zu. Theoderich beiden Königen nicht 
geneigt, hofft Vortheil für sich aus ihrem Streite. Er verschiebt 
sein Urtheil einen Tag; dann bestimmt er, um den Zwiespalt 
der beiden Küniiie zu nähren 3), eine Busse, welche den West- 
gothen schwer zu erfüllen ist. Der fränkische Gesandte soll 
auf den Hof von Alarichs Königspallast geritten kommen, mit 
ausgestreckter Lanze. Dann sollen die Westgothen als Busse 
Goldstücke um ihn aufhäufen, bis er sammt seinem Pferde und 
der Spitze seiner Lanze davon bedeckt isL Alarich unvermö- 
gend die Busse zu zahlen, versucht durch Trug frei zu kom- 
men. Er bringt den Paternus auf einen Söller und lässt in 
der Nacht die Stützen wegnehmen 4) offenbar m der Hoffnung 






•) So ist ibi zu fassen; es bezieht sich auf Statuentes diem ad lo- 
cum designatum ab inviceni. « 

'^) GoUhi fraudulenter uxos pro baculis in manum fereotes. Nach 
Fredeg. Schol. Chrou. c. 64 (Bouquet II, p. 438). Heraclius . . . extra- 
hens uxum (al. eiisein. gladiuin] capul Falricii Fersarum truncavit — ist 
UÄUS ein kurzes Schwert. 

^) Tractansque in arcano cordis jam oUm celaverat cupiens inh 
duobus regibus ab invicem semper esse discordes. 

*) quem (Paternum) in solarium missuin , per noctem quod subpo- 
situin erat ruens (Alaricus), fracto brachio vix tandein evasit (Paternus) 



79 



so den Zeugen von Theoderichs Entscheidung bei Seite zu 
schaffen. Doch Paternus kommt mit gebrochenem Arm noch 
lebendig davon. Am folgenden Tage zeigt ihm Alarich seinen 
Schatz zum Beweise seines Unvermögens die Busse zu zah- 
len; eidlich bekräftigt er, dass er nicht mehr habe. Da nimmt 
Paternus ein Goldstück, steckt es in seinen Busen: er nimmt 
so für seinen König den Schatz Alarichs in Besitz »). Darauf 
kehrt er zum Ghlodovech zurück, welcher auf die Kunde vom 
Geschehenen sofort den Krieg gegen Alarich beginnt. 

Auch andere Quellen wissen von diesen Vorgängen , kom- 
men aber nicht in Betracht , da sie mit unserm Berichte 
übereinstimmen , oder auf ihm beruhen 2). Wir müssen die- 
sen aus sich selbst beurtheilen. Da finden wir denn zahlreiche 
Kennzeichen, an denen wir die nicht streng historische Quelle 
schon öfters erkannt haben. Die Erzählung bietet im Einzelnen 
manche UnwahrscheinHchkeiten: als Unrichtigkeit müssen wir 
es bezeichnen, wenn im Eingange viele Kämpfe als der friedhchen 
Annährung Chlodovechs und Alarichs vorhergehend erwähnt wer- 
den. Die Geschichte weiss davon nichts. Vor allen Dingen aber 
muss die Stellung und Thätigkeit Theoderichs Bedenken erregen. 
Er fördert einen Zwiespalt beider Könige, welchen er, soviel wir 
wissen, eifrig zu vermeiden bemüht gewesen ist. Sehen wir 
auf das Formale , so sind Individualisirung, Ausführung selbst 
unvvesenthcher Züge, ausgeführte Beden auch hier charakteri- 
stisch, wie in dem Berichte über Chlodovechs Vermählung, in der 
Historia epitomata, tritt ein gewisses Streben, die rechthebe 
Seite des Vorganges zu betonen, hervor 3). Wir können so- 

') übi Paternus unuin solidum de pugno extrahens, sinn projecit 
dicens: „Ho» solidos adarrabo ad partem domini mei Chlodovei regis et 
Francis." 

■-) V. Remigii, Fiouquet III, 378: Et mittens legatum nomine Pater- 
nuni virum industrium ad Alaricum regem de amicitiae inten eos con- 
ditione mandavit. Alaricus vere cum per Paternum vellet Chludowicuin 
decipere, exploratis quae circa eum erant et thesauris eins ingenlo sub- 
arratis — erinnert auch im Ausdruck deutlich an unsern Bericht. 

Die Hist. epit. c. 25 : Igitur Alaricus rex Gothorum cum amicitias 
fraudulenter cum Chlodoveo inisset, quod Chlodoveus discurrento Pa- 
terno legatario cernens adversus Alarictim arma commovet — ist eine 
ganz kurze Fassung unserer Erzählung. 

^) namentlich beim Bestimmen der Zusammenkunft , dem Urtheil 
Theoderichs , der Besitzergreifung von Alarichs Schatz durch Paternus 




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80 

nach nicht zweifelhaft sein, dass wir auch hier einen Bericht 
haben, in welchem sich schon die Dichtung der geschichtli- 
chen UebeHieferung bemächtigt hat. Das bestätigt uns auch 
die bestimmt hervortretende den Westgothen und Theoderich 
feindsehge Auflassung. Wir müssen also den Bericht als einen 
sagenhaften bezeichnen ; ob ihm Geschichte zu Grunde liegt 
und wie viel, ist schwer zu entscheiden : möglicherw eise haben 
wir hier eine poetisch ausgeschmückte Ueberlieferung über 
jene Zusammenkunft Alarichs und Ghlodovechs bei Amboise «). 
Die vermittelnde Thätigkeit Theoderichs zwischen beiden Köni- 
gen ist dem Berichte bekannt, nur eigenthümlich aufgefasst^ 
oder wenn man will, entstellt. Das steht fest: für die Geschichte 
können wir diese Erzählung nicht benutzen. Ueber den eigent- 
lichen Anlass zum Kriege erfahren wir also auch hier nichts 
Näheres 2). 

Wir müssen uns begnügen mit dem , was Gregor er- 
zählt 3)^ Chlodovech habe es nicht mehr dulden wollen, dass 
die Arianer einen Theil Galliens beherrschten. Die katholi- 
schen Romanen, vor allem die einflussreichen Geistlichen ha- 
ben es gewiss an mancherlei Anregungen nicht fehlen lassen, 
schon Theoderich erwähnt solche Bemühungen nicht undeut- 
üch in seinen Briefen ^). 

Als man auf beiden Seiten sah, dass der Zusammenstoss 
nicht mehr zu vermeiden war, hat man mit Ernst gerüstet. 
Nach Gregors Bericht versicherte sich Chlodovech der Zustim- 
mung seines Volkes. Theuderich, Ghlodovechs ältester Sohn, 
wird zum ersten Mal als Anlheil am Kriege nehmend genannt. 
Der Sohn des ripuarischen Königs Sigibert, Chloderich, leistete 

') Merkwürdiger ist dass der Eingang bei Gregors Bericht und der 
zweiten Form des Fredegar sehr ahnlich sind. 

^) Fauriel II, p. 47 stellt die ganz unbegründete Vermuthung auf, 
man habe sich über die Unterwerfung der Thoringer entzweit. 
3) Gr. II, 37. 

•) Cass. Var. III, 1: ne videamini eorura immissione laborare, qui 
maligne gaudent alieno certamine. Avertant enim divina . ut super 
vos iniquitas illa praevaleat. III, 4: ... ut nullatenus inter vos scan- 
dala seminet aliena malignitas. — Ihm rath Th. zu vertrauen .... quo- 
niam qui vult alium in praecipites casus mittere, eum certum est tide- 
liter non monere. 



81 

Hülfe; so scheint Chlodovech diesmal beträchtliche Streitkräfte 
vereint zu haben «). Dann stand Gundobad der Burgunderköni" 
auf seiner Seite ; derselbe bedrohte Alarichs rechte Flanke und 
die Verbindung mit Italien. Einen mächtigen Bundesgenossen 
hatte Chlodovech auch im Lande seines Feindes selbst an der 
Stimmung der kathoüschen Romanen 2). Man sah Ghlodovechs 
Krieg als einen Glaubenskrieg an, und Chlodovech selbst hat 
diese Slinjraung getheilt und benutzt 3). 

Minder zuversichtlich konnte Alarich in den Kampf gehen. 
Die alte Kraft und kriegerische Tüchtigkeit der Westgothen 
hatte abgenommen : der steten Kriegsübung der Franken 
fürchtet Theoderich, möchten die Westgothen, durch lange Ruhe' 
verweichhcht , nicht gewachsen sein **). .letzt musste ein Jeder, 
welcher fähig war die Waflfen zu tragen, zum Heere sich stel- 
len, das Handgeld des Königs annehmen 5); selbst der Einsied- 
ler Avitus konnte sich dem Waffendienste nicht entziehen 6). 
Hieraus dürfen wir wohl schliesseu, dass Alarich nicht genug 
westgothische Krieger zusammenbringen konnte und daher selbst 
Romanen heranziehen musste. Unter diesen haben sich in der 
Stunde der Entscheidung die Bewohner der Auvergne ausgezeich- 
net. Auch die Geldmittel scheinen Alarich nicht nach Wunsch zu 

') Nach Jordanis de rebus Gelicis c. 58 fallen in einer Schlacht, 
an welcher nur ein Theti des fränkischen Heeres theil genommen haben 
kann, 30,000 Franken. Doch ist bekannt, wie wenig Glauben solche 
Zahlenangaben in den Quellen dieser Zeit verdienen. 

^) Gr. II, 36: Mulli jam tunc ex Galliis habere Francos dominos 
summo desiderio cupiebant etc. 

^) Spatere Quellen schmücken hier legendenhaft aus; s. V. Hemigii, 
Bouquet HI, 378 D. Hätte Chlodovech auf Chrotechildis Anrathen und 
also vor dem Kriege die Kirche der Apostel zu Paris gelobt, wie die V. 
Remigii a. a. 0. und V. Chrothildis ib. p. 399 behaupten, so würde dies 
Gregor II, 43 nicht übergangen haben. 

•) Cass. Var. III, 1 : . . . tamen, quia populorum lerocia corda longa 
pace mollescunt, cavete subito in aleam mittere quos constat tanlis tem- 
poribus exercitia non habere. 

^) V. Aviti Eremilae, Bouquet UI,390: Quod suae pertinaciae Vo- 
tum (von Alarichs Krieg gegen Chlodovech ist die Kede) ut firmius ro- 
borari videt , assensu suorum totius regni argenti ponderosa massa per 
exactores in unum corpus conflatur: et quisque ex militari ordine viri- 
bus potens donativum regis volens nolens recepturus per praecones ur- 
gente senteotia invitatur, ^) S. ebendas. 

6 



< .. 



82 



83 



Gebote gestanden zu haben; er musste die Goldmünzen ver- 
schlechtern »); Steuern ausschreiben, um das nöthigeGeld zusam- 
menzubringen 2). Wie gefahrlich dieSympathieen derkathohscheij 
Romanen für Ghiodovech werden konnten , hat Alarich gar wohl 
erkannt. Frühere Strenge, namentlich gegen katholische Bischö- 
fe 3), hat er gut zu machen gesucht, das Concil zu Agde ist er- 
laubt, dasbreviariumAIaricianum erlassen; doch umsonst. Wenn 
Alarich aber trotz seiner misslichen Lage den Kampf mit Ghiodo- 
vech wagte, so zeigt das deutlich genug, dass derselbe unver- 
meidlich war. Sein Rückhalt war Theoderich, doch konnte die- 
ser nicht so schnelle Hülfe bringen, als nöthig war 4). 

Wir wenden uns nun zur Darstellung des Verlaufes des 
Krieges selbst an der Hand unserer Berichte ^). Sie bieten 
hier eine reichere Ausbeute, als in irgend einem Theile von 
Ghlodövechs Geschichte: fast alle Gattungen von Quellen mil 
telalterlicher Geschichte sind vertreten ; zu den uns schon be 
kannten kommen noch isidor in seiner gothischen Geschichte. 
die für die früheren Zeiten des Mittelalters so unschätzba 
ren Annalen, einzelne Stellen in Heiligenleben, Briefe Theode- 
richs, Athalarichs, Chlodovechs. Die Quellen vertreten je naci 
ihrer Herkunft einen fränkischen, westgothischen, ostgothischen 
Standpunkt, und heben hervor, was für diesen von Wichti^keil 
ist. Wir beginnen mit Gregor tmd den übrigen fränkischen 
Berichten. Sie führen uns ein in die Anfänge des Krieges. 

Gregors Bericht ♦>) verräth auch hier deutlich genug seinen 



') Ep. Avili 78. Avitus beschreibt ehie Goldlegirung . . . vel illani 
carte quam nupenime rex Gelarum seciiturae jiraesagatn minae inone(i> 
pubiicis adulterinuin firmanteni mantlaverat. Vgl. Dubos IV, 9. 

•-») S. S. 81 n. 5. h Vgl. Fauriel II, 52 ff. 

*) Petigny II, 500 hcurtlieilt Theoderich zu hart, wenn er meint, er 
habe helfen können, doch nicht helfen woiierj. 

5) Die neueren Bearbeitungen , namentlich die von Petigny und 
du Roure, histoire de Theodorique le Grand 1.465 11, II, I ff. Aschbach, 
Gesch. derWestgothen 161 ff. befriedigen nicht; die folgende Darstellung 
selbst soll eine Kritik derselben sein, doch sind sie hier im Einzelnen 
nicht immer widerlegt. 

*) Gr. II, 37. Die abgeleiteten Quellen geben wenig von Belang. 
Die Gesla c. 17 weichen in der Erzählung des Krieges nur im Ausdruck 
ab; doch bieten sie eine wichtige Nachricht mehr. Bei der Schilderung 
des Marsches wird in den Gesta Manches weggelassen: eigenthümlich ist 



Ursprung; unverkennbar tritt in ihm der legendenhafte Charak- 
ter hervor. In Tours musste sich die Erinnerung an diesen 
Krieg Chlodovechs, sei es in schriftlicher, sei es in mündlicher 
Ueberlieferung, besonders lebendig erhalten haben : und aus ihr 
ist offenbar Gregors Erzählung geflossen. Die Auffassung des 
Krieges als eines Glaubenskrieges zur Bekämpfung arianischer 
Ketzer ist gewiss nicht erst von ihm hineingetragen, er giebt 
vielmehr hier wie überall die Nachrichten, wie er sie findet, 
ohne eigne Zuthaten. Was Gregor berichtet fällt in die Jahre 
507 und 508 *). 

„Chlodovech , so erzählt er, sagt zu den Seinigen : Sehr 
ungern ertrage ich es, dass diese Arianer einen Theil Galliens 
ione haben. Auf, lasst uns mit Gottes Hülfe ausziehen und 
nach errungenem Siege das Land unserer Gewalt unterwer- 
fen. Da allen diese Rede gefiel, zog er nach Poitiers, denn 
dort verweilte damals Alarich.'- Wann Chlodovech auszog, 
wissen wir nicht genau, doch können wir vermuthen 2) dass 
es im Frühjahr geschah. Dann liegt es nahe, jene Auffor- 
derung zum Kriege auf die Miiizversammlung zu verlegen. 
Auch von wo Chlodovech auszog, sagt Gregor nicht; doch 
wissen wir 3), dass der fränkische Fünig in dieser Zeit schon 
Paris zum Sitz seiner lierrschalt gemacht hatte. Zog er von da 
aus, so ward wohl bei Orleans die Loire überschritten: die Stadt 
Tours ist nicht berührt worden, nur ein Theil von Chlodovechs 
Heer durchzog das Gebiet der Diöcese. Die weitere Richtung 
des Marsches ergiebt sich dann von selbst , die Vienne über- 
schreitend gelangte Chlodovech nach Poitiers 4). 

ihnen die Anekdote vom Pferde Chlodovechs. Die V. Chrotechildis ist 
über den eigentlichen Krieg kurz; sonst folgt sie den Gesta; auf diesen 
beruht auch die V. Kemigii , doch hat sie noch mehr Legendenhaftes 
autgenommen. Eigene Nachrichten über die Folgen des Krieges haben 
die beiden Formen der Hisloria epilomata. 

') Der Krieg wird in einer alten Handschrift Gregors (Bouquet II, 
|)raef. p. VII) in Chlodovechs 25. liegierungsjahr gesetzt, also 507, den 
VVinter SOVg war Chlodovech in Bordeaux. 

■■*/ Die Vienne ist angeschwollen. 

^) Vgl. oben p. 77 n. 1. 

*) Petigny n, 503 meint, er habe die Loire bei Amboise überschrit- 
ten , sei, ohne Tours zu berühren, über Loches nach Poitiers gezogen. 
Gewissheit kann man hier nicht geben. 



8* 



85 



Was wir von den Vorfällen des Zuges selbst aus Gregors 
Bericht erfahren , ist zum Theil von Wichtigkeit für die Auf- 
hellung des geschichtlichen Herganges ; Anderes aber ist durch- 
aus legendenhaft. So hören wir, dass Chlodovech strenge 
Mannszucht hielt. Als ein Theil des Heeres das Gebiet von: 
Tours durchzog , erlaubte er seinen Kriegern nur Gras und 
Wasser zu nehmen. Als er hört, dass ein Krieger einem Ar- 
men gewaltsam Heu genommen hat, ersticht er ihn mit eigner 
Hand; „wo bleibt unsere Siegeshoffnung, wenn der heiUge 
Martin beleidigt wird", soll er gesagt haben. Vor Foitiers an- 
gekommen, gab Chlodovech dann dem ganzen Heere das Ver- 
bot, friedliche Wanderer zu berauben, oder Jemandem die 
Habe zu nehmen. Auf andere, in demselben Sinne getroffene 
Bestimmungen können wir aus einem Briefe des Königs 
schliessen, welcher nicht lange nach dem gothischen Kriege 
an die Bischöfe des eroberten Gebietes izeschrieben ist M. Es 
geht aus diesem Briefe hervor, dass Chlodovech, als er mit 
seinem Heere das westgolhische Gebiet betrat, einen Frieden 
verkünden Hess, zunächst für die Diener der Kirche, die gotl- 
geweihten Jungfrauen und Wittwen im ganzen westgothischen 
Reiche : doch auch Cleriker und die Söhne der zuerst genann- 
ten Geistlichen und Wittwen , welche mit diesen in ihren 
Hausern lebten , sind in denselben einbegriffen. Der Friede 
schirmte Freiheit und Besitz , er schützte auch die zum Kir- 
chenvermögen gehörigen Knechte vor gewaltsamem Raube. 
Ausserdem scheinen bestiinmte Gegenden befriedet zu sein ^j: 
hier sind Geistliche und Weltliche gleichmässig vor Gefangen- 
schaft geschützt. Solche Bestimmungen mussten die katholi- 
schen Romanen, vor allem die Geistlichkeit gewinnen. 

Weiter erzahlt Gregor, wie Chlodovech Gesandte mit Ge- 
schenken zur Kirche des heiligen Martin in Tours schickt , in 



') Bouquet IV, 51. 

"0 Es werden bestimmt unterschieden „captivi laici, qui extra pa- 
cem sunt captivati" (doch wohl nicht mitDubosIV, 12 „les captifs laiques 
qui auraient ^te pris portant les armes conlre nous)" und „hi qui in 
pace nostra tarn clerici quam laici subrepti fuerint." Dass dies nicht 
dieselben sind, welche bis zu den Worten: de ceteris quidem etc. aufge- 
zählt sind, ist klar. 



der Hoffnung, ein günstiges Vorzeichen zu erlangen. Als die 
Boten die Basilika betreten , stimmt der Vorsänger in der An- 
tiphonie plötzlich einen siegverkündenden Vers des Psalmisten 
an : erfreut melden die Boten ihrem Herrn das günstige Vor- 
zeichen. Schon das ruht auf kirchhcher, legendenarti^^er Tra- 
dition; allein noch entschiedener Legendenhaftes über den 2u^ 
Chlodovechs nach Poiliers hat Gregor aufgenommen: eineHirsch- 
kuh zeigt dem Könige auf sein Gebet den Weg durch die vom 
Regen angeschwollene Vienne; als er vor Poitiers angekom- 
men, sich gelagert hat, leuchtet ihm von der Kirche des hei- 
ligen Hilarius Feuerschein siegverkündend entgegen ») ; eine 
Frankenschaar , welche vor der Schlacht plündernd im Gebiet 
von Poitiers umherzieht, erfährt die wunderlhätige Macht des 
Abtes Maxentius 2j. Solche Erzählungen sind charakteristisch 
für die Auffassung des westgothischen Krieges zu Gregors 
Zeit; für die Aufklärung des geschichtlichen Hergangs haben 
sie keinen Werth. 

W^ährend wir bisher Historisches und Legendenhaftes in 
Gregors Bericht vereint fanden, tritt in seiner Erzählung von 
der entscheidenden Schlacht und dem weitern Verlaufe des 
Krieges das Legendenhafte zurück, nur einmal findet sich noch 
etwas derartiges 3). 

Alarich hatte Chlodovech bei Poitiers an der Gränze des 
westgothischen Landes erwartet, doch scheint es nicht gleich 
nach Chlodovechs Ankunft zur Schlacht gekommen zu sein *). 
„König Chlodovech, wird in Gregors Berichte erzählt, traf mit 
Alarich, dem Westgothenkönige, auf dem Felde von Vougle, zehn 
Millien nördlich von Poitiers zusammen; am Flüsse Ciain, wie 
eine Quelle ergänzend hinzufügt 5). Die Westgothen begannen 

') S. auch V. Hilarii, Bouquet III, 380 u. n. 3. 

■^) Vgl. V. Maxentii, Acta SS. ord. S. Bened. Saec. I, App. 578. Bou- 
quet III, 390 noch ausgeführter und legendenhafter. 

^) S. p. 86 n. 5. 

^) Greg. 1. 1. : veniente aulem rege (Chlodovecho) apud Pictavis dum 
eminus in tentoriis commorarelur, pharus ignea . . . visa est ei . . 

5; Gesta: in campo Vogladise super fuvium Clinnum. Hist. epit. I: 
in campania Voglavensi, II: in campania Vcglavensem; V. Remigii, Bou- 
quet 111,379: in campo Mogotinse; vgl. ßou .'lets Note, wonach ein Klo- 
ster des Namens (de Meugon) am linken Ufer .^es Ciain Veranlassung zu 
dieser Bezeichnung der Schlacht ist. 



^T'l 



; 

. 



86 



87 



den Kampf aus der Ferne, die Franken brachten ihn zum Hand- 
gemenge *). Da die Westgothen nach ihrer Weise den Rü- 
cken wandten, erlangte Chlodovech mit Gottes Hülfe den Sieg. 
Ihm stand hülfreich des ripuarischen Königs Sigibert, des Hinken- 
den, Sohn Chloderich zur Seite. Als auf der Verfolgung Chlodo- 
vech Alarich mit eigener Hand getötet '^), dringen zwei feindliche 
Krieger plötzlich auf ihn ein, ihre Lanzen treffen ihn von beiden 
Seiten, doch sein fester Panzer, sein schnelles Pferd retten ihn 
aus der drohenden Gefuhr. Der grösste Theil der Auvergna- 
len , unter ihnen viele Mitglieder senatorischer Familien, wel- 
che geführt vom Apollinaris, des Bischofs Sohn, am Kampfe 
theilgenommen, fallen; ihr Führer kommt lebendig davon 3^. Nach 
der Schlacht flieht Amalarich, Alarichs Sohn, nach Spanien, und 
Irilt die Herrschaft des Vaters an. Chlodovech dagegen ent- 
sendet seinen Sohn Theuderich durch das Gebiet von Albv 
und Rhodez nach der Auvergne. Theuderich zieht aus und 
unterwirft alle Städte vom Gebiete der Westgothen aus bis zur 
Gränze der Burgunder ^) der Gewalt seines Valers. Chlodo- 
vech bringt in Bordeaux den Winter (50%) zu ; im folgenden 
Frühjahr fällt mit Toulouse der ganze Schatz Alarichs in seine 
Hände. Dann zog er vor Angouleme : der Herr gab Chlodovech 
solche Gnade, dass vor seinem Blick die Mauern zusammen- 
stürzten 5). Nach Vertreibung der Westgothen unterwarf er 
sich die Stadl. Nach diesen Thaten kehrte Chlodovech nach 
Tours zurück und weihte hier der Kirche des heiligen Marlin 



') et contligentibus his eminus, resistuntcomminus illi. — Abweichend 
Giesebrecht a. a. 0.: „und während der eine Theil ins Handgemenge kam. 
kämpften die Andern aus der Ferne mit ihren Geschossen." 

^) Dass diese AwtTassung die richtige ist, ergiebt sich aus andern 
Quellen, vgl. p. Ö8; ebenso V. Eptadii, Bouquet III, 381 C. Die beiden 
Erzählungen des Fredegar und die Gesta haben Gregor richtig verstanden. 

^) Das geht aus Greg. III, 2 hervor. 

*) Qui (Theudericus) abiens urbes illas a ßm'bm Gothortim nsqnc 
Burffundionum terminum patris sui ditionibus subiugavit. — Es scheint, 
dass die Auvergne als zuletzt erworbenes Gebiet hier von dem übrigen 
westgothischen Reich geschieden wird, denn offenbar meint Gregor die 
Städte der Auvergne. 

*) Luden III, 90 vermuthet nicht ohne Grund, das Benehmen der 
katholischen Romanen habe die Eroberung erleichtert. Nach den Gesta 
werden die Westgothen getötet. 



viele Geschenke." Als Ergänzung von Gregors Bericht dürfen 
wir die Nachricht aufnehmen, dass Chlodovech nach Unterwer- 
fung des Landes frankische Mannschaft in der Saintonge und 
im Gebiete von Bordeaux zurückliess zur Vernichtung des 
westgothischen Volkes i). „Von Tours ging Chlodovech dann 
nach Paris und nahm dort den Sitz seiner Herrschaft. Auch 
Theuderich, sein Sohn , kam dorthin 2)." 

So weit Gregors Bericht. Er beschränkt sich auf das 
für Chlodovech und das fränkische Reich Bedeutsame. Die 
Folgen der Schlacht von Poitiers, von Alarichs Tod für das 
westgothische Reich, die Theilnahme Theoderichs des Grossen 
lernen wir aus andern westgothischen und ostgothischen Quel- 
len kennen; aus ihnen gewinnen wir das zur Ergänzung Gre- 
gors nothwendige Gegenbihl. Es kommen hier besonders 
in Betracht : Isidors von Sevilla westgothische Geschichte 
und die augenscheinlich auf eben dieser beruhende Ueber- 
sicht der Regierungen der westgothischen Könige. Beide be- 
handeln den Krieg im Zusan)menhange. Andere Quellen heben 
dagegen einzelne Ereignisse hervor, welche für sie von beson- 
derer Bedeutung sind : die Zusätze zu den Annalen des Vik- 
tor Tunnunensis, die Annalen Cassiodors und des burgundi- 
schen Bischofs Marius von Avenches. Sie sind von besonde- 
rem Werlhe auch dadurch, dass sie Angaben der Jahre ha- 
ben. Dann berührt Jordanis ein wichtiges Ereignis des Krie- 
ges 3) , ebenso die Vita Caesaiii ^). Dazu kommt eine Anzahl 
Briefe in Cassiodors Sammlung. Es unterliegt keinem Zweifel, 
dass wir die iNachrichten aller dieser Quellen, so lange sie 
sich nicht widersprechen, mit einander verbinden dürfen. 

Für die Ereignisse , welche uns aus Gregors Bericht schon 
bekannt sind , ergiebt sich freilich wenig Neues. Wichtig 
ist es jedoch, dass die Schlacht bei Vougle oder Boglodoreta, 
wie die Quelle hat 5) , bestimmt ins Jahr 507 gesetzt wird; 

') Gesta a. a. 0.: ... atque ita omni terra eorum subiugata, in 
Santonico vel Burdigalense Francos praccepit manere ad delendam Go- 
Ihorum gentem. 

') Greg. II, 38. 

^) Alle diese Quellen sind mitgetheilt im Anhange. 

'•) Bouquet III, 384. 

^) Victor Tunnunensis App. ; s. oben p. 83 n. 1. 



88 



89 



auch unsere Auffassung von Gregors Erzählung, dass ChJodovech 
den Alarich mit eigener Hand getötet, bestätigt sich aus zwei 
Quellen >K Bedeutender noch ist die Nachricht. dassChlodovech 
mit Hülfe der Burgunder gegen Alarich den Krieg begann 2) 
wir müssen es vor der Hand unentschieden lassen, ob die 
Burgunder am Kampfe bei Poitiers Theil nahmen , nach den 
Worten der Quelle ist diese Auffassung möglich , doch nicht 
nofhwendig. 

Isidor erzählt dann weiter , dass Theoderich König von 
Italien auf die Nachricht von seines Schwiegersohnes Tode ei- 
lig von Italien aufgebrochen sei, die Franken besiegt und ei- 
nen Theil des Reiches, welchen eine feindliche Schaar in Be- 
sitz genommen , den Westgothen zurückerobert habe. Nach 
Cassiodor sandte indes Theodorich im Jahre SOS nur ein Heer 
nach Gallien, und erwarb so nach einem Siege über die Franken 
das durch ihren räuberischen Einfall beunruhigte Gallien für 
si-'b. Jordanis hat offenbar dieselben Vorgänge im Au^e 
wenn er berichtet, Theoderich habe durch seinen Grafen Ih- 
bas 3, in Gallien einen Sieg über die Franken errungen, mehr 
als 30000 seien in der Schlacht gefallen. Diese Nachrichten wi- 
dersprechen sich aber in zwei Punkten : in Bezug auf Theode- 
richs Anwesenheit in Gallien und auf die Folgen der Schlacht. 
Dass Theoderich nicht selbst in Gallien war, steht durch Cas- 
siodors ausdrückliches Zeugnis fest; seine Angabe über den 
Erfolg der Schlacht verdient dagegen weniger Glauben : wir 
wissen, dass er nicht immer ganz unparteiisch die Geschichte 
seines grossen Königs auffasst4): hier folgen wir Isidor. Da- 
gegen giebt Cassiodor richtig an , dass Theoderich das Land 
für sich erwarb. ~ Ohne Zusammenhang mit diesen Vorgän- 
gen steht die Nachricht des Marius von einem Beutezuge des 
gothischen Führers Mammo gegen einen Theil Galliens im Jahre 



') Isidor und die Series. Dann V. Caesarii, Bouquet III, 384: 
iam Aiarico a victoriosissimo Chlodovaeo in certamine peremto. 

■^) Isidor. 

*) Ich behalte hier die recipirte Namenslorm bei. Jordanis hat 
Hihbas, Cassiodor in den Briefen Ibas, die Zusätze zum Viktor haben 
HelhaSy was für Hebbas nur verschrieben ist. 

*J So z. B. im Chronikon s. a. 489 u. 493. 



509. Da die burgundische Quelle ausser diesem Ereignisse 
gar nichts von den Vorgängen des westgothischen Krieges 
berichtet, liegt die Vermuthung nahe, dass Burgund durch 
dasselbe besonders betroffen sei. Nun erlässt Theoderich 
den Anwohnern der cottischen Alpen für die dritte Indik- 
tion , das Jahr 510, die öffentlichen Abgaben, weil sie durch 
den Durchzug seines Heeres arg gelitten haben »). Die Pässe 
der cottischen Alpen führen ins Dürancethal ; ein Heer, wel- 
ches diesen Weg nahm , musste das benachbarte feindliche 
Gebiet der Burgunder berühren. Es ist daher nicht unwahr- 
scheinlich, dass Marius Annalen denselben Zug im Auge ha- 
ben, von dem wir aus Theoderichs Briefe wissen, welcher 
doch ohne Zweifel auch Vorgänge des Jahres 509 im Auee 
hat 2\. Jedenfalls aber ist die Nachricht der Annalen uns ein 
Beweis, dass Theoderich auch nach dem erfochtenen Siege 
des Jahres 509, welcher ihn zum Herrn von einem Theile 
des früheren westgothischen Beiches machte, Truppen nach 
Gallien senden musste, sei es um die gemachte Eroberung zu 
behaupten , sei es um den Sieg noch weiter zu verfolgen. 

Isidor wendet sich von den Erfolgen Theoderichs zu den 
Verhältnissen des westgothischen Beiches. Hier wird im Jahre 
507 Gesalich 3) . Alarichs natürlicher Sohn , zu Narbonne zum 
Könige erhoben. Er regiert vier Jahre , ein Mann niedrig 
von Herkunft, ausgezeichnet durch Unglück und Feigheit. Da 
Narbonne vom Burgundorkönige Gun#)bad erobert ward, 
begab er sich mit Schimpf und Schande und grossem Ver- 
luste der Seinigen nach Barcelona. Dort blieb er , bis er in 
schimpflicher Flucht vor Theoderich die Herrschaft lassen 

') Cass. Var. IV. 36. Fauste praef. praet. Th. r. — . . . atque ideo 
illustris magnificenna tua provincialibu.s Alpium Cottiarum assem publi- 
cum per ind. III. nos relaxasse cognoscat, quos transiens noster exer- 
citus more fluminis dum irrigat oppressit. — Die folgende Ausführung 
zeigt, dass die Verwüstung, von welcher Marius spricht, kein zu harter 
Ausdruck ist. 

^) Petigny II, 325 denkt gewiss mit Unrecht an einen Angriff der 
Westgothen. 

^) Areval giebt die Namenoform Gusahicus, die Zusätze zu Victor 
haben Gesalecm, ebenso Cassiodors Briefe , die Series Gesalaiem. Ich 
habe die übliche Namensform beibehalten. 






90 

musste »). Er ging von Spanien nach Afrika und suchte 
Hülfe bei den Vandalen , um wieder in sein Reich eingesetzt 
zu werden. Doch erlangte er sie nicht und kehrte von Afrika 
zurück. Aus Furcht vor Theoderich floh er nach Aquitauien 
Nachdem er sich hier ein Jahr lang verborgen, kehrt er nach 
Spanien zurück und wird vom Feldherrn Theoderichs zwölf iMil- 
lien von Barcelona in einer Schlacht überwunden. Er muss 
fliehen, geräth in Gefangenschaft und wird in GaUien getötet 
jenseits des Flusses Dürance, also w ohl in der Provence 2). So 
verhert er zuerst die Ehre, dann das Leben. — Die Zusätze zum 
Viktor setzen den ersten entscheidenden Sieg der ostgothischen 
Macht unter Ibbas über Gesalich, in Folge dessen dieser nach 
Afrika floh, ins Jahr 510, dienen also hier zur Ergänzung von 
Isidors mehr unbestimmt gehaltenen Nachrichten. Ausserdem 
berichten sie , Gesalich habe vor seiner Vertreibung den Goe- 
rich in Barcelona getötet. Veilichs Tod, den sie ebenfalls 
melden, wird wohl eine Folge der in Barcelona durch die 
Ankunft der Ostgothen erfolgten Umwälzung sein. Nach Ge- 
salichs Beseitigung hat dann Theoderich der Grosse fünfzehn 
Jahre lang über Spanien geherrscht bis zu seinem Tode 526. 
Nach Jordanis war dies eine vormundschaftliche Regierung , er 
nennt Thiodes als den von Theoderich für seinen Neflen Ama- 
larich bestellten Vormund : doch mochte diese vormundschaft- 
liche Regierung von wirklicher Herrschaft wenig verschieden 
sein, zählte man doA seit dem Jahre 510, wo Gesalich vor 
der ostgothischen Macht fliehen musste, in Spanien die Regie- 
rungsjahre des Theoderich 3) .- erst mit dem Tode dieses be- 
ginnt Amalarichs Reich. 



') Aschbaoh {). 174 fas>st Gesaliciis Flucht als Venatli. In der 
Quölle liegt das nicht. 

^) Die Series zieht Isidors Bericht offenbar zusammen , sie kommt 
deshalb für die Kritik nicht in Betracht. 

Bouquet IV, 4G0: „Gesalicus regnavit annos III et in latebra an- 
num I." in einer Uebersicht der weslgothischen Könige ist eine richtige 
Abtheilung. 

^) Dubos IV , 12. 

Concil. Agripp. T. I, p. 963 : In nomine Christi habita synodus 
Terragonae anno sexto Theodorici regis , cos. Petro (516). 

ib. p. 1048: Concilium Gerundeose anno septimo Theodorici re- 



91 



So gewinnen wir aus den bisher behandelten westgothischen 
und ostgothischen Quellen einen ziemhch vollständigen Ueber- 
blick über den Verlauf des Krieges. Wir sehen, was für das 
vvestgothische Reich von Redeutung ist , wird hervorgehoben : 
die Schlacht von Poitiers , welche über den Restand des tolosa- 
nischen Reiches entschied ; der Erfolg des ostgothischen von 
Theoderich 508 gesandten Heeres in Gallien gegen die Feinde 
der Westgothen ; Theoderichs Eingreifen in die Verhältnisse 
des westgothischen Reiches, wo grade jetzt ein kräftiger Arm 
fehlte. — Halten wir uns auf dem Standpunkte einer Kritik 
Gregors , so muss es allerdings aufl^allen , dass er von allen 
diesen Vorgängen, welche uns für den Gang des Krieges gewiss 
nicht minder wichtig erscheiöen als die Schlacht von Poitiers 
und deren Folgen, nichts erwähnt. Allein off'enbar enthielt 
die fränkische Ueberlieferung , welcher Gi^egor folgt, nichts 
davon; das für Chlodovech und die fränkischen Waffen nicht 
Ruhmvolle mochte , als Gresor seine Nachrichten sammelte, 
in der Erinnerung zurückgetreten sein. Die Erfolge Ghlodo- 
vechs und seines Sohnes Theuderich, die Unterwerfung eines 
grossen Theiles des westgothischen Reiches waren das Rlei- 
bende, und dies hat die fränkische Ueberlieferung treu und 
wahr aufbewahrt. 

Auf einen Punkt müssen wir hier noch besonders einge- 
hen, in welchem die fränkische und westgothische Ueberliefe- 
rung sich zu widersprechen scheinen , die Stellung Gesa- 
lichs zu den Westgothen und Theoderich. Gregors Rericht 
erwähnt den Gestilich gar nicht, doch gedenkt er Amala- 
richs *) : nach der Schlacht bei Vougle sei er nach Spanien 
geflohen und habe seines Vaters Herrschaft eingenommen. 
Dass freilich dies nicht ganz streng zu nehmen ist , wissen 
wir ; Theoderichs vormundschaftliche Regierung begann im J. 
510 , da Araalarich noch ein Kind war. Isidor dagegen er- 
wähnt Amalarichs Regierung gar nicht, er lässt nach Alarichs 

gis. Id. Junii , Agapeto cos. (517). — Die Zusätze zu Victor berichten 
freilich erst unter dem Jahre 518 den Anfang von Theoderichs Regie- 
rung , doch scheint daran ein Irrthum oder schlechte Ueberlieferung des 
Textes Schuld zu sein. 

') Gr. II, 37 : De hac pugna Amalaricus, filius Alarici, in Hispaniam 
fugit, regnumque patris sagaciter occupavit. 



> 



92 



93 



Regierung eine vierjährige Gesaliclis folgen, nach ihm ward 
dieser zu Narbonne zum König erhoben <). Man hat nun 
diese beiden widersprechenden Angaben zu vereinigen gesucht: 
Amalarich habe in Spanien geherrscht unter der Vormund- 
schaft Theoderichs, Gesalich in den Landen nördhch der Pyre- 
näen , soweit sie den Franken noch nicht zugefallen waren, 
von einem Theile der VVestgothen zum Könige erhoben. Gesa- 
lich erscheint demnach Amalarich gegenüber als unrechtmässiger 
König 2). Dabei bleibt es denn freilich unerklärt, wie Gesa- 
lich, aus Narbonne vertrieben, in das feindliche Spanien nach 
Barcelona flüchten und dort herrschen kann, bis er im Jahre 
510 vor den Ostgothen weichen muss. Dazu kommt , dass 
Theoderich selbst im Anfange Gesalichs Erhebung anerkannt 
zu haben scheint 3) ; erst als dieser seine Untüchtigkeit be- 
wiesen, vielleicht sogar Einverständnis mit den Franken ge- 
sucht , hat Theoderich ihn beseitigen lassen 4). So dürfen wir 
Gesalichs Erhebung als eine rechtmässige, durch die Noth 
gebotene auffassen nach Alarichs Tode bedarf man eines 
kräftigen Armes ; da Amalarich noch unmündig ist , tritt für 
den Augenblick der bessere Anspruch zurück. Durch die 
Ankunft der Ostgothen unter Ibbas in Spanien 5J0 vertrie- 
ben, hat dann Gesalich einen Versuch gemacht, mit vandali- 
scher Hülfe in sein Reich zurückzukehren: doch hat Theode- 
rich diese Bemühungen vereitelt. Freilich scheint es , dass 

') Am Ausdrucke princejys darf rium sich nicht slossen ; ebenso 
wird von Isidor Chlodovech ])7'incej)s genannt. 

') Aschbach p. 173. 174 vertritt besonders diese Ansicht. Minder 
schrofT auch Mascov 11, p. 28, Manso p. 63 , Fauriel 11, p. Ü2. 

•*) Cass. Var. V , 43. Theoderich spricht vom Gesalich ... qui no- 
stris inimicis , dum a nobis foveretur, adiunctus est. - Der Brief ist nach 
510 geschrieben, als Gesalich schon aus Afrika zurück war, daher weiss 
man nicht, ob man die von Theoderich getadelte Verbindung Gesalichs 
mit seinen Feinden auf Gesalichs Aufenihalt in Aquitanien . oder auf Frü- 
heres (80 Aschbach p. 174 n. 164) beziehen soll. Doch dass Theoderich ihm 
nicht von Anfang an feindlich war. liegt deutlich in den angeführten Worten 
Mit welchem Rechte Petigny II, 509 Gesalichs Krhebung als Reaction 
einer nationalen westgothischen Partei gegen den durch Theoderich ver- 
tretenen romischen Einfluss fasst , und p 525 Gesalichs Flucht vor den 
Ostgothen als Absetzung durch die VVestgothen darstellt, sehe ich nicht. 

*) Cass Var V, 43: Si nostro (regno) propter excessus pulsus est. 



Gesalich schon Bedeutendes in Afrika gelungen war, dass er 
den Vandalenkönig Trasamund durch listige Vorspiegelung ») 
bewogen hatte, mit ihm ein förmliches Schutzbündnis einzu- 
gehen, dass er von ihm mit bedeutenden Geldmitteln ausge- 
stattet, wieder von Afrika abging, wahrscheinlich nach dem 
damals fränkischen Aquitanien , um dort einen Anhang zu 
sammeln : wir wissen aus Isidor , dass er in Aquitanien 
ein Jahr lang verborgen lebte (5l0/i). Theoderich machte 
brieflich dem Trasamund ernstliche Vorwurfes)^ dass er, ob- 
schon durch die Verbindung mit seiner Schwester aus dem 
Amalergeschlechte geehrt und an das ostgothische Interesse 
geknüpft, einen Mann unterstützt habe, welcher seinen Fein- 
den sich verbündet hatte. Diese Bemühungen Theoderichs 
sind auch nicht ohne Einfluss geblieben. Trasamund hat, wie 
wir aus einem zweiten Briefe Theoderichs sehen 4) , die Ver- 
bindung mit Gesalich aufgegeben , an Theoderich Gesandte 
geschickt , um sich ihm gegenüber zu rechtlertigen 5) ^ durch 
bedeutende Geschenke ihn zu versöhnen gesucht. Theoderich 
nahm diese Geschenke nicht an , sondern schickte sie dem Van- 



*) Vgl. die n. 5 angeführten Worte aus Cass. Var. V, 44. 

-) Cass. Var. V, 43 : Sed stupeo vos bis beneficiis obligatos durch 
die Vermahlung mit der Anialofreda) Gesalecum , qui nostris inimicis, 
dum a nobis foveretur, adiunctus est, in vestram defensionem sie fuisse 
susceptum, ut qui ad vos viribus deslitulus privatusque fortunis vene- 
rat , subita pecuniae ubertate completus ad exteras genles probetur 
transmissus, qui quamvis Deo iuvante laedere nihil possit , tarnen ani- 
mum vestrae cogitalionis aperuit. Quid exspectent extraneorum iura, 
si SiC meretur aflinitas. Nam si causa misericordiae susceptus est , in 
regno vestro teneri debuit; si nostro propter excessus pulsus est. non 
oportuerat cum diviliis ad aliena regna transmitti , quae ne vobis red- 
derentur infesta nostra fecerunt absolute certamina. 

3) Vgl. n. 2. 

*) Cass. Var. V., 44. Der Brief ist offenbar nach Gesalichs Tode 
geschrieben nach den n. 5 mitgetheilten Worten ,,Gesaleci quondam regis." 

^) Nuper vobis obiecimus Gesaleci quondam regis dolosa medita- 
lione discessum ; sed nobilitalis vestrae memores et honoris actum rei 
nobis sub veritale declaraslis — Dass Trasamund Gesalich wirklich unter- 
stützt hat, leidet keinen Zweifel; Isidor sagt freilich von Gesalich „qui 
cum non impetrasset auxilium", allein ihm fehlt offenbar genaue Kunde 
von den Vorgängen, oder er fasst auxilium als militärische Unterstützung;. 



s 



I' 



^ 



94 



dalenkönige zurück : nur um die gerechte Sache sei es ihm zu 
Ihun gewesen. Dem Aufhören der vandalischen Unterstützung 
ist es dann auch gewiss zuzuschreiben, dass Gesaüch, als er 
im Jahre 511 den Versuch machte seine Herrschaft zurückzu- 
erobern, unterlaa;. 

Ausser den beiden Auffassungen des Krieges , welche wir 
bis jetzt, den frankischen, den westgothischen und ostgothi- 
schen Quellen folgend, einander gegenübergestellt haben, be- 
sitzen wir noch eine dritte Darstellung des Krieges bei Pro- 
cop »). Procop erzählt denselben folgendermassen: „Bei wach- 
sender Macht wenden sich die Franken ohne Scheu vor Theo- 
derich dem Grossen 2) gegen die Westgothen. Alarich auf 
die Kunde von ihrem Anzüge sucht schnell bei Theoderich 
Hülfe. Dieser kommt mit starker Macht heran. Die Franken 
ziehen gegen GarcMSSonne, also in den äussersten Süden des 
westgothischen Reiches; die Westgothen auf die Kunde davon 
lagern sich ihnen gegenüber; es vergeht eine geraume Zeit, 
ohne dass es zum Kampfe kommt. Allein die Verwüstung und 
Plünderung des Landes durch die Franken macht den West- 
gothen ihre ünthätigkeit so krankend, dass sie, in der Hofl- 
nung, auch allein die Franken bestehen zu können, Alarich 
durch heftige Vorwürfe wegen seiner Furcht wider seinen 
Willen zum Kampfe bewegen. Es kommt nun vor dem Ein- 
treffen der ostgothischen Hülfe zu einer Schlacht, in welcher 
die Franken siegen. Die meisten Westgothen , unter ihnen 
auch Alarich , fallen. Die Franken nehmen den grösslen Theil 
Galliens ein. Sie belagern nun eifrig Carcassonne in der Hoff- 
nung, den hier aufbewahrten Königsschatz zu gewinnen. Der 
Rest des westgothischen Heeres ruft den Gesalich 3)^ Alarichs 
unehelichen Sohn, zum Könige aus, da Amalarich, Alarichs 
rechtmässiger Sohn, noch unmündig ist. Als dann Theoderich 
mit dem ostgothischen Heere ankommt, geben die Franken 
aus Furcht die Belagerung Garcassonnes auf, sie weichen von 
der Stadt zurück , behaupten jedoch Gallien westlich der Rhone 



*) Procop de belle Gothico I, 12 

) Früher haben sich nämlich nach Procop die Franken aus Furcht 
vor Theoderich fern vom Kriege gegen die Weslgolheu gehallen. 
') Die Namensforoi bei Procop ist r^aiktxoii. 



bis zum Meere. Theoderich überlässt ihnen dies Gebiet, un- 
vermögend sie daraus zu vertreiben; er rettet für sich das 
übrige Gallien. Da indes Gesahch aus dem Wege geräumt 
ist, überträgt er seinem Enkel die westgothische Herrschaft, 
behält aber selbst die Vormundschaft. Den ganzen in Car- 
cassonne aufbewahrten Schaz nimmt er mit sich und eilt davon 
nach Ravenna. Um seine Herrschaft zu befestigen , sendet er 
fortwährend Beamte und Truppen nach Gallien" und Spanien." 
Wir finden hier wohl im Allgemeinen eine Uebereinstim- 
mung mit unsern übrigen Quellen im Gange des Krieges: die 
Franken siegen über die Westgothen, Alarich fällt" in der 
Schlacht, Theoderich erscheint zu spät auf dem Kampfplatz, 
doch rettet er noch einen Theil des Landes für sich, während 
das üebrige den Franken zufällt. Allein so wie wir aufs Einzelne 
eingehen, finden sich Abweichungen, Ungenauigkeiten. Ghlodo- 
vechs Anwesenheit im Kriege wird nicht erwähnt, die Theil- 
nahme Gundobads ebenfalls nicht ; dagegen wird Theoderich im 
Gegensalz zu den übrigen Quellen als Führer des ostgothi- 
schen Heeres bezeichnet; gezwungen von seinen Westgothen 
nimmt Alarich die Schlacht an, welche, urtheilen wir nach 
unseren anderen Quellen, unvermeidlich war. Hier erkennen 
wir deutlich genug byzantinischen Pragmatismus. Der Schatz 
ist in Carcassonne, nicht in Toulouse. Dergleichen Hesse sich 
noch mehr aufzählen. Doch was die Hauptsache ist, in Pro- 
cops Darstellung erscheint e i n Ereignis als der Mittelpunkt des 
ganzen Krieges, welches alle anderen Berichte gar nicht er- 
wähnen, die Belagerung von Carcassonne. Diese Stadt ist 
das Ziel der Franken gleich beim Einmärsche ins westgothi- 
sche Land, bei Carcassonne fällt jene Schlacht vor, zu welcher 
wider seinen Willen Alarich bewogen wird i), nach dem Siege 
belagern die Franken eifrig die Sladt, bis Theoderichs Ankunft 
sie vertreibt, er rettet dann den hier aufbewahrten Schatz. So 
dreht sich der ganze Krieg um den Besitz Garcassonnes, und was 
am meisten befremden muss, unter den Mauern dieser Stadt fällt 
im äussersten Süden des westgothischen Reiches eine Schlacht 



') Dass diese Schlacht bei Carcassonne vorfiel , sagt zwar Procop 
nicht ausdrücklich, doch zwingt der Zusammenhang uns, ihn so zu in- 
terpretiren. 






96 

vor, welche offenbar dieselbe sein soll mit der Schlacht, wel- 
che unsere übrigen Berichte an die Nordgränze von Alarichs 
Reich nach Vougle verlegen. 

Es tritt also klar genug hervor , neben den anderen 
Quellen kann Procop nicht bestehen ; gewiss aber ist es 
nicht Aufgabe der Kritik , durch willkürliche Besserungen ') 
seine Erzählung vom ersten Theile des Krieges bis zur ent- 
scheidenden Schlacht mit jenen in Uebereinstimmung zu set- 
zen. Es scheint in der That , als ob Procop nur eine all- 
gemeine Kenntnis vom Hergang des Krieges gehabt habe: er 
hat wohl die Schlacht bei Poitiers und ihre Bedeutung ge- 
kannt , allein dieselbe irriger Weise mit einer Belagerung 
Carcassonnes verbunden, welches nach seiner Ansicht Aufbe- 
wahrungsort des vvestgothischen Schatzes ist und darum Ziel 
des fränkischen Strebens. Was Proco]) hierzu den Anlass 
gegeben, ist zweifelhaft. Ist Carcassonne wirklich im Laufe 
des Krieges einmal belagert worden , so kiinn dies höchstens 
in Folge des Sieges bei Poitiers geschehen sein , und somit 
würde diese Belagerung in einer Linie mit den Belagerungen 
anderer Städte stehen , von denen wir aus Gregor wissen. 
Doch ist es gewiss besser, ein solches einzelnes Ereignis ganz 
fallen zu lassen, als durch gewagte Combinationen den kla- 
ren Zusammenhang zu verwirren. 

Unsere Untersuchung führt uns nun zu einer Begebenheit, 
welche für den Gang des Krieges von grosser Bedeutung ist, 
allein in den bisher behandelten Quellen keine Berücksichti- 
gung gefunden hat, zu der Belagerung von Arles. 

Ihren allgemeinsten Unnissen nach lernen wir diese Bela- 
gerung aus zwei Briefen Theoderichs kennen. Der eine vor 
dem ersten September 510 geschrieben, lobt die Treue der 
Bewohner von Arles, welche standhaft eine schwere Belage- 
rung ausgehalten haben , selbst durch Hunger nicht zur üe- 



') Dubos IV , 10 benutzt eine Lesart Scaiigers Ovy.aoAaoaotva , um 
den alten Namen von Poitiers AiyovaTofjiTona zu emendiren ; bei Bou- 
quet U, p. 32 n. 6 ist vorgeschlagen e/ri norct^idv Oinyfwtav^v : so kann 
man aus Allem Alles machen. — Die neueren Darstellungen beruhen 
auf Combinationen der übrigen Quellen mit Procop: unter ihnen zeich- 
net sich durch grosse Willkürlichkeit die Aschbachs aus. 



97 

hergäbe der Stadt gezwungen worden sind '). Der andere 
wohl nicht lange darauf geschrieben, erwähnt es, dass die 
Mauern der Stadt, die alten Befestigungsthürme arg gehtten 
haben 2), das Gebiet der Stadt sei verwüstet 3). Ein späterer 
Brief von 'i:heoderichs Enkel Athalarich 4) gedenkt ebenfalls 
der Belagerung : er enthält das Lob des ostgothiscben Heer- 
führers Tulum ; bei dem Unternehmen gegen Gaüien hat er, 
gleich anfangs unter den Führern hingesandt, seine Klugheit 
und Kühnheit im Kriciie bewiesen s). „Arles, heisst es dann 
weiter, ist eine Stadt, erbaut an der Rhone, eine Brücke 
führt gegen Osten über den Fluss. Diese galt es für die 
Feinde zu nehmen, für die Unsrigen zu vertheidigen. Um 
sie sind einst von den Franken und den Gothen heftige Käm- 
pfe geführt. Da ist Tulum kühn in der Zeit der Bedrängnis 
zur Hand gewesen : so eifrig hat er dort mit den Feinden 
gestritten, dass er sie vom Ziele ihrer Wünsche entfernte, und 
ruhmvolle Wunden, Zeichen seiner Thalen, davontrug" 6). Es 
fragt sich, erwarb Tulum diesen Ruhm als Vertheidiger der 
Stadt 7) , oder bei einem glücklichen Versuche dieselbe zu 
entsetzen? Da ausdrücklich gesagt wird, dass er von Theo- 



'j Cass. Var. 111,32: ;Arelafenses) qui noslris partibus perdurantes 
i^Ioriosae obsidionis penuriam pertulerunt ... qui pro nobis in angu- 
stiis esurire maluerunt. . . casum vix rpotuerunt) declinare postreraum. 
. . . (dominum agrum) non coluisse cognoscas. 

'^) Cass. Var. III, 44: ... ad cultum reducere antiqua moenia festi- 
nemus . . pro reparatione itaque murorum Arelatensium vel turrium ve- 
tustarum . . . 

') Vgl. n. 1. 

*) Cass. Var. VIII. 10. 

5} Admonet etiam expeditio Gallicana, ubi iam inter duces directus 
et prudentiam suam bellis et pericula ingerebat. 

^) Arelate est civitas supra undas Rhodani constituta , quae in 
orientis prospectum tabulatum pontem per nuncupati fluminis dorsa 
Iransmiltit. Hunc et hostibus capere et nostris defendere necessarium 
fuit. Quapropter excitata sunt Gothorum Francorumque validissima tem- 
pestate certamina. AtTuit illic dubiis rebus audacia candidati (Tulum ist 
gemeint), ubi tanla cum globis hostium concertatione pugnavit, ut et 
inimicos a suis desideriis amoveret , et vulnera faclorum suorum Signa 
susciperet. 

'•) Manso p. 65, Aschbach p. 175 nehmen dies an. 



r 






I 



98 



99 






derich zugleich mit dem Heere abgesandt sei >), Arles aber 
wie wir noch sehen werden , als Theoderichs Heer 508 die 
Provence betrat, bereits belagert ward, ist nur die zweite 
Auffassung möglich. Ob dieser Versuch Tulums, die Stadt zu 
entsetzen, schon zur Aufhebung der Belagerung führte, oder 
•nur den Feind zwang, seine Angriffe auf die Brücke aufzuge- 
ben, wissen wir nicht: doch muss seine That von entschei- 
dendem Einfluss auf den Gang der Belagerung gewesen sein. 
Am ausführhchsten berichtet die Vita Gaesarii über di<; 
Belagerung der Stadt. Sie hebt besonders hervor, was den 
Bischof Caesarius selbst betrifft; der eigentliche Gang der Be 
lagerung dagegen tritt nicht klar hervor. Was wir darüber 
der Vita entnehmen können, ist Folgendes. 

Die Belagerung ward von Franken und Burgundern unternom 
men, als Alarich von Ghlodovechs Hand im Kampfe gefallen war 
also nach der Schlacht bei Poitiers; sie war schon begonnen 
als die von Theoderich dem Grossen gesandten Heerführer die 
Provence (im Jahr 5(»8) betraten 2). Die Stadt, das tritt deut- 
lich genug hervor , ist von den Belagerern eng eingeschlossen 
gewesen, selbst der Verkehr auf dem Flusse konnte von ih- 
nen gehemmt werden 3). Später wird eine Rückkehr der Go- 
then mit einer ungeheuren Menge von Gefangenen erwiihnt, 
die heiligen Basiliken, das Gemeindehaus hatten sich mit dich- 
ten Mengen von Ungläubigen gefüllt: Bischof Cäsarius habe an 
ihnen Werke der Barmherzigkeit geübt, ihnen reichlich Le- 
bensmittel und Kleidung gegeben, bis er Einzelne habe los- 
kaufen können. Dass hier unter den Gothen die vvestsothische 
Besatzung der Stadt verstanden ist , unterliegt wohl keinem 
Zweifel; bei den Gefangenen wird man deshalb zunächst an 
die Belagerer denken , arianische Burgunder können sehr wohl 
vom katholischen Schreiber der Vita als „Ungläubige" bezeich- 



•) Vgl. S. 97 n. 5. Mascov II , p. 31 fasst die Verhältnisse ähnlich 
auf wie wir. 

2) V. Caesarü. Bouquet III, 394. Acta SS. Ord. S. Bened. App. 
Saec. I,p. 659ff: Obsidenlibus Francis et Burgundionibiis civitatem 
(Arelatensem), jam Alarico rege a victoriosissimo Clodoveo in certaminc 
perempto , Theudericus Italiae rex provinciam Istam ducibus missis in- 
traverat. 

^) S. unten p. 101 n. 1. 



net werden i). Von einer Fortdauer d^r Belagerung nach 
dieser Rückkehr der Westgothen erwähnt die Vita nichts mehr- 
im Gegentheil sie fasst bald darauf kurz, doch bestimmt, den 
Verlauf der Belagerung so zusammen : „Arles sei zu Cäsarius 
Tagen belagert, ohne eine Eroberung, ohne eine Plünderung 
erleiden zu müssen. So sei die StadX von den Westgothen 
zur ostgothischen Herrschaft übergegangen" 3). wir sind wohJ 
berechtigt , mit jener Rückkehr der Westgothen die Belagerung 
als beendet anzusehen. Dass für den Stand derselben die An- 
kunft der Ostgothen in der Provence, ihr Sieg über die Fran- 
ken im Jahr 508 von entscheidendem Einflüsse sein mussten 
liegt auf der Hand; sei es nun, dass von den Belagerern ein 
Theil an der Schlacht theilnahm , oder dass die verlorene 
Schlacht ihren Muth schwächte : nur in Folge dieser konnte 
der Umschlag eintreten , als dessen nächste Folge wir die von 
der vvestgothischen Besatzung augenscheinlich bei einem Ausfall 
gemachten Gefangenen, als deren fernere die Aufhebung der 
Belagerung ansehen müssen. Ob jene That des Tulum noch 
m nähere Verbindung hiermit zu bringen ist, lässt sich nicht 
entscheiden; jedenfalls zu weit würde man gehen, wenn man 
den Sieg der Ostgothen unter die Mauern von Arles verlegen 
wollte 3j.- Nachdem soviel festgestellt ist, lässt sich die Dauer 
der Belagerung und ihr Platz im allgemeinen Zusammenhange 
des Krieges noch etwas näher bestimmen. Wir wissen dass 
Theuderich, Ghlodovechs Sohn, noch 507 zur Eroberung der 
Auvergne entsandt ward: bevor ihm diese gelungen 'war 
konnte schwerlich ein fränkisches Belagerungsheer vor AHes 
erscheinen. Gundobad, welcher augenscheinlich gleichzeitig 
mit Ghlodovechs Vorgehen gegen Alarich die Provence mit 



•) In Arelato vero Gothis cum captivorum immensitate reversis re- 
plenlur basilicae sanctae . repletur etiam domus ecciesiae constipatione 
mfidehum ... Das reversis lässt keinen Zweifel , dass die Westgothen 
in Arles gemeint sind ; Petigny 11, 519 fasst die Gothi als Ostgothen. 

2) Nos tamen credimus et confidimus in Domino Deo per miseri- 
cordiam et fidem seu orationem beati Caesarü, quia sie in diebus suis 
ab hostibus Arelatensis obsessa est civitas, ul nee captivitati meruerit 
nee praedae succumbere. Sic deinde a Wisigothis ad OstrogothoriMn 
Uevolutum est regnum. 

^) Du Roure II, p. 18. 

7* 



100 



lOl 



leichter Mühe eingenommen, und dann vielleicht schon GesaHch 
aus Narbonne vertrieben hatte , konnte darauf leicht seine 
Macht mit der frankischen vereinigen. So mag die Belagerunj^ 
schon 507 begonnen sein : ob sie von Theuderich und Gun- 
dobad persönlich geleitet ward, wissen wn- nicht: langer als 
bis zum Siege der O&tgothen im Jahre 508 kann sie unmög- 
lich gedauert haben. Daraus, dass erst für das Jahr vom 1. 
September 510 bis zum l. September 511 Theoderich den 
Bewohnern der Stadt die Abgaben erliess '), wird Niemand 
eine Fortdauer der Belagerung bis zur Abfassungszeit des Brie- 
fes folgern wollen ; damals stand offenbar Theoderich in der 
Provence kein Feind mehr gegenüber, da er seine Kräfte ganz 
auf die Ordnung der spanischen Verhältnisse verwenden konnte. 
Eine mehrmalige Belagerung aber anzunehmen , liegt in den 
Quellen gar keine Veranlassung ^), 

Hervorgehoben muss wenigstens noch das Wichtigste von 
dem werden , w as unsere Vita über die Vorgänge in der Sladl 
während der Belagerung berichtet. Wir gess innen daraus 
einen klaren Einblick in das Getriebe der um jene Zeit feind- 
Uch einander gegenüber stehenden Parteien. Nach dem , was 
über die Hinneigung der katholischen Rornanen /m Chlodovech. 
von Chlodovechs Bemühungen, sie zu gewinnen, bekannt ist, 
kann es nicht befremden, dass in der von Franken und Bur- 
gundern belagerten Stadt die Katholik(Mi , vor allen Dingen 
Bischof Caesarius mit mistrauischen Blicken angesehen wurden. 
Als nun gar ein junger, Cäsarius verwandter Geistlicher bei 
Nacht sich an einem Stricke von der Stadtmauer herablässt 
und zu dem Feinde übergeht, fürchten die arinnischen West- 
goihen und die Juden, welche in ziemhcher Menge in Arles 
ansässig gewesen ^ein müssen, Verrath , ob mit Becht oder 
Unrecht, wissen wir nichts). Die Erbitterung wendet sich 
gegen den Bischof, im Palatium will man ihn i^efancen hal- 
ten , bis das Gastrum ügernense ^) oder gar die nächtlichen 
Fluthen der Bhone die Stadt vor seinem Verrath sichern. Man 

») Cass. Var. III, ::2 per indictionem quartam. 
*) Bouquet IV, p. II nimmt eine zweimalige Belagerung an; eben- 
so Aschbacb p, 175 u. p. 178. 

^) Fauriel II, p. 63 dagegen, Aschbach p. 178 mit unrecht dafür. 
'*) Seine Lage ist unbekannt. 



dnngt ein in seine Wohnung. Doch Cäsarius Leben wird er- 
halten: mit dem Schilfe, in welches man ihn geworfen, kann 
man auf keiner Seite der Bhone abfahren, so eng ist die Be- 
lagerung der Stadt •). Daher verbirgt man ihn Nachts im Pala- 
tium, damit die Katholiken nicht wissen , ob er noch lebt oder 
nicht. Da zeigt es sich , dass die Juden die Stadt verrathen 
wollen: so schwindet der Verdacht, und Cäsarius w^ird befreit. 
Von dem Uebergange der Stadt unter ostgothische Herrschaft 
scheinen die katholischen Bomanen doch nicht ganz unberührt 
geblieben zu sein : Bischof Cäsarius ward gefangen nach Ra- 
venna geführt; doch war Theoderich klug genug, dem ange- 
sehenen Manne Milde zu beweisen. 

Wir müssen endlich von unserm Material zur Geschichte 
des Krieges noch kurz die Briefe Theodericbs berühren , so 
weit sie nicht schon zur Aufklärung einzelner Punkte herbei- 
gezogen sind. Die Benutzung hat ihre Schwierigkeiten , da 
sich nur selten ein sicherer Zeitpunkt der Abfassung ermitteln 
lässt. und man muss sich daher hüten, die in ihnen erwähn- 
ten Thalsachen durch willkürliche Combinationen in einen fal- 
schen Zusammenhang zu rücken 2). 

Wichtig ist vor allen Dingen der Briefs), welcher die 
Ostgothen auffoi^dert. sich zu rüsten in alter Weise zum Zuge 
nach Gallien, und ihnen als Tag des Aufbruches den 24. Juni 
508 bestimmte. Vor der zweiten Hälfte des Jahres 508 also 
erschien kein ostgothisches Heer in der Provence. Wir sehen 
aus diesem Briefe, dass Theoderich durch seinen Sajo Nan- 
dius seine ostgothischen Krieger in ziemlich ausgedehntem 
Masse aufgeboten hat. Eine andere Thatsache , uns eben- 

'^1 Cum ergo ex utracjue ripa <lrnmonem , quo iniectus fuerat 
a:aesarius), obsidioTie hostinm Gothi Dei nutn subrigero non valerent, 
revocantos sub nocte in palatio sanetnm vinim. personam ipsius texere 
silentio, ut, ntrum viveret , nullus catholicus posset agnoscere. — Eine 
ganz irrige Auflassung dieser Stelle hat Dubos IV, 11, durch eine 
schlechte Lesart verführt. Petigny II, 513 hat sich ihm angeschlossen. 

*) Im Anhange ist ein Versuch gemacht, die Zeit der einzelnen 
Briefe zu bestimmen. Die neueren Darstellungen des Krieges haben, 
ohne die Unsicherheit der chronologischen Feststellung zu berücksichti- 
gen , die Briefe zu ganz unsicheren Combinationen benutzt. Sie im 
Einzelnen zu widerlegen , würde zu weit führen. 

^) Cass. Var. 1 , 24. 






\ 



* 



102 

falls nur aus einem der Briefe TheoHerichs bekannt ») , ist 
dass Narbonne, welches nach Isidor von Gundobad erobert 
ward , nicht dauernd in seinen Händen geblieben ist : wir fin- 
den dort zwischen 508 und 510 Theoderichs Feldherrn Ibbas, 
es scheint, dass er auf seiner Sendung nach Spanien, um die 
dortigen Verhältnisse zu ordnen, in Narbonne eine Zeitlang 
verweilte. Ausserdem erfahren wir noch von Truppensen- 
dungen zur Sicherung der gegen Franken und Burgunder be- 
haupteten Gebiete 2). 

Besonders interessant ist das Bild , welches wir aus 
den Briefen von dem Verhältniss Theoderichs zu den Gebieten 
gewinnen , aus welchen durch die Ankunft seines Heeres die 
Feinde vertrieben sind. Er betrachtet die mit Waffengewalt 
gemachte Eroberung als eine Unterwerfung unter seine Macht 3)^ 
doch ist er bemüht, den neuen ünterthanen seine Herrschaft 
leicht und angenehm zu machen. Er betrachtet sie durchaus 
als eine Fortsetzung von der Alarichs: was unter ihm Bestand 
gehabt , soll auch fortan bestehen % Die bisherigen Besitz- 
verhältnisse sucht Theoderich zu sichern. Sklaven, welche 
in den Wirren des Krieges einem fremden Herren zugefallen 
sind, oder die Freiheit eriangt haben, sollen den alten Herren 
zurückgegeben werden s) ; der Kirche von Narbonne lässt er 
ihren Besitz zurückerstatten 6). Alte Vorrechte behalten Gel- 
tung auch unter der neuen Regierung : so eriangen die Bewoh- 
ner von Marseille Bestätigung ihrer Immunität '). Wo irgend 
Noth sich zeigt, ist Theoderich bemüht, sie zu lindern: sein 
Stolz ist es, durch Gnadenbeweise allen Wünschen zuvorzu- 



') Cass. Var. IV, 17. 

*) V, 10 II. 

^) III, 16: Galliae nobis Deo auxiliaiite suhinnfjatue. III, ||. 42. 43. 
die Ausdrücke »ubiecti und nostrum damtmim. Die Steuern und Lei- 
stungen sind eine fmictio III , 40, 

*) IV, 17 : Definitam rem ab antiquo rege ... nulla volumus 
ambiguitate titubare. Eine Aenderung des Rechtes ist nicht eingetreten. 
m, 43: delectamur iure Romano vivere quos cupimus armis vendicaro - 
bcaieht sich auf die Römer der erworbenen Gebiete. 

5) III, 43. 

^) IV, 17. 

IV, 26. 



loa 

kommen i). Gegenden , welche durch Ereignisse des Krieges 
oder Heoresmärsche schwer betroffen sind, erhalten Eriass 
der Abgaben für ein Jahr: so Arles 2), die Anwohner der 
cottischen Alpen 3) , zuletzt die ganze Provence 4) ; obschon 
hier die Noth weniger gross sein mochte. Die Stadt Arles 
erhielt sogar Unterstützung an Geld und Lebensmitteln 5). Die 
nothwendigen Truppendurchzüge sollen möglichst wenig drü- 
ckend sein, befreundetes Land soll nicht als feindliches be- 
handelt werden 6). Für den Unterhalt seines Heeres sandte 
Theoderich sogar von Italien Getraide ') , oder gab einzelnen 
Heeresabtheilungen Geld mit 8) , so dass sie ihre Bedürfnisse 
selbst kaufen konnten. Nur die Hülfe, welche ^ bot, sollten 
die Provinzen empfinden , nicht aber die Last zu tragen haben, 
welche mit so bedeutender Truppenanhaufung im Lande ver- 
bunden sein rausste »). 

Was diese ganze Thätigkeit Theoderichs noch um so be- 
nierkenswerther macht, ist, dass er selbst nicht in Gallien 
anwesend war, sondern alles von Italien aus leiten musste. 
Doch sandte er zugleich mit seinen Heeren Beamte , welche 
geeignet waren, seine Gedanken auszuführen, und war uner- 
müdlich, ihnen Anweisung zu geben. Von diesen Beamten 
lernen wu* aus den Briefen einige kennen , sie haben in den 



l- 



•) Cass. Var III, 10, besonders III. 12: non occurritur sub principe 
benigne remedia postulare snbiecta. quoniam .supplicationem praecedit 
humanitas et miro modo posleriora fiunt vola. quam praestita. — IV, 26- 
Ipsa est enini perfecta pietas , quae antequam tlectatur precibus , novit 
considerare fatigatos. 

2) III, 32. 

3) IV , 36. 

») III, 40. Diese Bewilligung gilt auch wohl für die vierte Indiktion; 
dass ein Theil der Provenze unverletzt war, ergiebt sich aus III 42 
5) III, 44. 

^) III , 38 : ... ubi exercitus dirigitur non gravandi , sed defenden- 
ili causa, potius aeslimetur. , 

") IH , 42 : ut nee nimia possessores illatione gravarentur, ex Italia 
deslinavimus exercituales expensas, ut ad defensionem vestram directus 
exercitus nostris humanitatibus aleretur ; solumque auxilium de lam ma- 
gna congregatione sentirent. 

^) V, 10, 11. 

») Vgl. n. 7. 



■i 



IM 

1 



104 

wichtigsten Städten der Provence ihren Sitz. So scheint Ge- 
mellus , der Präfekt der Vikare , in Arles seinen Sitz gehabt 
zu haben ») , in Avignon finden wir Wandil mit der Vertheidi- 
gung und Verwaltung der Stadt betraut 2) , in ähnhcher Stel- 
lung zu Marseille den Grafen Marabad 3)^ für kurze Zeit ist 
auch Graf Arigern gesandt , die wankenden Gemüther zu be- 
festigen 4). 

. Es bleiben uns nunmehr noch zwei Fragen zu erledigen • 
die Frage, ob ein Friede geschlossen ist, und welche Folgen 
der Krieg für die Theilnehmer hatte. 

Wenn man die Behauptung aufgestellt hat, ein Friede 
ein Vertrag zwischen Chlodovech und Theoderich habe den 
Krieg beendet, in ihm habe Theoderich dem Frankenkönige 
die eroberten Gebiete förmlich abgetreten 5) ; so stützt man 
sich dabei auf eine Stelle Procops 6). Er sagt am Schlüsse 
seiner Darstellung des Krieges : „unvermögend die Franken 
aus den eingenommenen Gebieten zu vertreiben, habe Theo- 
derich zugestanden , dass sie in ihrem Besitz blieben : er 
selbst habe das übrige Gallien gerettet." Wann dies gesche- 
hen, bleibt ungewiss. Man hat gemeint, der Friede habe erst 
510 geschlossen werden können ') ; da erst durch seine im 
Jahre 510 beginnende Regentschaft Theoderich das Recht ge- 
habt habe , einen für das westgothische Volk verbindlichen 
Frieden abzuschliessen. Doch ist damit im Grunde wenig ge- 
sagt : in Theoderichs Hand lag allein die Macht, einen Frieden 
mit Chlodovech zu schliessen, da wird er nach einer Berech- 
tigung, westgothische Gebiete abzutreten, nicht eben gefragt 



*"! Wir finden in den übrigen Städten andere Beamte Cass. Var. III, 32 
wird Üemellus die Ausführung einer Massregel (ür Arles befohlen ; 
^11, 16 sein Beglaubigungsschreiben. 

•') III, 88. 

3) III, 34 

*) IV, re. 

5) Dubos IV, 12. 

^) 'Of^fv avrovt; {tovq rfQ^avnvi;) iiiXäaai Öfi><Jt>*/o? ov/ oiöq ti wv 
xavra fikv agiäq ^vvf/u'ipn I/mv, aiVo? M Fakkiac; rd Xotna dvfatoaaro» 

Dubos a. a. Orte. Petigny II, 527 lässt es nach der von Jorda- 
nis 0.59 erwähnten Schlacht, welche er ohne jeden Anhalt ins Jahr 510 
setzt, zu einem Frieden kommen. 



105 

haben. Aus der Geschichte des Krieges selbst kommt man 
;mf einen frühern Zeitpunkt für den Frieden. Nach 509 be- 
richten unsere Quellen nichts mehr von kriegerischen Vorgän- 
gen in Gallien, es handelt sich 510 und 511 nur noch um 
Spanien. Ja Chlodovech selbst ging schon 508 vom Schau- 
platze des Krieges zurück , die von ihm in der Saintonge und 
im Gebiet von Bordeaux zurückgelassenen Franken sollten nur 
innerhalb der eroberten Gebiete die begründete Macht befe- 
stigen. Daher wird man weit eher zu der Annahme kommen, 
der Krieg sei 508, spätestens 509 zu Ende gewesen »). Frei- 
lich wird man noch immer fragen können, ob denn überhaupt 
ein förmlicher Friedensschluss angenommen werden müsse 2). 
Unsere übrigen Quellen wissen nichts von einem solchen. 
Procops Worte aber, aufweiche man sich allein berufen kann, 
lassen, abgesehen von der geringen Glaubwürdigkeit, welche 
wir ihnen beimessen dürfen, auch eine weitere Auffassung zu: 
„Theoderich gab zu , dass die Franken das Land im Besitz 
behielten, d. h. nothgedrungen, da er es nicht hindern konnte.^' 
Es scheint in der That , dass Chlodovech wie Theoderich die 
von ihnen besetzten Landstriche faktisch im Besitz behielten, 
unbekümmert um eine bestimmte Anerkennung , denn ein Je- 
der hatte die Macht, das Erworbene zu behaupten. 

Was die Folgen des Krieges anbetrifft, so sind sie für 
das westgothische Reich klar genug ausgesprochen in den 
Worten einer Quelle 3) : ,,das tolosanische Reich ward zerstört", 
der grösste Theil der Gebiete, welche die Westgothen nach 
und nach in Gallien erworben hatten, kam in andere Hände. 
Theoderich nahm einen Theil des schon von Feinden durch- 
zogenen Landes 4) für sich in Besitz. Dies war die Provence; 
sie war offenbar den Chlodovech verbündeten Burgundern beim' 
Beginne des Krieges zugefallen, doch nicht gegen Theoderichs 
Heer behaupteL Ja Gundobad hat auch Gebiete, welche er 
früher inne hatte, Theoderich überiassen müssen, so Avignon, 






') Manso p 65; für einen Frieden auch Mascov fl. 31, Luden 
»F, 92; Huschberg p. 671 denkt an eine zeitweilige Waffenruhe 
*) Aschbach p. 180. 
') App. z. Victor Tunnunensis. 
*) Isidor. 



1 



106 

welches wir im Jahr 500 in seinen Händen fanden, dann 
Orange '). Theoderich erwarb also den südlichen Theil der 
allen ,,Provincia" im römischen Sinne, mit Avi.^non, Arles, Mar- 
seille , der obere Uuf der Dürance bildete wahrscheinlich die 
Nordgränze gegen Burgund'i;, der untere Lauf dagegen muss 
überschritten sein, da Orange von den Ostgothen erobert war. 
Im Westen von Avignon an bildete die Rhone die Gränze. 

Ueber die Gränzen des von Ghlodovech erworbenen Ge- 
bietes haben wir eine ganze Anzahl Angaben. Nach der 
Historia epitomata 3) waren die Loire im Norden , die Pyrenäen 
und das tyrrhenische Meer im Süden die Gränzen von Chlo- 
dovechs Eroberung. Die Quelle , welche wir als zweite 
Form des Berichtes der Historia epitomata bezeichneten , fügt 
als Oslgränze die Rhone hinzu *»). Procop hat offenbar ein 
nicht ganz so grosses Gebiet im Auge. Die Ausdehnung nach 
Süden giebt er nicht an , Gallien jenseits der Rhone bis zum 
Ocean sei den Franken zugefallen ; die Nordgränze bildet hier 
natürlich die Loire 5). __ Sicherer als aus diesen Angaben von 
Quellen, welche wir nicht zu den zuverlässigen zählen kön- 
nen, lassen sich die Gränzen aus der Geschichte des Krieges 
bestimmen , wie sie uns aus Gregors Bericht bekannt ist. 
Theuderich, Chlodovechs Sohn, eroberte ostwärts das west- 
gothische Gebiet bis zur burgundischen Gränze , im Westen hat 
Ghlodovech selbst Angoul^me, Bordeaux, die Saintonge, Toulouse 
eingenommen ; demnach bildete bis zum Einfluss der Garonne 
das Meer die Gränze , als Südvvestgränze werden wir dagegen 



') V. Caesarii , Bouquet lil , 385 : fnlerea (Caesarius) omnos ca- 
ptivos ultra Durentiam , maximo Arausici oppidi, quod ex toto fuerat 
captivitati contraditus . . . mox inventos in Italia redemit. 

') Cass. Var. HI, 11: trilici speciem . . ad castella siipra Druen- 
tiam constiluta de Massilicnsibus horreis constat esse portandam. 

*) Hisl. epit. c. 25 : regnum eiiis (Alarici) a mare Tyrrheno Lif?ore 
tluvio et montibus Pyrenaeis usque Oceanum mare a Chlodoveo occu- 
patum est. 

*) Bouquet II, 4(i4 : regnumque eius (Alarici) a Legere fluvium el 
Rhodano per mare Terrenum et montes Perenaeos usque mare Oceanum 
abstulit , quod hodieque dilione condigno pernaanet ad regnum Franco- 
rum. 

*) roUAia? To exTo« 'Fo6avov notc$fiov iq ioxtavov xitQctftfiiv« to/ov. 



107 

nach Gregor die Garonne annehmen müssen: da indes im 
Jahre 511 die Bischöfe von Eause, Bazas und Ausch die Ak- 
ten des von Glodovech nach Orleans berufenen Goncils mit 
unterschrieben i), so geht daraus hervor, dass ihre Diöcesen 
zu Chlodovechs Reich gehörten. Diese Gebiete müssen also 
durch den westgothischen Krieg ebenfalls erobert sein. Bis 
ans mittelländische Meer ist das fränkische Gebiet damals nicht 
ausgedehnt ; hier blieb ein Küstenstrich , das spätere Septima- 
nien, in den Händen der Westgothen. 

Ueber das Verhältnis, in welches die neuerworbenen Lande 
zu Ghlodovech traten , geben uns unsere Quellen keinen Auf- 
schluss. Ghlodovech macht offenbar auch hier eine persönliche 
Erwerbung, ihm fallen Alarichs Land und Schatz zu. EineLand- 
theilung fand wohl nicht statt, die Zuwanderung von Franken 
kann hier im Süden der Loire nicht bedeutend gewesen sein. 
Die Westgothen haben wohl zum grössten Theile das Land 
veriassen, wir dürfen dies daraus schliessen, dass späterhin nur 
in Septimanien noch das westgothische Recht Gültigkeit hatte 2). 
Für die Römer werden ähnliche Zustände eingetreten sein, 
wie für die Römer in den Landen nördlich der Loire nach 
der Eroberung von Syagrius Reich. Die Leiden eines erober- 
ten Landes werden freilich den neuerworbenen Gebieten nicht 
erspart geblieben sein 3). wir hören von grossen Mengen von 
Gefangenen, welche gemacht sind: man wird da zwischen 
Römern und Westgothen nicht geschieden haben, die sieg- 
reichen Franken scheinen die gemachten Gefangenen ausser 
Landes geführt zu haben 4). ja selbst der verkündete 
Friede 5) scheint nicht immer gehalten zu sein, da sogar 
die Bischöfe bei Ghlodovech Klage geführt haben. Chlodo- 



•) Concilium Aurelianense [. in Concill. Galliae Coli. Parisiis 1789 
T. 1, p. 843; vgl. Faunel 11, 73 u. Waitz Verfg. [I, 50 n. 2. 

^) Vgl. Schaffner, Gesch. der Rechlsverfassung Frankreichs I, p. 129. 

^) Fauriel II , 74 ff. hat das in einem den Franken feindlichen Sinne 
ausgeführt. 

') V. Eptadii III , 384 C : . . facta est captivorum innumerabilis 
mullitudo, qui dispersi sunt per rerjioncs dilatati; ex quibus vir beatissi- 
mus Eptadius non parvam mullitudinem data pecunia liberavit et statim 
pristinae libertati restituit. 

^) Vgl, oben p. 84 n. 2. 



108 

vech antwortet ihnen, die Bestimmuni^en jenes Friedens sollten 
aufrecht erhalten bleiben: seien Diener der Kirchen, frommem 
Leben ergebene Frauen und Jungfrauen und deren Hausgenos- 
senschafl in Gefangenschaft gefallen, so befiehlt er sie sofurt 
freizugeben. Für unrechtmässig Gefangene aus befriedeten Ge- 
bieten dagegen verlangt er Briefe mit dem bischöflichen Sit-gel 
und eidlicher Bekräftigung , für andere Gefangene soll es ihn'en 
gestattet sein, den bischoflichen Schutzbrief zu ertheilen : das 
Loskaufen von Gefangenen ist von Ghlodovech nicht gehin- 
dert worden »). 

Wir geben zum Schlüsse einen Ueberblick über den Gang 
und Zusammenhang des westgothischen Krieges: er ist um so 
nothwendiger , als die Art unserer Untersuchung es uns nicht 
erlaubte, streng an den Fortgang des Krieges anzuschliessen. 
Der Krieg beginnt im Frühjahr 507 mit Ghlodovechs Ein- 
fall in das westgothische Reich. Nachdem er die Loire über- 
schritten hat, kommt es mit Alarich, welcher ihm bis an die 
Gränze seines Reiches entgegen gezogen war, in der Ebene 
von Vougle, zehn Million nördlich von Poitiers, zum Kampfe. 
Der Sie': ward Ghlodovech zuTheil, Alarich selbst fiel zuletzt, 
als Alles sich zur Flucht wandte, von Ghlodovechs Hand. 
Diese Schlacht entschied über den Bestand des tolosanischen 
Reiches. Amalarich , Alarichs junger Sohn . ward nach Spa- 
nien gerettet: die Weslgothen erhoben an A|arichs Stelle zu 
Narbonne seinen natürlichen Sohn Gesalich zum Könige. Gleich- 
zeitig mit dem Vordringen Ghlodovechs hat off'enbar auch Gun- 
dobad als Ghlodovechs Verbündeter sich gegen das westeothi- 
sche Reich erhoben und den Theil der alten römischen Provin- 
cia, welcher zum vNcstgolhischen Reiche gehörte und Burgund 
vom mittelländischen Meere ausschloss , zum grössten Theile 
eingenommen. Ghlodovech hat den gewonnenen Sieg nicht 
unbenutzt gelassen : er entsandte seinen ältesten Sohn Theude- 
rich zur Eroberung der Auvergne, da der tapfere Widerstand, 
welchen die Auvergnaten in der Schlacht bei Vougl^ ihm ge- 
leistet, ihm die Nothwendigkeit gezeigt haben musste , vor 
allen Dingen dieser Gebiete sich zu versichern. Er selbst 
brachte den Winter 507/8 in Bordeaux zu. Im Feldzuge des 

•) p. 107 n. 3. 



109 

Jahres 508 fiel ihm dann Toulouse und mit der Stadt Alarichs 
Königsschatz zu , später auch Angoul^me. Im Osten war wohl 
noch im Jahr 507 Theuderich bis zur burgundischen Gränze 
siegreich vorgedrungen ; auch Gundobad hat weitere Erfolge er- 
rungen, er nahm Narbonne ein, vor ihm floh Gesalich ruhmlos 
mit grossem Veriuste nach Barcelona. So konnte die fränkische 
Macht sich mit der burgundiscJien zur Belagerung von Ades 
vereinigen ; der Besitz dieser Stadt war nothwendig für die 
Behauptung der im Süden gemachten Eroberung. Die Belage- 
pmg begann vielleicht schon 507 , sicher Anfang 508. 

Soviel war der vereinigten fränkischen und burgundischen 
Macht gelungen : es konnte scheinen, als sollte schon jetzt der 
westgothische Stamm von der Herrschaft Galliens ganz ausge- 
schlossen werden, da trat Theoderich der Grosse auf den 
Kampfplatz, zu spät freilich, um das Ganze zu retten, doch 
früh genug, um dem Kampfe eine andere Wendung zu geben. 
Auf den 24. Juni 508 hatte er seinem Heere geboten, sich 
zu versammeln ; geführt von tüchtigen Feldherrn , Ibba's und 
Tulum werden genannt, betrat es die Provence. Es kam 
zum ersten Zusammentreff"en der Franken und Üstgothen. Die 
Franken, Sieger im Kampfe mit so vielen deutschen Völkern, 
unteriagen hier. Ibbas, so scheint es, erfocht diesen Sieg! 
Wo gekämpft ward, berichten unsere Quellen nicht: doch 
ward die Schlacht ohne Zweifel im Lande südlich der Dürance 
geschlagen. Die Folgen dieses Sieges waren bedeutend genug, 
das Land im Süden der Dürance musste vom Feinde aufgegeben 
werden: Aries, welches trotz innerer Parteiungen der Belage- 
rung der Franken und Burgunder widerstanden hatte, muss frei 
geworden sein ; vielleicht trug ein glücklicher Versuch des 
Tulum, ein Ausfall der Belagerten mit dazu bei. Allein der 
Kampf in diesen Gegenden ist hiemit noch nicht zu Ende. 
Avignon, Orange sind den Burgundern entrissen. Noch 509 
zog ein ostgothisches Heer unter Mammo in Galhen ein zum 
Schrecken Burgunds, wie es scheint durch die cottischen Al- 
penpässe ; wohl in demselben Jahre finden wir den siegrei- 
chen Feldherrn Theoderichs Ibbas schon in Narbonne. 

Von kriegerischen Ereignissen auf gallischem Boden hören 
wir seit diesem Jahre nichts mehr. Ghlodovech ging bereits 
508 über Tours nach Paris zurück, dorthin, wir wissen nicht 



■h 



HO 

wann, kam auch Theuderich. Ibbas Zug gegen den Westen 
auf welchem wir ihn in iVarbonne finden, galt in der Thai 
nicht mehr den Franken: es handelte sich um Spanien 
Theoderich , früherhin Gesalichs Erhebung vielleicht nicht ab" 
geneigt, trat nunmehr, da Gesalich seine ünlüchtigkeit bewie- 
sen, gegen ihn auf. Amalarichs Anspruch auf das Königthum 
ward jet^t geltend gemacht. .Gesalich musste im J. 510 ein 
Flüchtling vor Ibbas, aus Barcelona, aus Spanien fliehen' Er 
suchte in Afrika beim Vandalenkönige Trasamund Schutz 
Hülfe ; erhielt auch wirkhch Geld. Allein Theoderichs Dazwi- 
schentreten bewirkte das Aufhören dieser Unterstützung Ge- 
salich, unvermögend , schon jetzt etwas zu unternehmen, lebte 
em Jahr in Aquitanien verborgen, wahrscheinlich auf fränki- 
schem Gebiete. Dann versuchte er 511 nach Spanien zurück- 
zukehren , allein er ward von Ibbas unweit Barcelona besieot 
und als Gefangener in der Provence getötet. Theoderich 
führte jetzt fünfzehn Jahre lang für seinen Enkel Amalarich in 
Spanien eine vormundschaftlicbe Begierung. 

Ein Friede mit Ghlodovech ist wohf nicht geschlossen« 
mit dem Aufhören der Feindseligkeiten im Jahr 509 oi„. jer 
Krieg in Gallien zu Ende. Ghlodovech ist der grösste^Theil 
des westgothischen Beiches zugefallen bis zu den Granzen der 
Burgunder im Osten, bis zur Garonne und weiter im Südwe- 
sten : Theoderich hat das spätere Septimanier. für das west- 
gothische Beich behauptet , für sich gewann er die Provence 
südlich von der Dürance, mit Marseille, Aries, Avignon, dann 
nördlich der Dürance Orange. Er betrachtete diese Erwer- 
bung offenbar als Herstellung alter Zugehörigkeit zum italieni- 
schen Beiche , denn erst unter Odoacer war diese Verbin- 
dung gelöst, und ist eifrig bemüht gewesen, sich durch 
kluge Begierungsmassregeln den Besitz dieser Lande dauernd 
zu sichern. Die vormundschaftHche Begierung , welche er in 
Spanien führte, mag von wirklicher Herrschaft wenig verschie- 
den gewesen sein, und so hat derselbe Krieg, welcher die 
westgothische Herrschaft in Gallien vernichtete, und dem frän- 
kischen Beiche daselbst das Uebergewicht gab , für kurze Zeit 
zu einer Vereinigung des ostgothischen und westgotliischen 
Stammes unter Theoderichs Herrschaft geführt. 



111 



8. Die Vereinigung des ripuarischen Reiches und dcT 
sahschen Gaukönigthümer mit Chlodovechs Herrschaft. 

Chlodovechs Tod. 

Als die letzte That Chlodovechs erzählt Gregor die Ver- 
einigung des ripuarischen Beiches und der kleinen Gaukönie- 
Ihiinier mit dem des Königs, welches sich nunmehr schon über 
den grössten Theil Galliens erstreckte , welches auch bereits 
zwei deutsche Völkerschaften , die Thoringer und die Alaman- 
nen, in sich aufgenommen hatte. 

Gregor berichtet zuerst i) die Erwerbung des ripuarischen 
Beiches. Hier herrschte Sigibert der Lahme. „Von Paris aus, 
so erzählt Gregor, sandte Ghlodovech heimlich zu Sigiberts 
Sohne (Ghloderich), sagend: Siehe dein Vater ist alt gewor- 
den, und hinkt 2). Stürbe er, so würde mit Becht dir sein 
Beich zufallen. Ghloderich von Herrschbegier verführt, ver- 
sucht,, seinen Vater zu töten. Und da dieser die Stadt Cöln 
veriassen und jenseit des Bheins im Buchenwalde umherzu- 
ziehen beabsichtigtes), sandte der Sohn, als Sigibert Mittags 
im Zelte schlief, Mörder und liess ihn töten : in der Hoffnung, 
statt seiner zu herrschen. Doch nach Gottes Urtheil fiel er 
selbst in die Grube , welche er seinem Vüter gegraben. Er 
schickte nun zu Ghlodovech Boten , um ihm den Tod des Va- 
ters zu melden : sein Vater sei tot , er habe seinen Schatz 
und sein Beich in Besitz : Ghlodovech möge Gesandte schicken, 
damit er ihm von dem väterlichen Schatze , was ihm gefalle' 
zusenden könnet). Ghlodovech lässt ihm antworten- Ich 



') Gr. 11,40. Die Historie ^pitomata giebt einen nachlässigen Aus- 
zug, die Gesta schweigen ganz. • 

2) Hierin soll olfenbar nach der Auffassung der Quelle eine Berech- 
tigung für Ghloderich liegen, den Vater bei Seite zu schaffen. Dass nach 
altdeutscher Sitte der körperlich Untüchtige als unfähig zur Herrschaft 
galt, ist bekannt. 

3) Die Silva Buconia ist der Buchenwald in der Nähe von Fulda 
nicht ein Wald bei Cöln; vgl Waitz Vfg. H, 36 n. I. ^ Das ambulare 
dispcmeret ist gewiss nicht mit Leo Vorlesungen I, 349 auf einen Jagdswi 
ZQ beziehen. ^ •' 

») Leo a. a. 0. erkennt hierin ein Streben Ghloderich«, Ghlodovech 






J 

> 



112 

danke deiner Bereitwilligkeit, kommen meine Boten, so bitte 
ich dich, ihnen alles zu öffnen, damit es dann dein Besitz 
werde." Ghloderich breitet vor den Gesandten die Schätze 
seines Vaters aus. Als sie das Einzelne beschauen, spricht 
er: „In diese Truhe pflegte mein Vater seine Goldstücke zu 
legen.'- „Strecke deine Hand aus bis auf den Boden , spra- 
chen sie, damit du Alles findest". Als Ghloderich sich tief 
hinabbeugte , spaltete ein Gesandter ihm mit erhobener Streit- 
axt den Schädel. So traf den Unwürdigen selbst, was er ge- 
gen den Vater verbrochen. Als Ghlodovech hört, dass Sigibert 
und sein Sohn getötet, kommt er ins Bipuarierland '), er beruft 
das ganze Volk zur Versammlung und spricht also : ,,Hörl 
was sich begeben hat. Während ich auf. dem Scheideflusse 
fuhr'-«), stellte Ghloderich, der Sohn meines Verwandten, sei- 
nem Vater nach, vorgebend, ich wolle ihn töten. Und da er 
durch den Huchenwjild floh ^) , liess er ihn durch Mörder tö- 
ten. Auch er ist, als er seines Vaters Schätze öffnet, ich 
weiss nicht von wem, getötet. Doch weiss ich nicht darum, 
denn ich kann nicht das Blut meiner Verwandten vergiessen, 
das ist Unrecht. Allein da es so gekommen ist, gebe ich 
euch den Uath , wenn ihr beistimmt, wendet euch zu mir, 
damit ihr unter meinem Schutze steht." Als die Ripuarier diese 
Worte hören, geben sie durch Waffengeklirr und Zuruf ihren 
Beifall zu erkennen, sie erheben Ghlodovech auf den Schild und 
machen ihn zu ihrem Könige. So erlangt Ghlodovech Sigiberts 
Keich und Schatz und die Herrschaft über das Ripuariervolk. 



gegenüber durch eine Sühne sich zu sichern ; allein da Ghlodovech nicht 
nach Erbrecht in die Stelle der Getöteten eintreten kann, ist er auch 
nicht berechtigt, eine Sühne zu iorder/i. 

') In eundem locum adveniens.convocal omnein populum etc. - 
nach Göln? 

') Die Scheide, an welcher Tournay, Chlodovechs alter Königssitz, 
lag , ist hier typisch gebraucht , um Chlodovechs Land zu bezeichnen! 
Der Sinn ist: „wahrend ich mitten in meinem Lande war, also von dem, 
was hier vorging, nichts wissen konnte." 

^) Cum per Buconiam silvam fugeret. Die Worte sind nicht ganz 
klar. Es scheint, dass die Quelle mit einer gewissen poetischen Freiheil 
im Ausdrucke den Vater vor Ghloderich ßieheti lasst , da dieser ihn 
feindlich verfolgt. 



113 

Denn immerdar gab Oott seine Feinde in seine Hand und 
me rte sem Re.ch , da er rechten Herzens vor ihm wandelte 
und that, was in seinen Augen wohlgefällig war^' ») 

Sohnes"?" 'n'' 7''" T '"""'^""^ ""'''^''^'^^ -^ -'-- 
bohnes ^. Darauf wendet sich Ghlodovech gegen den König 

Charanch. Als er mit dem Syagrius kämpfte, hatte Ghararich 
zur Hülfe aufgefordert, sich fern vom Kampfe gehalten, o ne 
einer von beiden Parteien zu helfen, sondern den Ausgang 

Sil t'^K- '.''"''''''' "" "^^ '"" ^''^'^ '° Freundschaft 
sich zu verbinden. Voll Groll deswegen zog Ghlodovech ge- 

gen ihn, nahm ihn mit seinem Sohne hinterlistig gefangen 
band sie und schor sie , und Hess Ghararich zum Presbyter' 
seinen Sohn zum Diakon ordiniren 3;. und da Ghararich über' 
seine Erniedrigung klagte und weinte, . soll sein Sohn gesagt 
haben : An einem grünenden Sfamme ist dies Laub abge- 
hauen, es ist nicht vertrocknet, sondern wird sc4inell hervor- 
rechen und wachsen : möchte so schnell, der dies gethan 
..t, zu Grunde gehen.^' Dies Wort tönte an Ghlodovechs Ohr 
dass sie drohten, das Haar sich wachsen zu lassen und ihj 
/u 10 en. Da liess er sie töten. Da sie gestorben waren 
erwarb er ihr Reich mit ihrem Schatz und dem Volke " 

Endlich kommt Gregor «r Erwerbung von dem Reiche 
Ragnachars und denen der übrigen kleineren salischen Kö- 
mge4) ,Ragnachar herrschte damals zu Gambrai, ausschwei- 
fender Lust in solchem Masse ergeben , dass er nicht einmal 
seine eignen Verwandten schonte. Er hatte einen Rathgeber 
-^''^''^^' '^"''"^^ *^^" ähnliches schmutziges Leben sich 

') Prosternebat enim quotidie Deus hostes eius sub manu iosius et 
augebat regnum eius, eo ,uod ambularet recto corde coram eo 7ace 

Teü^cll :r' " ^'""'^ ""^- - "'•^^^°- ««^-^« -* Offenbar- 

r Erfle r ?r' :"' ^'^'^^^ ^^^^ ^'"' ^^^^ Chlodovechs Siege 
und Erfolge bereiteten dem katholischen Christenthume den Weg- v.l 
auch^ Lobeil p. 263 iL Giesebrecht a. a. 0. I, p. 105 n. 2. ^ 

Gr. II, 41. Die Gesta schweigen auch hier. Die Hisloria eoito- 
mala c. 21 rekapitulirt kurz. "«luria epuo- 

das lange Haar genommen. Die Ordination zum Geistlichen wird be- 
stimmt davon im Berichte unterschieden; s. auch unten p. 120 

ric>,r h'''«"' ^^. ^'^ ^^'^^ '' '^ erweitern und erklären Gregors ße- 
ncht , die Hist. epu. c. 28 giebt auch hier einen kurzen Auszug 

8 



X' 



t 



114 

befleckte. So oft man dein Könige Speisen oder Geschenke 
oder sonst irgend etwas darbrachte, soll er gesagt haben: 
das. genüge für ihn und seinen Farro. Darob entbrannten die 
Franken in grossem Zorne. So nahmen sie von Ghlodovech 
Geschenke an, goldene Spangen und Gürtel — freilich war 
es nur vergoldetes Kupfer — ; Ghlodovech gab sie Ragnachars 
Getreuen »), um von ihnen bei günstiger Gelegenheit wider den 
verhassten Herrscher sich rufen zu lassen. Dann zieht er mit 
einem Heere gegen Ragnachar. Als dieser häufig Späher aus- 
sandte, um zu sehen, wie stark die Macht sei, erhält er die 
Antwort: „Dir und deinem Farro steht die grösste Macht zu 
Gebote." So kommt Ghlodovech heran und beginnt gegen ihn 
den Krieg. Da Ragnachar sein Heer besiegt sieht, versucht 
er zu fliehen; allein er wird von seinem Heere ergriffen und 
die Hände auf den Rücken gebunden zugleich mit seinem Bru- 
der Richar vbr Ghlodovech geführt. Ghlodovech sagt zu ihm: 
„Weshalb hast du unser Geschlecht so sehr erniedrigt, dass 
du dich binden liessest? denn besser wäre es für dich »ewe- 
sen zu sterben*'; und seine erhobene Streitaxt schlägt er ihm 
ins Haupt. Dann wendet er sich zum Bruder Ragnachars: 
„Hättest du deinem Bruder Hülfe geleistet, so wäre er sicher 
nicht gebunden." So tötet er IRch diesen in ähnlicher Weise 
durch einen Streich mit der Streitaxt. Nach dem Tode dieser 
merken die Verräther, dass das Gold, welches sie erhalten 
haben , unecht sei. Da sie das dem Könige gesagt , ' soll er 
geantwortet haben : ..Mit Recht empfängt solches Gold , wer 
seinen Herrn absichtlich verräth." Sie soilten zufrieden sein, 
dass ihnen das Leben bleibe, dass sie nicht, den Verrath wi 
der ihre Herren büssend, qualvollen Tod zu erleiden hätten 
Da bitten jene um Gnade: sie seien zufrieden, das Leben zl 
behalten. Die genannten Könige waren Ghlodovechs Ver- 
wandte. Ihr Bruder, Rignomir mit Namen, ward zu LeMans aul 
Ghlodovechs Befehl getötet. Nach ihrem Tode erhielt Ghlodo- 
vech ihr ganzes Reich und ihren Schatz. Und indem er noch 
viele andere Könige und nahe Verwandte tötete , von denen er 
fürchtete, sie möchten ihm die Herrschaft entreissen, verbrei- 
tete er sein Reich durch ganz Gallien. Dennoch soll er in 






i; 



') Leudes. Giesebrecht o.a.O. 1, p, 109: „vornehmen Leuten"; 8.il».n.3. 



115 

einer Versammlung der Seinigen über die Verwandten wel- 
che er vernichtet hatte, gesprochen haben: „Wehe mir' Tat 
.ch ^n Fremdimg unter Fremden verlassen d stehe, und ke 

helfen konnte. Aber das sagte er nicht reuevoll über Ihren 
Tod , sondern hstig , ob er vielleicht noch Jemanden he vo, 
locken könnte, um ihn zu töten." nervor- 

Dies ist Gregors Bericht von diesen Vorgängen. Andere 
gue len, an welchen wir denselben prüfen könnten, stehet un 
m ht zu Gebote ; wir müssen daher vensuchen, ihn aus slh 
selbst zu beurtheiien. Es tritt nun klar genug hervor dTss 
w.r auch d.esen Bericht nicht zu den streng hfstorische; zZ 
len können er begnügt sich nicht, das Wesentliche des Hei" 
ganges ,n kurzen scharfen Umrissen zu Beben sonH.m 
bemüht auch das Einzelne auszumah J, t beg^'Z M 
ausgeführte Reden finden sich in ziemlicher Anzahf, ^zelnj 
poetische Züge treten selbst in der lateinischen F^rm noch 
ervor ,. Die Auffassung im Ganzen ist hart, herb in der 

Ske"u aT' J" «'-'--''"-•>- fi«den wir g;osse AlJthüm 
l.chke.t . D«ss Gregor nicht erst den Nachrichten , welche 
■hm zu Gebote standen, diese charakteristische Form geTeben 
bat, unterhegt keinem Zweifel; er giebt im Ganzen, oh'ne Kri- 
k zu üben, ,hm Ueberiiefertes wieder .,, einzelne Zusätze er- 
kennen w,r le.cht genug 5), «„ 3„d,,,„ g^^,,^^ mag er ab 
gekürzt haben. Er scheint auch hier die UeberlieferuL wel- 

lulfu^ " r'r '"' ™ ^'""''^ ''' fränkischen^Volkes 
erh^ltenj,nid_poet,sch ausgebildet hatte , aufgenommen zu ha- 

•') S. p. 111, n. 2. p. 112, n. 2. 

rarichs WoW' ^ Tr "'' -f"^""*- «<•"«. kann ma„ anführen Cha- 
raiichs Worte. „In viridi ligno elc", dann: „quod verbum snnni. .„ 
aures ChU>doveohi e.c -, die Gegenüberstellung' c 42) von Ragnaohär" In 

idt:::. i:ir':"X r r.^'™" --' ^upp.e»en.u.., enaucb 
^) Vgl. darüber den neunten .\bschnitt. 

• ') In dem einmal c. 41 und zweimal c. 42 gebrauchten /«-tor dUr 
fen wir gewiss keine Kritik suchen. "^ ' 

p Von Gregor ist das ürtheil p. 113, n. I , dann ebenfalls in c 40- 
..ed .ud.c.0 Dei in foveam. quam pa.ri hos.iU.er fodit. incidU 1 

SIC quae in patrem egerat indignus incurrit". • ■ • r « 

9* 



4:. 



;1 



116 

ben. Dass nun das von Gregor^Berichtete auch in der Volks- 
Uberlieferung ein Ganzes bildete, dürfen wir wohl aus der durch 
die Erzählung hindurchgehenden Auffassung schliessen, dass es 
Rache ist, die Chlodovech zu seinem Handeln treibt. Er straft 
Chloderichs unnatürliches Beginnen gegen den eignen Vater, 
Ghararichs Weigerung ihm gegen Syagrius zu helfen, Ragna- 
chars Vergehen gegen sein Volk , die Schmach , welche Ragna- 
cbar und Richar dem königlichen Geschlechle angethan haben. 
Auch die Auffassung 'ron Ghlodovechs Charakter ist durchweg 
dieselbe '). Wir fassen also auch diesen Bericht Gregors als ein 
dem Munde des fränkischen Volkes entnommenes Lied über 
die Vereinigung der salischen Gaukönigthümer und des ripua- 
rischen Reiches mit Ghlodovechs Macht. 

Dass in diesem Berichte sich Dichtung des historischen 
Stoffes bemächtigt hat, wird Niemand läugnen können; doch 
wie viel Dichtung, wie viel Geschichte ist, im Einzelnen zu 
entscheiden, sind wir nicht mehr im Stande. So weit dürfen 
wir freilich sicher nicht gehen , zu behaupten 2) ^ das Ganze 
sei Sage oder Erdichtung, ausgebildet in der blutigen Zeil 
der Fredegund und Brunhilde ; Gregor' von Verrath und Mord 
umgeben , habe kein Bedenken getragen , sie aufzunehmen. 
Nichts erinnert in Auffassung und Darstellung an jene spätere 
Zeit 3), vielmehr trägt das Ganze, wie bemerkt, einen alter- 
thümhchen Charakter an sich. Weshalb Gräuel, denen ähnlich 
welche zu Ghlodo\echs Zeit in der burgundischen Königsfamilie 
vorkamen, ihm unmöglich gewesen sein sollten, sieht man 
nicht ein. Sein Ziel zu erreichen hat er Gewalt und List nicht 
gescheut. Wir können glauben, dass im Ganzen der Hergani: 
so gewesen ist, wie ihn die fränkische Ueberlieferung festge- 
halten hat, während im Einzelnen Manches der ausschmücken- 
den Dichtung angehören wird 4). 

') Vielleicht darf man auch auf die üebergänge c. 41 post haec etc. 
c. 42 erat aiitem tunc elc. Gewicht legen. 

2) Luden III , p. 103. 

^) Ich weise nur darauf hin, wie sehr die als poetische Forlbil- 
dungen bezeichneten Berichte der Gesta und Historia epitomata (s. An- 
häng 4) das Gewand der spätem Zeit an sich tragen. 

*) Im Anhange ist eine üebersicht der verschiedenen Quellen gege- 
ben , welche für die Geschichte Chüderichs und Ghlodovechs von Gregor 
benutzt zu sein scheinen 



117 

Eine andere Frage bleibt zu erledigen , die Frage nach 
der Chronologie des von Gregor Berichteten. Nach Gregor 
lallt Alles in die letzte Zeit von Ghlodovechs Regierung, nach 
der Annahme der consularischen Insignien •). Doch erscheint es 
gewiss als abweichend von der Geschichte ähnlicher Reichs- 
gründungen, dass Chlodovech seine grossen Unternehmungen 
gegen die Alamannen, die Burgunder, die Westgothen begon- 
nen haben sollte, bevor er daran gedacht, durch Aufnahme 
der salfränkischen Stämme das deutsche Element in seinem 
Reiche und Heere zu verstärken. Als König des Reiches von 
I Tournai mochte er mit Ragnachars Hülfe dem Syagrius gewach- 
sen sein, jenen deutschen Völkern gegenüber war er schwer- 
lich stark genug. Will man auf das Motiv, welches nach 
unserm Berichte Chlodovech bewog, sich gegen Charnrich zu 
wenden, etwas geben, so muss es sehr auffallen, dass er über 
zwanzig Jahre einen Groll mit sich herumgetragen haben soll 
welchen er gleich zu befriedigen die^Macht hatte. Vielleicht 
darf man auch darauf hinweisen, dass die Unterwerfung der 
Tboringer im zehnten Jahre von Ghlodovechs Herrschaft auf 
kriegerische Vorgänge in den Landen nördlich der Somme schon 
in einer frühern Zeit deutet. Freilich zu voller Sicherheit ist 
hier nicht zu gelangen : es muss genügen , auf die verschiede- 
nen Möglichkeiten hingewiesen zu haben. Ist aber Ghararichs 
Reich schon in einer früheren Zeit von Chlodovech erworben, 
so sind es auch die übrigen salischen Gaukönigthümer % Dass 
dagegen das ripuarische Reich Chlodovech erst nach dem west- 
gothischen Kriege zufiel, unterliegt keinem Zweifel 3). Da Gregors 
Bericht die Vereinigung des salischen und ripuarischen Landes 
mit Ghlodovechs Macht als ein Ganzes auffasst und darstellt, 
darf man vielleicht vermufhen , es sei hier bei Gelegenheit 
des Wichtigsten , der Erwerbung des ripuarischen Reiches, 
das minder Bedeutende, doch Gleichartige, die Erwerbung 

•) S. darüber unten p. 126 ff 

Giesebrechl, Geschichte der deutschen Kaiserzeit I, p 72 setzt 
sogar die Erwerbung der salischen Gebiete vor den Fall der römischen 
Herrschaft. 

^) Giesebrecht a. a. 0. L p.73 setzt die Erwerbung des ripuarischen 
Reiches ohne Grund nach dem Kampfe mit den Alamannen und vor den 
westgolhischen Krieg. 






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118 



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•««1 



♦5: 



der salischen Reiche, zugleich mit berichtet: die Dichtung hat 
hier eingewirkt , sie verwischt ja ohnehin nur zu gern feste 
chronologische Unterschiede. 

Sehen wir ab von den Bedenken , welche gegen die Glaub- 
würdigkeit der Einzelnheiten des Berichts geltend gemacht werden 
mussten, so erscheint als das WesentHche des Vorganges Folgen- 
des. Dort in jenen salischen Gebieten kommt es zu einer Ver- 
einigung bis dahin getrennter Gaukönigthümer in Chlodovechs 
Hand. Er lässt den einen König Ghararich und seinen Sohn 
töten, gegen den andern, Ragnachar, gewinnt er dessen Leute, 
und tötet zuerst ihn , dann seinen Bruder mit eigner Hand^ 
einen dritten Bruder Rignomir lässt er ebenfalls zu Le Mans 
töten. Auch andere Mitglieder der königlichen Familie bei 
den salischen Franken beseitigt er. Jetzt steht er als der 
allein zur Herrschaft Berechtigte da, Reich und Schatz der 
Getöteten fallen ihm als dem nächsten Erben zu. Anders da- 
gegen ist der Vorgang* im ripuarischen Reiche. Hier hatte 
Chlodovech durch Verwandtschaft keinen Anspruch : so stiftet 
er Chloderich, den Sohn König Sigiberts, an, diesen zu ermor- 
den. Chloderich selbst fällt von der Hand des Abgesandten 
Chlodovechs. Als beide tot sind, tritt Chlodovech vor dem 
versammelten Volke als Bewerber um das erledigte Königthum 
auf: er empfängt durch Wahl des Volkes sein Recht und tritt 
damit an die Stelle des alten Königshauses »). 

So hat Chlodovech die alten Sitze des salischen Stammes 
m Belgien und Holland, die Gebiete der Ripuarier bis zu den 
Landen der Friesen und Sachsen im Norden , der Thüringer im 
Osten, der Alamannen im Süden, gewonnen und damit das deut- 
sche Element in seinem auf gallischem Boden unter Romanen 
begründeten Reiche verstärkt 2). ' 



^i 



1) Man findet in einigen Darstellungen, Hüschberg p.680, Rettberg 
I 26d, etwas von einem Aufstande der Ripuarier, namentlich der Stadt 
Verdun; das beruht auf der Combination . welche das Chronicon Vir- 
dunense (Bouquet III, 355] macht. Hier ist die Stelle der V. Maximini. 
Acta SS. Ord. S. Ben. S. I. App. p.58(), Bouquet III, 393, auf eine Erhe- 
bung der Ripuarier bezogen. Doch gehörte Verdun wahrscheinlich schon 
zu Syagnus Reich; die Erhebung der Stadt fällt also in den Anfang von 
Oilodovechs Herrschaft. Waitz Verfassungsg. II, 54; s. oben p. 31. 

*) Vgl. Waitz Vfg. II , 53 ff. 



Das ist die letzte That Chlodovechs, welche Gregor be- 
richtet *). Chlodovech starb zu Paris in der zweiten Hälfte 
des Jahres 511 2), und ward begraben in der Apostelkirche, 
welche er mit der Königin Chrotechildis selbst erbaut hatte. 

9. Chlodovechs Königthum und Stellung zur Geistlichkeit. 

Wenn wir es zum Schlüsse unserer Untersuchungen un- 
ternehmen, etwas über die inneren Verhältnisse unter Chlo- 
dovech zu sagen , so geschieht dies nicht in der Meinung, 
von ihnen ein vollständiges Bild entwerfen zu können; unser 
mangelhaftes Material erlaubt das nicht : sie können zudem 
nur recht gewürdigt werden, wenn man sie in ihrem Werden 
durch einen längein Zeitraum hindurch verfolgt. Wir beschrän- 
ken uns darauf, Chlodovechs Königthum und seine Stellung zur 
Geistlichkeit etwas näher ins Auge zu fassen. 

Was zunächst Chlodovechs Königthum anlangt , so ist es 
wichtig zu erkennen , dass es in seinen Grundlagen durchaus 
deutsch ist, dass, obschon in den neuervvorbenen Gebieten 
römische Einflüsse sich geltend machen, dennoch stets das 
Germanische das Bestimmende bleibt 3). Das Charakteristische 
für das deutsche Königthum ist bekanntlich Gebundensein an 
ein bestimmtes Geschlecht , welches als ausschliesslich zur 
Herrschaft berechtigt erscheint. Vor der Masse des Volkes zeich- 
net sich dieses Geschlecht aus durch Adel und eine gewisse Hei- 
ligkeit, welche sich darin ausspricht, dass man die Abstammung 
des königlichen Geschlechtes auf die Götter zurückführt. Eine sol- 
che königliche Famihe finden wir auch bei den salischen Franken. 
Ihr Anrecht an die Herrschaft kann man als ein gemeinsames, allen 
Gliedern der Familie zustehendes, bezeichnen : ist ein Königthum 
erledigt, so tritt der Anspruch der Geschlechtsgenossen in Kraft. 
So erklärt sich die Vereinigung der salischen Gaukönigthümer in 

') Gr. II, 43; ihm folgen die Gesta c. 18, die Hisl. epit. c. 29. 

■^) Diese Gregor gegenüber genauere Datirung ergiebt sich aus der 
Unterschrift des noch bei Chlodovechs Lebzeiten geschlossenen Coocils 
zu Orleans, s. unten p. 135 n. 5. 

^) Wir sind hier fast nur auf Gregor angewiesen , doch hat er ja 
ältere Berichte aufgenommen, aus welchen sich im Ganzen die richtige 
Auffassung feststellen lassen wird. 



w. 



120 

Chlodovechs Hand , ohne dass eine Erhebung desselben durchs. 
Volk stattfindet i). Offenbar besteht aber auch nach der Auf- 
fassung der Quelle ein gleiches Recht der salischen Könige Ghlo- 
dovecb gegenüber ; er muss fürchten, verwandte Könige möch- 
ten nach seiner Herrschaft trachten % Dass nun auch bei den 
salischen Franken das königliche Geschlecht seine Abstammung 
von den Göttern herleitete, ist freilich nicht ausdrücklich bezeugt 
doch findet sich in unsern Quellen eine Stelle , welche ohne 
diese Voraussetzung unverständlich bleibt. Avitus lobt den zum 
Christenthume übergetretenen Frankenkönig , dass er von dem 
ganzen Stammbaume uralter Herkunft allein mit dem Adel sich 
begnügt habe. Was Cblodovech durch seinen üebertritt zum 
Christenthume aufgab, waren seine alten Götter und damit 
auch die Zurückführung seines Stammbaumes auf sie- es 
bleibt ihm der Adel , welcher das königliche Geschlecht vor 
dem Freien auszeichnet 3). 

Abzeichen des königlichen Geschlechtes bei den salischen 
Franken ist das lange Haar: es ist ein Zeichen körperlicher 
Vollkommenheit ; wissen wir doch , dass körperliche Mängel 
selbst zu hohes Alter, nach altdeutscher Anschauung den zum 
Kömgthume Berechtigten ausschlössen 4). Das lange Haar des 
fränkischen Königs wird in unsern Quellen öfter erwähnt 
Gregor hebt es mit grossem Nachdruck hervor, als er von 
der Begründung des salischen Gaukönigthums spricht, dass 
man „langhaarige Könige gewählt habe" 5). Avitus gedenkt 
im Geiste sich den Anblick des zur. Taufe schreitenden Franken- 
königs Ghlodovech ausmahlend , seines mit Sorge genährten 
Haares 6); auch der Schreiber des Prologes zur Lex .jalica hat 
es nicht versäumt , Ghlodovech durch Nennung dieses Abzei- 
chens zu feiern '). Man darf wohl das lange Haar als das 



^) Gr. II , 42. 



i 



') S. oben p. 1 18. 

') S. oben p. 60, n. 2 

') Gr. II , 40. Ghlodovech muntert Sigiberts Sohn auf , den Vater 
zu beseitigen: die Worte - ecce pater tuus senuit, et pede debili Clau- 
dicat — Schemen das rechtfertigen zu sollen. 

*) Gr. II, 9. 

^ ^) S. oben p. 45, n. 3. Waitz Verfassungsgeschichle II, 104 und die 
bei Giesebrecht, üebersetzung Gregors I, 69 n. I angeführten Stellen. 
') S. unten p. 127, n. 2 . . 



121 

Symbol der Herrschaft bei den salischen Franken bezeichnen. 
Ghlodovech nimmt es Ghararich und seinem Sohne zugleich 
mit der Herrschaft : als Ghararichs Sohn droht, das geschorene 
Haar, könne auch wieder wachsen , erscheint er schon da- 
durch Ghlodovech gegenüber als Prätendent zur königlichen 
Herrschaft i). 

In diesem königlichen Geschlechte folgt zunächst der Sohn 
dem Vater. „Als Ghilderich gestorben war, herrschte Ghlo- 
dovech für ihn", heisst es bei Gregor 2) ; es hängt nur vom 
Tode des alten Sigibert ab, dass seinem Sohne Ghloderich 
die Herrschaft zufällt 3); als Ghlodovech gestorben ist, theilen 
seine Söhne das Reich 4) , es erscheint als väterliches Erbe, 
mit welchem nach Erbrecht verfiihren wird, Obschon nun 
die Erblichkeit des Königthums bei den salischen Franken aner- 
kannt ist und also von einer förmlichen Wahl innerhalb des zur 
Herrschaft berechtigten Geschlechtes nicht die Rede sein kann, 
so tritt doch in unseren Quellen noch die Anschauung deutlich 
hervor, dass der König eigentlich König ist durch die Wahl 
des Volkes. Es ist das Recht des Volkes, den König sich zu 
wählen, und dies Recht gewinnt Kraft ^ sobald kein zur Herr- 
schaft Berechtigter mehr vorhanden ist. So empfängt Ghlodo- 
vech durch Wahl aus den Händen des ripuarischen Volkes 
sein Recht zur Herrschaft s) ; statt des vertriebenen Ghilderich 
wählen, wie die Sage berichtet, die salischen Franken des 
Reiches von Tournai einstimmig den Aegidius zum Könige 6). 
Ja in unseren Quellen tritt es deutlich hervor, dass das 
Königthum, durch Wahl des Volkes übertragen, auch durch 
schlechte Führung verwirkt werden kann. Nach der Sage 
ward Ghilderich vertrieben, als er die Töchter der Franken 
zu verführen begann ?] ; als Ragnachar durch Wollust und 

') Gr. II, 40. S. oben p. 113. 

^) Gr. II, 27: his ita gestis mortuo Childerico regnavit Chlodove- 
chus filius eius pro eo. 

^) Gr. II, 40: si ille . moreretur recte tibi . . regnum illius 
redderetur; und später Ghloderich : - pater meus mortuus est, et ego 
thesauros cum regno eius penes me habeo. 

'*) Gr. III, 1: defuncto igitur Chlodovecho rege, quatuor filii eius 
. . regnum eius accipiunt et inter se aequa lance dividunt. 

") S. oben p. 112. ß) Gr. II, 12. ?) Ib. 



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7 



122 

Habgier seine Getreuen beleidigt hat , glauben diese berech- 
tigt zu sein , Ghlodovech zur Vertreibung ihres Königs die 
Hand zu bieten •). 

• 

Dem entspricht es denn auch, wenn wir zu Chlodovechs 
Zeiten das Volk einen ziemlich starken Antheil an politischen 
Dingen nehmen sehen. Diese Theilnahme wird geübt in der 
Versammlung des Volkes. Bei wichtigen Angelegenheiten ist 
Ghlodovech an die Zustimmung dieser Volksversammlung gebun- 
den. Als er zum Chrislenthume überzutreten entschlossen ist, 
hält ihn nur der Gedanke an sein Volk zurück , welches die 
alten Götter nicht verlassen will : er beruft es zur Versamm- 
lung, und erst als hier die Masse des Volkes sich bereit er- 
klärt hat, dem Christengolte zu folgen, thut Ghlodovech den 
entscheidenden Schritt 2). Aehnlich'beim westgothischen Krie- 
ge: da Allen sein Vorschlag, das Land der Arianer zu unter- 
werfen, gefallen hat, zieht er aus 3). Auch die Versammlung 
des gesammten ripuarischen Volkes, welche Ghlodovech beruft, 
als er sich um das erledigte Königthum bewirbt, darf hier 
wohl zur Vergleichung angeführt werden'*). Der König, so 
viel ergiebt sich uns aus den einzelnen Fällen, beruft die 
Versammlung : er trägt hier vor dem versammelten Volke sein 
Begehr vor , das Volk giebt durch Zuruf seine Beistimmung 
zu erkennen : eine eigentliche Beralhung findet nicht statt. 
Anzuführen ist noch , dass die Versammlung der ripuarischen 
Franken, was sich übrigens von selbst versteht, bewaffnet ist. 
Was wir von Ghlodovechs Geschichte wissen, bezieht sich 
besonders auf seine kriegerische Thätigkeit zur Ausbreitung 
seines Reiches : von einem kühneii Unternehmen treibt es ihn 
da zum anderen. So tritt uns von Ghlodovechs königlichen 
Funktionen die des Heerführers am bedeutendstem entgegen. 
Um den Kriegszug zu unternehmen, bedarf der fränkische König 
freilich der Zustimmung der Volksgenossen, doch, ist der Krieg 
beschlossen, dann bietet er das Volk auf. Es kommt als Hoer 



') Gr. II , 42. 

-) S. oben p. 5i. 

^) Gr. II , 37. 

*) Gr. II, 40. 



123 

zusammen auf dem Märzfelde zur Heerschau >) : er entlässt es 
wenn kein Krieg zu führen ist 2). Als Heerführer übt aber 
der König noch eine ganz andere Macht über den freien Volks- 
genossen, als sie ihm sonst zustehen mochte, denn er schützt 
den im Heere waltenden höheren Frieden. Verletzungen straft 
er strenge, einen Krieger, welcher wider seinen Befehl einem 
Armen Heu genommen, stössit er mit dem Schv^rte nieder 3); 
als jener Krieger, welcher Ghlodovech bei der Beutetheilung 
zu Soissons einen billigen Wunsch zu versagen gewagt, auf 
dem Märzfelde schlecht gerüstet erscheint, erschlägt ihn Ghlo- 
dovech mit erhobener Streitaxt 4). Ueberhaupt hält sich Ghlo- 
dovech während des Krieges für berechtigt, aus eigner Macht- 
vollkommenheit , ohne Zustimmung der das Heer bildenden 
freien Volksgenossen, zu handeln : er giebt, wo es nöthig 
scheint , Bestimmungen zum Schutze des Eigenthums , der 
friedlichen Reisenden auch im feindlichen Lande 5) ; als er das 
westgothische Gebiet betritt , lässt er seinem Heere zur Nach- 
achtung einen besonderu Frieden verkünden für bestimmte 
Personen, namenthch geistlichen Standes, und bestimmte Ge- 
genden 6) : er befiehlt einer Frankenschaar zur Sicherung des 
westgothischen Landes zurückzubleiben, als er selbst heim- 
kehrt 7). Doch diese Gewalt des Königs hört auf, sobald der 



Gr. II, 37. 



') Gr. II , 27 : . . iussit (rex) omnein cum armorum apparatu ad- 
venire phalangam , ostensuram in Gampo Martio suorum armorum nito- 
rera. Verum ubi cunctos circuire deliberat . . . 

'*) Vgl. ib. die Worte „quo morUio reliquos abscedere fubet" 

') Gr. II , 37. 

*) Gr. II, 27. Das Erschlaffen mit der erhobenen Streitaxt ist sehr 
stehend , es erscheint fast als eine rechtliche Korra. So werden Chlode- 
rich II, 40. Ragnachar und Richar II , 42 getötet; ähnlich heisst es von 
Chararich und seinem Sohne: . . at ille iussit eos pariter capite plecti; 
Lex Salica XL, 4: capitali sententia feriatur. 

5) Gr. II , 37 : ... pro reverentia beati Martini dedit edictum , ut 
nullus de regione iila (Tours) aliud quam herbarum alimenta aquamque 
praesumeret ... satisque fuit exercitui, nihil ulterius ab hac regione 
praesumere . . . Conteslatus est autem omni exercitui, ut nee ibi qui- 
dem (bei Poitiers) aut in via aliquem exspoliarent , aut res cuiusquam 
diriperent. 

*") S. oben p. 84. 
Gesta c. 17. 



i. 






124 

Krieg beendet ist: in jener Versammlung der fränkischen Volks- 
genossen zu Soissons zur Beutetheilung nach Syagrius Besie- 
gung steht der König als gleichberechtigt neben seinen Fran- 
ken ; die gleiche Kriegsmühe giebt gleichen Antheil , selbst der 
König darf über den gesetzlich ihm zukommenden Antheil hin- 
aus nichts nehmen '). 

Was die übrigen Aeusserungen der königlichen Gewall 
betrifft, so können wir nur das Allgemeinste aus unsern spär- 
lichen Nachrichten erkennen. Das Verhältnis des ünterthanen 
zum Herrscher liegt ausgedrückt in den Begriffen der zwingenden 
Herrschergewalt 2) : sie findet ihre Anwendung zunächst auf die 
Franken Chlodovechs. Die Herrschergewalt \\ird aufgefasst als 
eine schützende: dies geht deutlich hervor aus Chlodovechs Rede 
bei seiner Bewerbung um das ripuarische Königthum : „Wen- 
det euch zu mir, sagt er da, damit ihr unter meinem Schutze 
steht" 3). Dies ist die altdeutsche Auffassung des Königthums : 
die königliche Gewalt schützt das Recht und den Frieden, 
und bezieht sich in diesem Sinne auf das ganze Volk. Doch 
kann der königliche Schutz auch Einzelnen in einem besonde- 
ren Masse zu Theil werden. So finden wir in den wahr- 
scheinlich unter Ghlodovech zur f.ex salica gemachten Zusät- 
zen den Fall vorgesehen, wenn gegen ein aus bestimmten 
Gründen unter dem königlichen Schutze stehendes Weib ge- 
frevelt ist 4) : solcher Frevel wird besonders scharf gestraft, 
denn da ist der König zugleich mit verletzt. Als den regel- 
mässigen königlichen Beamten erwähnen die Zusätze zur Lex 
salica den Grafen 5) ^ natürlich in gerichtlichen Funktionen. 
Diese Seite seiner Thätigkeit überwiegt so sehr, dass er gra- 
dezu als Richter bezeichnet wird. Der Graf handelt als kö- 
niglicher Beamter für den König, daher kann sein Wille dem 
königlichen Befehle gleichgestellt werden 6). Von anderen 

*! ^^' "' ^^ *) ditio, dominium: s. p. 125, n. 2. 

Gr. II, 40: Convertimini ad me, ut sub mea sitis defensione. 
} Pardessus , loi salique p. 333', capita exlravagantia XI 7 Vgl 
Waitz, das alte Recht p. 206. ' ' 

^) Pardessus a. a. 0. VII. IX. 

«) Conciliorum Galliae Collectio 1,837. Conc. Aurel. a. 511 c 4 
kern Laie soll in den geistlichen Stand treten - nisi aut cum regis ius- 
sione, aut cum iudicis voluntate. 



125 

königlichen Beamten zu Chlodovechs Zeit erfahren wir nichts : 
Aurelians Herzogthum ist ungeschichtlich , die Ausstattung Rig- 
norairs mit einer eigenen Herrschaft beruht auf unrichtiger Auf- 
fassung unseres Berichtes bei Gregor i). Ausserdem finden wir 
in besonderen Fällen Gesandte Chlodovechs : durch Gesandte 
lässt er den geflohenen Syagrius vom Alarich zurückfordern; 
durch häufige Gesandtschaften wirbt er um Chrotechildis, er 
schickt Gesandte zu Sigiberts Sohni 

Soviel können, wir über das Königthum Chlodovechs er- 
kennen : es ist hier Nichts, was wir im Wesen als undeutsch 
bezeichnen müssten. Nur eine Steigerung der Macht finden 
wir. Seine königliche Gewalt hat dann auch leicht Anwendung 
auf die von ihm seinem Reiche hinzu erworbenen deutschen 
Stämme gefunden. Es ist hier immer eine persönliche Er- 
werbung , welche Ghlodovech macht : seiner königlichen Ge- 
walt sind fortan die Gebiete unterthan, deren bisherige Herr- 
scher ihm haben weichen müssen ; Reich und Schatz fallen 
ihm zu 2) ^ das Volk bleibt in demselben Verhältnis zu ihm, 
in welchem es zu seinem frühern Herrscher gestanden hat: 
eine Minderung der Freiheit tritt nicht ein, die ins fränkische 
Reich aufgenommene Bevölkerung behält ihr altes Recht und 
Wehrgeld ; nur bei einem Theile der Alamannen ist vielleicht 
ein ungünstigeres Verhältnis eingetreten. Durch die neuen Er- 
werbungen hat Chlodovechs Reich an Macht, an Ausdehnung 
gewonnen 3) , doch seine königliche Gewalt bleibt dieselbe. 
Dagegen ist die Ausbreitung über die römischen Ge- 
biete des nördlichen Galliens , wie wir sahen , nicht ohne 



») S. oben p. 21 n. 3. 

2) Gr. 11,27: (Thoringos) suis ditionibus subiugavit; 30: Alamanni 
Chlodovechi ditionibus se subdunt; 37: (Theudericus) urbes ilias . . pa- 
tris sui ditionibus subiugavit ; Ecolismam suo dominio subiugavit (Chlo- 
dovechus) ; 40 : regnumque Sigiberti acceptum cum thesauris , . . ipsos 
quoque suae dilioni adscivit; 41: regnum eorum cum thesauris et po- 
pulo adquisivit; 42: quibus mortuis omne regnum eorum et thesauros 
adquisivit. Zu vergleichen ist damit die Antwort der Franken c. 27 : 
omnia gloriose rex quae cerniraus tua sunt; sed et nos ipsi tuo sumus 
dominio subiugati. 

^) Ep. Remigii, Bouquet IV, 51 C: populorum caput'cslis, et re- 
gimeu sustinetis. 



,.■? 



Ff 



% 



126 

Einfluss geblieben. Von den Römern als König anerkannt 
hat der fränkische König Rechte des römischen Kaisers in 
Bezug auf sie ausgeübt, welche nothwendig seine ideelle und 
materielle Gewalt steigern mussten, ohne indes das eigentliche 
Wesen seiner königlichen Herrschaft zu verändern. Als dann 
nach Alarichs Besiegung wieder vorwiegend römische Gebiete 
des südwestlichen Galliens zum fränkischen Reiche hinzugefüel' 
waren, hat Ghlodovech römische Ehren angenommen. " 

„Chlodovech, so erzählt Gregor«), empfängt, als er sieg- 
reich vom westgothischen Kriege zurückkehrt, also im Jahre 
508, in Tours vom oströmischen Kaiser Anaslasius ein Hand- 
schreiben über das Consulat , und wird in der Basilika des 
hl. Martm bekleidet mit der purpurfarbenen Tunika und der 
Cblamys; auf sein Haupt setzt er ein Diadem. Üann besteigt 
er ein Pferd und streut auf dem Wege zwischen der Thür 
des Atrmms der Basilika und dem Gemeindehause der Stadt 
dem versammelten Volke gnädig Gold und Silber aus, und von 
diesem Tage an ist er gleichsam Consul undAugustus genannt" 2) 
Man hat aus dieser Erzählung folgern zu müssen geglaubt' 
Chlodovech sei das Consulat übertragen; doch nennen die' 
Consularfasten Chlodovech nicht als Consul. Die Annahme 
dass man in Italien, dem Vateriande der Consularfasten aus 
Neid und Misgunst Chlodovechs Namen ausgemerzt habe er- 
klärt diesen Widerspruch eben so wenig, wie der Einfall 
Chlodovech sei nicht das Consulat, sondern das Palriciat über- 
tragen, Gregor habe sich ungenau ausgedrückt 3). Wenn man 
diesem aber gerecht sein will, so darf man nicht übersehen dass 
er nicht geradezu sagt, dass Chlodovech Consul geworden sei- 
er berichtet vielmehr, Chlodovech sei ein Schreiben über das 
Consulat von Byzanz überschickl , er sei „gleichsam Consul und 
Augustus" genannt. Zur richtigen Auffassung dieser allerdings 
etwas dunkelen Worte führt uns eine Stelle im Prologe der 



') Gr. II, 38 Er berichlel auch hier nach der in Tours erhaltenen 
üeberheferung. Die Gesta c. 17 lassen Einzelnes weg, die Historia epi- 
tomata schweigt ganz. 

2) . . tamquam consul aut Augustus est vocitatus. 
*) Jenes ist Dubos, dieses Valesius Ansicht 5 s. Sybel in d Jahrbü- 
chern des Vereins von Alterthumsfreunden im Rheinlande IV p. 75-81 



127 

Lex salica, welcher zwar erst gegen Ende des sechsten oder 
Anfang des siebenten Jahrhunderts, allein mit unverkennbarer 
Sachkenntnis, geschrieben ist i). Hier wird Ghlodovech Pro- 
consul genannt , der Titel wird seinem könighchen iNamen als 
ein ständiger beigefügt. Da Gregors Bericht Ghlodovech nicht 
als wirklichen Gonsul bezeichnet, dürfen wir beide Nachrich- 
ten dahin vereinigen , dass Ghlodovech vom byzantinischen 
Kaiser das Proconsulat übertragen sei. Man kann indes zwei- 
feln, ob es ihm wirklich als Amt oder nur als Ehre verliehen ist. 
Wir wissen , dass noch in der spätem Kaiserzeit Proconsuln 
für bestimmte Provinzen ernannt sind ; das könnte auch hier 
der Fall sein 2). Allein sehen wir auf die Worte bei Gregor, 
so tritt hier nur das Ehrenvolle hervor : mit Purpur und Dia- 
dem zeigt sich Ghlodovech dem Volke in Tours, er führt fort- 
an jenen ehrenvollen Beinamen : so ist gewiss die Auffassung 
berechtigter, dass es eben nur die consularischen Insignien, 
der ehrende Beiname des Proconsul und Augustus waren 
welche vom ostrümischen Kaiser dem in so vielen Kämpfen 
siegreichen Frankenkönige übersandt worden sind 3). 

Für den oströmischen Kaiser hatte die so angeknüpfte 
Verbindung mit dem Könige des deutschen Beiches, welches 
unter den bestehenden jetzt den ersten Platz einnahm , im 
Grunde, wenig zu bedeuten. Eine Art idealer Hoheit mochte 
so wieder über Gebiete dort im Westen geübt werden, al- 
lein sie hatte keine reale Bedeutung mehr. Für Ghlodovech 
dagegen war die Annahme des proconsularischen Titels, 



') Pardessus a. a. 0. p. 345 : At ubi Deo favente rege Francorum 
Chlodoveus torrens et pulcher et primus recepit catholicam bapüsmi et 
quod minus in pactum habebalur idoneo , per proconsolis pegis Chlo- 
dovehi et Hildeberti et Chlolarii fuil lucidius emendatum. S. Waitz, das 
alte Recht p. 36 ff. , über die Erklärung p. 82, dann Sybel u. a. 0. 

Die Worte ,. torrens et pulcher" sind doch wohl auf den das kö- 
nigliche Geschlecht auszeichnenden langen Haarschmuck (torrens) und 
die körperliche Vollkommenheit Chlodovechs (pulcher) zu beziehen. 

*'*) Beispiele bei Sybel a. a. 0. 

3) Ob von Ruinart bei Bouquet H, p 722 ff. und Dubos V, l eine 
Figur am Eingange der Kirche St. Germain des Prez bei Paris mit Recht 
auf den mit consularischen Insigfiien geschmückten Chlodovech bezogen 
worden ist , lässt sich hier nicht entscheideo. 






128 

der consuliirischen Insignien nicht ohne politische Bedeutun« 
Dies erkennen wir, wenn wir ähnliche Vorgänge in anderen 
deutschen, im fünften Jahrhunderte auf lomischera Boden 
begründeten Reichen vergleichen. So nimmt 412 Gundo- 
bad als König von Burgund das vom Olybrius ihm übertra- 
gene Patrici.t ani); Odovakar, zum Könige der Deutschen 
in Italien erhoben, sucht beim oströmischen Kaiser Zeno um 
die Verleihung des Patriciats nach "-) und erhält es : der ost- 
gothische König Theuderich , gegen Odovakar entsandt le^t 
m nahen auf Zenos Rath die Kleidung seines Volkes ab un'd 
nimmt das Abzeichen des königlichen Gewandes an, als sei er 
bereits Herrscher über Ostgothen und Römer 3). Bei Theode- 
rich ist die Annahme römischer Abzeichen geradezu als Sym- 
bol einer nunmehr auch über Römer sich erstreckenden Herr- 
schaft gefasst .- da Tbeoderich bereits vorher das Consulat er- 
halten hat, braucht die Verleihung einer römischen Würde 
Dicht hinzuzukommen. In demselben Sinne fassen wir auch 
Odovakars und Gundobads Patriciat auf. sie suchen ihrer 
Herrschaft über Römer , welche durch Gewalt begründet ist 
auch einen rechtlichen Ausdruck zu geben. Diese Analogien 
lassen uns keinen Zweifel über die pohlische Bedeutung je"nes 
Vorganges in Tours : es ist eine neue Concession , welche 
Chlodovech den Römern macht in einem Augenblicke, wo von 
neuem vorwiegend römische Gebiete mit seinem Reiche ver- 
einigt sind. Wie er einst nach dem Falle von Syagrius Reich 
von den Römern sich förmlich anerkennen Hess, so nimmt er 
jetzt das Abzeichen einer römischen Würde, einen römischen 
Titel an. Beides steht auf einer Linie : die Herrschaft des 
fränkischen Königs über die Römer gewinnt so eine gesetzli- 
che Form.* Da Chlodovech nun schon Christ ist, nimmt auch 
die Geisthchkeit Antheil , eine kirchhche Feier giebt dem -an- 
zen Vorgange eine höhere Weihe. ° 

') Cuspin. Anonym, ad a. 472 (Roncallius II, I2(i): Eo anno Gun- 
dobaldus patiicius factus est ab Olybrio imperatore. Vgl. Gaupp d ger 
man. Ansiedlungen ,^287. Auch Sigismund, Gundobads Sohn, erhielt von 
Anastasius dieselbe Würde. 

2) Malchi fragra. , Corpus Byz. Bonn. I, 235. 236. 

') Jordanis de rebus Geticis c. 57 : tertioque ut diximus anno in- 
gressus in Itaüam (Theodoricus) Zenonisque imperatoris consulto priva- 



129 

In die letzten Jahre Ghlodovechs , die Zeit seiner über 
germanische und romanische Gebiete in gleicher Weise befe- 
stigten Herrschaft fallt auch , was wir von seiner gesetzge- 
benden Thätigkeit wissen. Es sind unter ihm Zusätze zu den 
65 Titeln der Lex salica gemacht i) : diese müssen in die Zeit 
nach dem Jahre 508 oder 509 gehören, da Chlodovech, als 
sie gemacht wurden, bereits den Titel Proconsul führte. 
Wichtig für die Gesetzgebung ist ausserdem das von Chlodo- 
vech im Jahre 511 nach Orleans berufene Concil: es ist mög- 
lich , dass hier auch über weltliche Angelegenheiten Bestim- 
mungen getroffen wurden 2). 

Das führt uns auf die Stellung der katholischen Geistlichkeit 
in Chlodovechs Reiche 3). Während des Verfalls der bürger- 
lichen Ordnung beim Untergänge des weströmischen Reiches 
hatte die kirchliche Ordnung Bestand gehabt. Dem Bischöfe 
hatte sich namentlich die städtische Bevölkerung angeschlossen, 
sie hatte in ihm einen Schirmherrn, einen Fürsprecher gegen 
einheimische Machthaber, gegen die andringenden Barbaren 
gefunden. So waren die Bischöfe in den gallischen Städten 
das Haupt der Bevölkerung geworden, sie nahmen eine lei- 
tende Gewalt in Anspruch. Dazu genossen die Bischöfe , wie 
die Geistlichen überhaupt, ein hohes Ansehen, theils in Folge 
ihres geistlichen Amtes, theils als Vertreter der Humanität in 
einer rohen Zeit. Wir sehen besonders die Geistlichen be- 
müht, das harte Loos der Kriegsgefangenen durch Loskaufen 
durch Fürbitte zu mildern 4). Die Kirche wird ein Asyl für 
Verfolgte: wer in sie flüchtet, steht unter göttlichem Schutze 
und ist vor dem ersten leidenschaftlichen Zorne des Verfolgers 



tum habitum suaeque gentis vestitum reponens , insigne regii amictus 
y«a«i lam Gothorum Romanorumque regnator adsumit. 

') S. oben p. 127 n. 1 und Schaffner a. a. 0. I, 121, Waitz, das 
alte Recht 75 ff. Diese Zusätze sind bei Pardessus a. a. 0. p. 329 unter 
den capita extravagantia I — XII mitgetheilt. 

'^) S. unten p. 135. 

^) S. im Aligemeinen Roth , von dem EinHusse der Geistlichkeit 
unter den Merovingern (gelesen am Ludwigstage in der bair. Akad. der 
Wissensch. 1830). 

*) S. oben p. 107. 

9 



»Il 









i 



130 

gesichert 1); Armenpflege, Krankenpflege zu üben, gilt für ein 
Vorrecht des Bischofes 2). 

So bedeutete die katholische Geistlichkeit in derThat etwas, 
als sie in dds fränkische Reich aufgenommen ward. Noch ge- 
winnen aber musste sie an Bedeutung, als Chlodovech und so- 
mit das fränkische Volk in die Kirche aufgenommen wurden 
Chlodovech hat der Geistlichkeit die schuldige Ergebenheil 
bewiesen : der heihgeri Genovefa zu Liebe soll ^er öfter Gefan- 
genen Milde gezeigt, selbst Schuldige begnadigt habend); 
vom Alamannenkriege als Sieger zurückgekehrt, nahm er Ve- 
dast mit sich nach Rheims, voll Eifer, von dem heiligen Manae 
in den Lehren des Heiles sich unterweisen zu lassen 4). Eine 
alte Quelle rühmt es, dass Chlodovech viele Kirchen von 
Grund aus neu erbaut , verlassene wieder zum Gottesdienst 
eingerichtet , Klöster gegründet habe ; Bischof iVIelanius von 
Rennes stand ihm dabei zur Seite 5). Bestimmt wissen wir, 
dass Chlodovech die Apostelkirche zu Paris erbaut«), den 
Bau der Kirche der hl. Genovefa in Paris begonnen hat'). 
Die durch ihre Heiligkeit ausgezeichnete Martinskirche in Tours 
erhielt von ihm, als er siegreich aus dem westgothischen Kriege 
zurückkehrte, reiche Geschenkes). So vereinigte sich b(3i 
Chlodovech ein frommer gläubiger Sinn mit jener Gewaltsam- 
keit, welche wir bei andern Gelegenheiten hervorbrechen se- 
hen. Er bittet, gewiss ohne Heuchelei, die Bischöfe seines 
Reiches , für ihn zu beten 9) ; er erwartet es als Entgelt für 
eine zwei frommen Geistlichen gemachte Schenkung, dass sie 
für ihn , seine Gattin , seine Söhne die götüiche Gnade erfle- 



') Concilium Aurelianense a. a. 0. canon I. II. III. 

'^) Ib. canon XVI. 

^) V. Genovefae, Bouquet III, p. 370. 

*) V. Vedasti, Bouquet III, p. 372. 

*) V. Melanii, Bouquet III, 395. 

^) Gr. II, 43. 

') V. Genovefae. Bouquet III, 370, mit einer bemerkenswerlhon Be- 
schreibung der Kirche. 
') Gr. II, 37. 

») Bouquet IV, p. 54. Ep. Chlotovechi Schluss : orate pro me do- 
miDi sancti et apbstolica sede dignissimi papae. 



131 

heni)^ Einzelne durch Geist, durch Bildung ausgezeichnete 
G^thche treten zu Chlodovech in ein enges persönliches Ve! 
haltms vor allen Remigius von Rheims, dann Vedast, zum 
Bischof von Anas erhoben 2); auch ferner stehende , wi; Avi- 
tus ;;» Vienne Pabst Anastasius, sind Chlodovech freund- 
schafthch verbunden. Es unterliegt keinem Zweifel, dass diese 
Geisthchen unter Umständen auf die EntSchliessungen des Kö! 
n.gs Emlluss ausüben konnten : finden wir doch den schon 
erwähnten Melanius von Rennes geradezu als den Rathgeber 
Chlodovechs erwähnt , freilich zunächst in geistlichen Dingen 3, 
Wichtig ist es auch, dass schon jetzt die Unterschrift eines 
Bischofes gebraucht wird, um vom Könige ausgestellte Urkun- 
den zu beglaubigen *). 

Die katholische Geistlichkeit hat sich Chlodovech nicht 
undankbar bewiesen. Wir sehen,, dass die Geistlichen auch 
.hrerseits dem Frankenkönige die schuldige Ehrfurcht bewei- 
sen d,e Bischöfe seines Reiches nennen ihn ihren König und 
Herrn 5), der römische Bischof giebt ihm den Titel „Serenitas" 
welcher dem römischen Kaiser gebührte «). Gern ist die Kir- 
che bereit, wo es gilt, den fränkischen König zu verherrli- 
chen : sie erhöht die Bedeutung jener üebersendung consula- 
nscher Ins.gnien, indem sie eine kirchliche Feier hinzufügt ; 
als Chlodovech sich dem belagerten Verdun gnädig bewiesen 

.chen Empfang bereitet ') : nicht im Gegensatze zum Franken- 
komge , sondern im Anschluss an ihn , und grade durch den 
Anschluss an ihn möchte die Geistlichkeit etwas bedeuten. 

') Pardessus, Diplomala f, 57: Tibi venerabilis senex Euspicii luo 
que Max,mino, ut possi.is e. hi qui vobis in sancto proposito"- 
denl, pro nos.ra dilec.aeque coniugis et filiorum sospi.ate divinam mi 
sencordiam precibus vestris impetrare, Miciacum concedimus 

) V. Vedasti a. «. 0. erat: enim gralus penes aulam regiam. 

) V, Melanii a. a. 0. 

«) Pardessus Dipl I, 57: Eusebius episcopus confirmavi. 
) Concilium Aurel. Bcief der Bischöfe a. a. p 835 
«) Ep^ Anastasii, Bouquet IV , p, 50. In Remigius Briefe ib. p 5| 
m,erm,tat.s comilia natürlich im eigentlichen Sinne des Wortes zu 
nehmen. ^" 

") V. Maxinaini, Bouquet III, p. 395 e. 

9* 



A. 



w 






132 

Doch innerhalb ihrer Sphäre bewahrt die Geistlichkeit auch 
dem Könige gegenüber grosse Selbständigkeit, stark ausge- 
bildete Rechte. Die katholische Geistlichkeit hatte, als sie\i 
Chlodovechs Reich eintrat, bereits eine feste hierarchische Ord 
nung gewonnen. Namentlich hat der Begriff dei^ bischöflichen 
Gewalt, der geistlichen Gerichtsbarkeit schon eine feste rechtliche 
Ausbildung erlangt. Alle neu erbauten oder noch zu erbauenden 
Kirchen sollen, so ward bestimmt, dem Bischof untergeben 
sein, in dessen Diöcese sie liegen i). Die Aebte stehen unter 
dem Bischöfe , dessen Diöcese sie angehören ; lassen sie sich 
üebertretungen zu Schulden kommen , so straft sie der Bischof • 
alljährlich einmal sollen sie auf ergangene Ladung an einem 
vom Bischöfe zu bestimmenden Orte zusammenkommen 2). 
Die Mönche stehen zunächst unter ihrem Abte 3). Die Geistli- 
chen büssen kirchliche Vergehen nach den Bestimmungen des 
Bischofes 4) , seine Einwilligung muss von den Aebten, Presby- 
tern und andern Geistlichen der Diöcese nachgesucht werden für 
die Bewerbung um Schenkungen beim Könige oder bei dessen 
Söhnen 5). wie es mit den Bischöfen selbst gehalten worden 
ist, steht nicht ganz fest: es scheint, dass sie in geistlichen 
Dingen vor einer Versammlung der übrigen Bischöfe der Pro- 
vinz zu Rechte stehen mussten 6). 

In weltlichen Dingen dagegen scheint auch der Geistliche 
dem weltlichen Gerichte untergeben gewesen zu sein • die 
Möghchkeit, auch den Bischof über Mein und Dein zu belan- 
gen, ist nicht ausgeschlossen 7); wenn ein Diakon oder Pres- 
byter einen Mord begeht, so soll er seines Amtes entsetzt und 



•) Concil. Aurel. canon XVII ; deswegen wird offenbar Miciacum 

*^) Canon XIX. 

^) Ib. vgl. canon XXII. 

*) Canon XXVIII. 

^) Canon VII. 

«) Dies darf man aus canon V folgern :' . . . quod si aliquis sacer- 
dotum ad lianc curam minus sollicitus ac devotus exsUterit , publice a 
comprovincialibus episcopis confundalur. 

') Canon VI. 



133 

exkommunicirt werden »). Es scheint, als sei dann das ge- 
wöhnliche gerichtliche Verfahren eingetreten, da ja diese Strafe 
unmöglich genügen konnte. 

Es kommt für die Stellung der Geistlichen Chlodovech 
gegenüber besonders darauf an , ob dieser einen Antheil an 
der Ernennung hatte oder nicht. Dass Chlodovech eine di- 
rekte Mitwirkung bei der Besetzung der niederen geistlichen 
Stellen hatte, steht fest. Wir sahen, dass er Chararich und 
seinen Sohn ordiniren Hess. Das stimmt ganz mit der Anord- 
nung, welche auf dem Concil zu Orleans getroffen ist: ohne 
den königlichen Befehl, oder den Willen des Grafen solle kein 
Laie in den geistlichen Stand aufgenommen werden: ausge- 
nommen von dieser Bestimmung sind iur diejenigen , deren 
Vater, Grossväter oder Urgrossväter Geistliche gewesen sind- 
sie unterliegen der bischöflichen Gewalt 2j. Hier also finden 
wir ein vollkommenes Bestätigungsrecht des Königs ; dass er 
dadurch miltelbar auch auf die Besetzung der höheren geistli- 
chen Stellen Einfluss ausüben konnte, unterliegt keinem Zweifel 
Wie es mit der Besetzung von Bislhümern war, können wir aus 
den uns überlieferten Beispielen der Besetzung erledigter Stel- 
len zu Chlodovechs Zeit entnehmen. Der Bischof erhielt nach 
altem Brauche sein Amt durch Wahl der Gemeinde. Dieser 
Brauch erhält sich auch zu Chlodovechs Zeit. Als er beim 
Anfange seiner Regierung in Verdun verweilt, ist gerade Bi- 
schof Firmin gestorben. Chlodovech bittet den greisen Pres- 
byter Euspicius, der Stadt als Bischof vorzustehen. Allein 
demüthig schlägt Euspicius die ihm zugedachte Ehre aus: 
Chlodovech kann ihn nicht bestimmen, sich zum Bischof wäh- 
len zu lassen 3). Dieser letzte Zusatz ist wichtig : zu Ghlodo- 

') Canon IX. 

Canon IV. Hier wird von den Ordinationen clericorum gehan- 
delt: clertri sind niedere Geistliche im Gegensatz zum sacerdos , dem 
Bischöfe. 

') V Maximini, ßouquet III, 393: . . (Chlodoveus) sanctura Euspi- 
cium . ., ,it urbi . . episcopali dignitate et honore praeesset, admonuit 
et admonendo pelivit. At vero sanctus ilie . . obialum honorem vel 
potius onus sacerdolis humiliter recusavit. . . Cumque rex hoc ab eo 
obtmere non potuisset, ut pontifex sciUcet crearetur, iussit, ut sibi co- 
mes fieret. 



J 



134 



vechs Berufung muss eine förmliche Wahl hinzukommen. Ein 
ander Mal handelt es sich um die Besetzung des Bisthums 
Auxerre, welches wie Verdun ebenfalls zu Chlodovechs Reiche 
gehörte. Chlodovech erbittet sich den Unterthanen des Bur- 
gunderkönigs Gundobad zum Bischöfe. „Dieser Bitte oder 
Wahl'- muss Gundobad obschon ungern nachgeben. Eptadius 
wird dann einstimmig gewählt von den Geistlichen der Diöcese, 
dem Adel, der übrigen städtischen und ländlichen Bevölke- 
rung: alle sind der Ansicht, Eptadius sei der würdigste Bi- 
schof*). Dass diese Wahl in einer Versammlung geschah, 
ist wahrscheinlich , da ja eben die Gemeinde wählt. Wir 
finden hier allerdings, dass Chlodovech in beiden Fällen den 
Candidaten zum Bisthum der wählenden Gemeinde vorschlägt, 
erst dann erfolgt die Wahl. Ohne Zweifel aber ist die Wahl 
das eigentHch Entscheidende : die Gemeinde kann gewiss auch 
selbständig sich den Bischof wählen, ohne dass der König vor- 
schlägt 2). Wird aber ein Bisthum neu gegründet, so ist von 
einer Mitwirkung der Gemeinde nicht die Hede, sie soll sich 
erst bilden. Ihre Stelle vertritt der Metropolitanbischof. So 
hat Reraigius von Hheims Vedast zum Bischof von Arras ge- 
macht: freilich war er ihm von Chlodovech empfohlen, doch, 
soviel wir sehen, nicht in der Absicht, dass er Bischof wer- 
den sollte 3). Wir dürfen also wohl behaupten , dass der 



•) V. Eptadü, Bouqiiet III, 380 : . . . a rege Gundobaldo . . . Clo- 
doveus suppliciter exoravit . ut . . Eptadium civitatis suae Autissiodo- 
rensis praestaret antistitem ordinandum. Cui petitioni vel electioni prae- 
dicti regis ita restitit voluntas otFensa, tamquam sibi maximas vires de- 
posceret possidendas. Tarnen, . . ut petebat, negare non potuit. Qui 
recepta promissione audoritutis statim eligitur consensu univeisitatis 
cleri et populorum , nan) clericorum chorus cunctaque nobilitas et plebs 
urbana vel rustica in unam venere sententiam Eptadium dignissimum 
esse episcopum. — Aehnlich wird V. Saccrdotis (Bouquet III, 382) Sacer- 
dos Bischof von Limoges „electionc cleri et favore populi , Francorum 
rege, seniore eiusdem provinciae, etiam collaudante." Doch hat die 
Quelle geringe Glaubwürdigkeit. 

'^) Ob uaan hierfür die Ordination des Bischofs Licinius von Tours 
(Gr. II, 39) anführen darf, ist zweifelhaft: er scheint erhoben zu sein, 
bevor Chlodovech den westgothischen Krieg begann. 

^) V. VedasU, Bouquet III, 372 : Cumque iam celeberrima fama in 
praefata urbe Remorum esset (Vedastus) , . . . . fuit tandem (Remigius) 



las 



König rechtlich keinen Einfluss auf die Besetzung der Bis- 
thümer hatte , doch beginnt unter Chlodovech ein solches 
Recht sich auszubilden. Aus jenem Antheil, welchen der 
König sich an der Besetzung faktisch dadurch verschaffte, 
dass er einen Candidaten vorschlug, konnte leicht ein Ernen- 
nungsrecht sich entwickeln, wie dies auch der Fall gewesen 
ist. Das Recht, auch die Bischöfe zu bestätigen, haben spä- 
tere Könige in Anspruch genommen ') : es scheint auch Chlo- 
dovech zugestanden zu haben. Die Geistlichkeit erfreut sich 
also in ihrer Sphäre wohl grosser Unabhängigkeit, doch bleibt 
Raum für Einfluss des Königs. 

Dies zeigt sich namentlich auch bei der Kirchenversamm- 
lung zu Orleans, welche im letzten Jahre von Chlodovechs 
Regierung 511 gehalten ist. Dies Concil erwähnt die alte Vita 
Melanii. Wir erfahren hier, dass Chlodovech eine Synode 2) 
von 32 Bischöfen seines Reiches nach Orleans berufen hatte, 
dass die Erhaltung der reinen Lehre, die Feststellung kirchli- 
cher Ordnungen Zweck der Versammlung war. Ein vollstän- 
diges Protokoll über die Verhandlungen , eine besondere Vor- 
rede lagen dem Verfasser der Vita vor 3). Beides ist für uns 
verloren. Erhalten sind uns die Bestimmungen des Concils 
selbsp). Sie sind am 10. Juli 511 von 32 Bischöfen unter- 
zeichnet Chlodovech zugesandt. Zuerst unterzeichnet Cyprian, 
Metropolitan 'von Bordeaux : er scheint die Leitung gehabt zu 
haben ^) ; Remigius von Rheims hat nicht mit unterschrie- 
ben *). Auf den reichen Inhalt der Bestimmungen des Con- 



consiiii, ut Atrebatum urbis cum pontificem faceret. . . Suscepto itaque 
pontificalis cathedrae onere , ad urbem Atrebatum venit. Vgl. die Be- 
gründung des Bisthums Laon, V. Remigü, Bouquet III, 375 A. 

') S. Edictum Chlotarii, Pardessus Dipl. I, p. 195, I. 

*) Die Ausdrücke concilium und s^nodus werden beide gebraucht 
ohne Unterschied. 

^) Acta SS. Boll. VI lan. Bei Bouquet III, 395 ist zu früh abgebrochen. 

*) Am besten Conciliorum Galliae collecüo I, p. 833 ff. ; doch 
auch pei Mansi. 

^) Die V, Bemigii, Bouquet III, 378 D, lässt schon vor dem west- 
gothischen Kriege auf Bemigius Rath von Chlodovech das Concil berufen. 

^) Cyprianus in Christi nomine episcopus ecciesiae Burdegalensis 
metropolis canonum statuta nostrorum subscripsi, sub die W idus lu- 
lias Feiice V. C. consule. 



136 



cils können wir hier im Zusammenhange nicht eingehen : es 
kommt für uns darauf an, zu erkennen, welche Stelluni; der 
König zum Concil hatte. Dies ergiebt sich deutlich aus dem 
Briefe der versammelten Bischöfe und der kurzen Vorrede 
welche den Bestimmungen des Goncils selbst vorausgeschickt 
sind. Sie lauten folgendermassen : 

„Ihrem Herren dem Sohne der katholischen Kirche, dem 
ruhmgekrönten Könige Ghlodovech , alle Bischöfe , welche Ihr 
zum Concil entboten habt. 

Da in ruhmwürdigem Glauben eine solche Sorge für die 
Pflege der katholischen Religion Euch bewegt , dass Ihr in 
geistlichen Dingen zugewandtem Sinne Bischöfe für die Ver- 
handlung dringender Angelegenheiten zur Versammlung entbo- 
ten habt, so antworten wir in Gemässheit des von Euch be- 
gehrten Rathes und der Vorlagen, welche Ihr gemacht habt, 
mit Rechtsbestimmungen ») : so dass , wenn unsere Entschei- 
dungen durch Euer Urtheil als richtige anerkannt werden, 
die Zustimmung eines so mächtigen Königs und Herrn durch 
höhere Autorität die Meinung so vieler Bischöfe als verbindlich 
bestätige. 

Da nach Gottes Willen, kraft Berufung des ruhmwürdig- 
sten Königs Ghlodovech 2) , in der Stadt Orleans ein Goncil 
der höchsten Geistlichen versammelt worden ist : so haben in 
gemeinsamer Berathung alle beschlossen , was Sie mündlich 
festgestellt, durch das Zeugnis der Schrift zu bekräftigen." 

Wie Ghlodovech zur Versammlung der Bischöfe seines 
Reiches gestanden hat, ergiebt sich aus dem Mitgetheilten 
deutlich genug. Er hat aus königlicher Machtvollkommenheil 
die Versammlung berufen , da er ihrer Mitwirkung bei der 
Ordnung kirchlicher Verhältnisse bedurfte. Er hat der Ver- 
sammlung bestimmte Vorlagen gemacht, worüber sie berathen, 
beschlossen hat; damit aber diese Beschlüsse in Kraft treten, 
bedarf es noch seiner besondern Zustimmung. Dass der König 
das Recht der Berufung kirchlicher Versammlungen, der Zu- 

*) So übersetze ich deßnitiones. 

*) Die Worte „ex evocatione gloriosissimi regis Cblolhoveehi" feh- 
len zwar in der ältesten Handschrift , doch macht das im Grunde wenig 
aus fUr die Sache: denn dass Ghlodovech das Concil berufen, steht aus 
dem Briefe und der V. Melanii fest. 



137 

Stimmung zu ihren Beschlüssen für sich in Anspruch genommen 
hat , ist von grosser Wichtigkeit. Diese Versammlungen haben 
in der Folge im fränkischen Reiche eine grosse Bedeutung er- 
langt: nicht allein rein geistliche Angelegenheiten sind hier 
berathen, beschlossen, sondern auch weltliche haben hier ihre 
Erledigung gefunden. 

So stehen Geistlichkeit und Königthum einander in Ghlo- 
dovechs Zeit in achtunggebietender Stellung gegenüber. Die 
Geistlichkeit bewahrt sich ihre besondere Organisation, eigene 
Gerichtsbarkeit in geistlichen Dingen, sie gewinnt in kirchli- 
chen Versammlungen vereinigt Antheil an den Reichsangelegen- 
heiten, sie kann dem Königthum gegenüber um so freier auf- 
treten, da das höchste geistliche Amt, das Bisthum, nicht 
durch königliche Uebertragung allein erlangt ward; das König- 
thum dagegen nimmt Einfluss auf die Besetzung der geistlichen 
Aemter, das Recht, kirchliche Versammlungen zu berufen und 
zu leiten, in Anspruch. 

Es ist ausserdem für die Stellung der Geistlichkeit von 
Bedeutung, dass sie von Privaten wie vom Königö reiche 
Schenkungen empfangen hat. Sie erlangte so die materiellen 
Mittel , um ihren Pflichten der Armen- und Krankenpflege , um 
den Bedürfnissen des Gultus in höherem Masse genügen zu 
können. Dass solche Schenkungen schon in Ghlodovechs Zeit 
nichts Seltenes waren, sehen wir aus einer beschränkenden 
Bestimmung des Goncils von Orleans *>). Noch grössere Wich- 
tigkeit erlangen solche vom Könige gemachte Schenkungen, 
wenn sie in Land bestehen, welches mit besondern Rechten 
ausgestattet ist. Es ist uns eine Urkunde über eine solche 
Schenkung erhallen 2). Der König schenkt dem bejahrten 
Presbyter Euspicius und seinem Schüler Maximinus Miciacum, 
damit sie hier einem ruhigen frommen Leben sich hingeben 
können. Unter feierlichen Formen wird beiden Miciacum nebst 
den Einkünften der könighchen Kasse mit dem ganzen Lande 
zwischen Loire und Loiret zum festen Besitze übertragen. 



•') S. oben p. 132 n. 5. 

^) Pardessus Dipl. I, 57. Die Urkunde ist gewiss echt. Sie ist in 
BriefforiS gehalten , die späteren feierlichen Formen haben sich offenbar 
noch nicht ausgebildet. Vgl. V. Maximini bei Bouquet III , p. 394. 



ii 



138 



Dieser Besitz soll frei sein von Grundsteuer und Abgaben inner- 
halb und ausserhalb der beiden Flüsse, dazu schenkt der König 
den Holzbestand an Eichen, an Weiden, das Recht, auf beiden 
Flüssen Mühlen anzulegen. Solche Schenkungen hat offenbar 
eine Bestimmung des Concils von Orleans im Auge, wo von 
Ländereien die Rede ist, welche der König den Kirchen über- 
tragen habe mit Einräumung von Immunität für das Land 
selbst oder für die Geistlichen'^). Unser Diplom wendet diesen 
Ausdruck nicht an ; doch wissen wir aus dem Sprachgebrauch 
späterer Zeiten, dass Rechte, wie die dort verliehenen, unter dem 
Namen der Immunität zusammengefasst wurden. Jene Rechte 
haben zunächst finanzielle Bedeutung : die Verleihung geschieht 
in der Weise, dass entweder Befreiung von bestimmten Lei- 
stungen, oder die Wahrnehmung gewisser finanzieller, dem 
Könige zustehender Rechte in einem gewissen Gebiete eintritt. 
Beides ist in unserm Diplom vereinigt. Noch nicht verliehen 
ist hier die Gerichtsbarkeit, welche man ebenfalls als finan- 
zielles Recht auffasste. Solche Verleihungen sind später auch 
Weltlichen zu Theü geworden, ob schon in Ghlodovechs Zeit, 
wissen wir nicht. Sie haben durch Beschränkung wesentlicher 
Hoheitsrechte des Königs zu Gunsten Einzelner, zur Schwä- 
chung des merovingischen Königthumes, zur Ausbildung einer 
mächtigen Aristokratie geführt. In ihr nehmen Geistliche, 
namentlich die Bischöfe, einen bedeutenden Platz ein. Auch 
hierfür finden wir schon die Anfänge in Ghlodovechs Zeit; in 
ihr sind überhaupt die Anfänge der spätem Ordnungen des 
fränkischen Reiches zu suchen, deren allmähliches Werden 
wir nicht immer klar erkennen können. 



•) Canon V : de oblationibus vel agris , quos dornnus noster rex 
ecciesüs suo iminere conferre dignatus est, vel adhuc non habentibus 
Deo inspirante coiituicrit, ipsorum agrorum vel clericorum immunilate 
concessa. 



Anhang. 



V 



Der Bericht der Gesta findet sich c. 6. 7. 

Was über Ghilderichs Vertreibung berichtet wird, stimmt 
mit Gregor. Mit seinem treuen Freunde und Rathgeber Wio- 
mad beräth sich Ghüderich, wie er die Gemüther der aufge- 
brachten Franken besänftigen könne. Dieselben Verabredun- 
gen werden getrofl*en, wie bei Gregor. So geht Ghüderich 
davon ins Thoringerland. Unterdes herrscht Aegidius von den 
Franken zum König erhoben. Im achten Jahre seiner Herr- 
schaft stellt sich Wiomad, auch Aegidius Rathgeber, als wolle 
er diesem in Freundschaft sich verbinden; er räth ihm, einige 
Franken listig aus dem Wege zu schaffen. Aegidius folgt dem 
Rathe, er strebt jene Franken durch List zu beseitigen. Von 
Zorn und Furcht bewegt, bitten die Franken Wlomad um Rath, 
was zu thun sei. Wiomad stellt ihnen vor, wie unklug sie 
den eignen König vertrieben, den Römer zum König erhoben. 
Die Franken bereuen das Geschehene. Sie wünschen Ghilde- 
richs Regierung zurück. Da sendet Wiomad diesem das halbe 
Goldstück, er fordert ihn auf, zurückzukehren. Während Ghüde- 
rich im Thoringerlande gewesen ist, hat er mit der Basina Ehe- 
bruch getrieben; sie folgt ihm, als er aus dem Thoringerlande 
zurückgekehrt von den Franken, die Aegidius wieder entthro- 
nen, in sein Reich eingesetzt ist. Sie wird dann, wie bei Gre- 
gor, Ghilderichs Gemahhn und gebiert ihm den Ghlodovech. 
Dieser war ein König, gross über allen Frankenkönigen, ein 
kriegslustiger und ausgezeichneter Kämpfer. 



i'l 



'I 



140 



Die Bist. epit. c. 11. 12 hat Folgendes: ♦ 

Die Vertreibung wird auch hier wie bei Gregor erzählt. 
Wioniad, der einzige Franke, welcher Ghilderich. die Treue be- 
wahrt, hat ihn schon mit seiner Mutter einmal den Händen der 
Hünen entrissen. Jetzt warnt er ihn bei Zeiten, er veranlasst 
ihn zur Flucht nach dem Thoringerlande. Er trifft die be- 
kannte Verabredung; muss Ghilderich seinen Aufenthaltsort 
verlassen, so soll er es dem Wiomad anzeigen. So flieht Ghil- 
derich nach dem Thoringerlande. Die Franken wählen ein- 
stimmig den Aegidius zum Könige. Von ihm zum Unterkönige 
eingesetzt, veranlasst Wiomad ihn , die Franken , deren Ueber- 
muth gebrochen werden müsse, höher und höher zu besteu- 
ern . in der Hoffnung ihnen das römische Regiment unerträg- 
lich zu machen. Doch auch so noch gefällt den Franken die 
römische Herrschaft besser als Childerichs Ausschweifung. Da 
stellt Wiomad dem Aegidius vor, der aufrührische Trotz der 
Franken müsse gebeugt werden durch Hinrichtungen. Er sen- 
det ihm 100 nichtsnutzige und untaughche Franken zu, und 
Aegidius lässt- sie töten. Jetzt wünschen die Franken Ghjlde- 
richs Rückkehr; sie hoffen durch ihn Befreiung vom römischen 
Drucke. Wiomad meldet dem Aegjdius, jetzt endlich sei das 
Frankenvolk gebändigt. Er denkt nun auf Childerichs Rück- 
kehr. Zugleich sucht er gegen Aegidius den Zorn des oströ- 
mischen Kaisers Mauricius zu wecken. Bei ihm ist Ghilderich 
jetzt in Gonstantinopel *); Wiomad hat dies erfahren. Er ver- 
anlasst Aegidius vom römischen Kaiser eine grosse Summe zu 
fordern: sie soll dazu dienen, die benachbarten Völker durch 
Geschenke zur Unterwerfung zu bringen. Er weiss dann selbst 
einen treuen Boten zugleich mit Aegidius Gesandten nach Gon- 
stantinopel zu schicken. Dieser überbringt Ghilderich die 
Hälfte des Goldstückes und den Auftrag, das Verlangen des 
Aegidius , noch bevor seine Gesandten beim Kaiser vorge- 
lassen seien , diesem so darzustellen , als verlange der dem 
öffentlichen Schatze Steuerpflichtige Steuern vom Kaiser. Die 
List geHngt. Mauricius lässt die Gesandten ins Gefängnis wer- 



141 

fen und sendet Ghilderich auf sein Anerbieten als Rächer mit 
vielen Geschenken und einer Flotte nach Gallien. In Bar 
trifft Wiomad mit Ghilderich zusammen; zuerst erkennt diesen 
jene Stadt, dann das gesammte Frankenvolk als König wie- 
der an; er kämpft mit Aegidius und den Römern glücklich. 
Auf die Kunde von Ghilderichs Rückkehr und Wiederein- 
setzung kommt dann Basina aus dem Thoringedande, sie wird 
Ghilderichs Weib. In der auf ihr Geheiss keusch verlebten 
Hochzeitsnacht trägt Bedeutsames sich zu. Als Ghilderich auf 
Basinas Bitte dreimal hintereinander auf den Hof des Pallastes 
tritt, sieht er zum erstenmal einen Löwen, ein Einhorn, einen 
Leoparden auf und abgehen, zum zweitenmal einen Bären 
und einen Wolf, zum drittenmal Hunde und andere kleinere 
Thiere im Kampfe. Er erzählt Basina das Geschehene, sie 
halten sich keusch bis zum folgenden Tage. Als sie aufstehen 
deutet ihm Basina das Geschehene als ein Bild der rasch ab- 
nehmenden Tapferkeit und Kraft des Geschlechtes, welches 
ihrer Ehe entspriessen soll. Ein Sohn wird ihnen geboren 
werden, tapfer wie ein Löwe»); dessen Söhne werden- die 
Tapferkeit des Leoparden und Einhorns besitzen; dann wird 
eine Generation kommen an Tapferkeit und Gefrässigkeit Bä- 
ren und Wölfen gleich; die letzten werdf^n Hunden und klei- 
neren Thieren gleichen; da werden die Völker nicht mehr dem 
Herrscher gehorchen und sich gegenseitig befehden. Basina 
gebiert dem Ghilderich einen Sohn mit Nam'en Ghlodovech; 
dieser war gewaltig und ein tüchtiger Kämpfer , einem Löwen 
gleich , der tapferste unter allen Königen. 



1. 

Bouquet hat den Brief des Remigius (bei Bouquet IV, p. 
51 E. , Gonciliorum Galliae . . collectio Parisiis 1789. T. 1, 
p. 827) vor dem Beginn des Krieges mit den Westgothen 
gesetzt ; ebenso die Ausgabe der Goncilien. Hiergegen 
spricht Alles : denn der Brief ist offenbar an einen jungen, 
eben zur Regierung gekommenen Fürsten gerichtet, er ent- 



') Beraerkenswerth fjr die burgundische Quelle ist die Rücitsicht 
auf oströmische Verhältnisse. Mauricius ist übrigens 130 Jahre zu früh 
angesetzt. * 



») Nascetur nobis filius leonis fortitud.ne Signum et instar te- 
nens. Leonis ist wohl durch ein Versehen ausgefallen. 



142 



hält gute Lehren für den in den Pflichten des Regenten 
noch Unerfahrenen. Dies hat zuletzt P^tigny richtig hervorge- 
hoben *). Er setzt den Brief daher in die ersten Zeiten von 
Chlodovechs Regierung. Doch, dass dann unmöglich die Bi- 
schöfe des nördlichen Galliens als „sacerdotes tui", d. h. des 
Chlodovecb, welcher noch dem heidnischen Glauben anhängt, 
bezeichnet werden können , leuchtet ein 2). Ist der Brief an 
Chlodovecb geschrieben, so kann er nicht vor dem Ende des 
Jahres 496 geschrieben sein : doch da war Chlodovecb nicht 
mehr jung und unerfahren im Regieren. ,,manet vobis re- 
gnum administrandum et Deo auspice procurandum. Populo- 
rum Caput estis et regimen sustinetis. Acerbitate ne te vi- 
deant in luctu affici, qui per te felicia videre consueverunt", 
schreibt Remigius um diese Zeit 3). Die Vermulhung, dass der 
Brief nicht an Chlodovecb, sondern an einen seiner Söhne, de- 
ren Regierungsantritt Remigius erlebte, gerichtet sei, liegt nahe; 
so fallen alle Bedenken weg. In der Ueberschrift des Briefes 
kann leicht ein Fehler besannen sein. 

Wir können daher für Chlodovechs Regierungszeit aus dem 
Inhalt des Briefes keine Schlüsse ziehen. Die Worte, auf wel- 
che gestützt, man für Chlodovecb das Amt des magister 
militum in Anspruch genommen hat: „Rumor ad nos pervenit, 
administrationem vos secundum rei bellicae suscepisse'' sind 
zudem gewiss nicht ohne Verderbnis *) überliefert. Die Worte 
„administratio rei beUicae" gestatten auch eine weitere Bezie- 
hung als auf das römische Amt; auch sieht man nicht ein, wes- 
halb die geläufige Bezeichnung umgangen sein sollte. 



2. 

Für die Echtheit der von Pardessus Diplomata I, p. 30 AT. 



') P6tigny II, 362 ff. 

2) Hierauf macht Waitz Yfg. II, 43 n. 1 aurmerksam. Auch die 
Worte: „hoc in primis agenüum, ut Domini Judicium a te non vacillet" 
können doch schwerlich an den heidnischen König gerichtet sein. 

3) Bouquet IV, 51 C. 

'*) Das secundum findet keine Beziehung. Mit der Emendation 
seeundam ist wenig geholfen. 



143 

mitgetheilten Urkunde ist lebhaft gestritten worden, doch wird 
man sich von derselben schwerlich überzeugen können. Ver- 
gleichen wir das Diplom mit dem I, 57 mitgetheilten, über 
dessen Echtheit keine Zweifel bestehen , so treten bedeutende 
Abweichungen hervor. Während dieses in Briefform gehalten 
ist, zeigt jenes die späterhin stehend gewordene Art der Aus- 
Stellung mit feierlichem Eingang und Schluss , mit dem übli- 
chen Uebergange zur Sache selbst: „quapropter notum sit etc.", 
überhaupt ist beim Diplom I, 30 eine gewisse Feierlichkeit ge- 
sucht, während beim Diplom I, 57 das Ganze einfach gehalten ist. 
Auch das deutet dort auf spätere Zeit. Befremdend ist es auch, 
dass der Aussteller sich den Titel „Celsitudo^' beilegt.— Was .den 
Inhalt der Verleihung anlangt, so wird dem Johannes von Reo- 
maus für den übertragenen Besitz die Gerichtsbarkeit mit verlie- 
hen: bei der Schenkung an Euspicius und Maximin ist dieselbe 
ausgenommen. — Doch noch mehr Bedenken erregen die Ver- 
hältnisse, deren Bestehen die Urkunde voraussetzt. So deutet 
die Aufzählung der hohen geistlichen und welllichen Beamten in 
bestimmter Reihenfolge auf das Vorhandensein einer Aristokra- 
tie, wPe wir sie für Chlodovechs Zeit schwerhch annehmen 
dürfen. Dass Commendalion und Vasallilät in Chlodovechs 
Zeit noch nicht bestanden, ist anerkannt: hier sind die Aus- 
drücke „commendare, mundiburdium" in einer Weise gebraucht, 
welche ohne bestimmte rechtliche Ausbildung jener Verhält- 
nisse undenkbar ist. Commendalion und Landverleihung sind 
hier schon verbunden, denn aus der Stelle „quia . . . habeat" 
geht es deutlich hervor , dass Johannes sein Kloster in könig- 
lichen Schutz gestellt hat , in der Absicht mit besondern Vor- 
rechten ausgestatteten Grundbesitz für dasselbe zu erlangen. 
Br^quigny hält das Diplom im Ganzen für echt, doch giebt 
er zu, bestimmte Formeln seien von Abschreiberhand umgestaltet. 
Das ist in der Thal nur ein Nolhbehelf; wir müssen das Di- 
plom für Fälschung einer spätem Zeit halten, welche sich eben 
durch die als bestehend vorausgesetzten Verhältnisse verräth. 
Historische Schlüsse und Combinalionen können wir also auf 
das Diplom im Ganzen und namentlich auf die Datirung „primo 
nostrae susceplae christianitatis atque subiugationis Gallorum 
anno'^ nicht bauen. 



144 

4. 

Die Hist. epil. giebt c. 17 — 20 den Bericht über die Ver- 
inählung. Hier folgt der Inhalt im Auszuge. 

Die Verhältnisse in Burgund werden nach Gregor erzählt, 
nur hatGundobad auch Ghilperichs zwei Söhne ermordet, die 
ältere der beiden Töchter heisst Sädeleuba, auch hier ist sie ins 
Kloster gegangen; verbannt sind die beiden Mädchen nicht. — 
Ghlodovech wirbt durch viele Gesandtschaften im Burgunder 
land um Ghrotechildis. Da die Gesandten sie nicht sehen 
dürfen, sendet Ghlodovech einen Römer Aurelian allein ab. 
Als Bettler verkleidet kommt dieser nach Genf, wo Ghro- 
techildis mit ihrer Schwester verweilt; die Schwestern üben 
gegen ihn christliches Mitleid, Ghrotechildis wäscht ihm die 
Füsse. Da bringt Aurchan heimlich Ghlodovechs Werbung 
an, übergiebt Ghlodovechs Ring. Ghrotechildis nimmt ihn 
erfreut an. Sie entlässt Aurehan reich beschenkt mit ihrem 
Ringe. Wolle Ghlodovech sie zum Weibe , so möge er sofort 
durch Gesandte bei ihrem Oheim Gundobad werben lassen; 
doch sollen die Gesandtön eilen, die Verlobung zu vollziehen, 
damit nicht durch die Ankunft des Aridius von Gonstanti- 
linopel Alles vereitelt werde. Aurelian kehrt als Bettler zu- 
rück, schon hat er Orleans, seine Heimath, beinahe erreicht, 
^ da muss er noch die Gefahren seiner Verkleidung erfahren, 
sein Ranzen, in welchem er Ghrotechildens Geschenk und ih- 
ren Ring mit sich führt, wird ihm gestohlen, doch durch aus- 
gesandte Diener dem Diebe wieder abgenommen. Aurelian er- 
zählt dem Ghlodovech den Erfolg seiner Sendung und Ghro- 
techildens Vorschlag. — Ghlodovech sendet nun Gesandle zum 
burgundischen Hofe und bittet den Gundobad um die Hand 
seiner Nichte. Gundobad stimmt zu. Die Gesandten erwerben 
nach alter Sitte durch Kauf und Verlobung ihrem Herrn die 
Braut, zu Ghalons an der Saone wird die Braut den Gesandten 
übergeben, die Ghlodovech vertreten. - Schnell heben die 
Franken die von Gundobad ihnen, übergebene Königstochter 
auf einen Wagen, sie fuhren sie und ihre Schätze dem Ghlo- 
dovech zu. Da Ghrotechildis Aridius Rückkehr fürchtet, treibt 
sie zur Eile, sie begehrt auf ein Pferd gesetzt zu werden, dies 
geschieht, so eilen sie zum Ghlodovech. Als Aridius, in schnel- 



145 



lern Laufe von Gonstantinopel zurückgekehrt, vom Gundobad 
das Geschehene hört, warnt er seinen König; durch die Ver- 
mählung sei die Verpflichtung zur Blutrache an Ghlodovech 
gekommen; habe Ghlodovech die Macht, so werde er das den 
Verwandten zugefügte Leid rächen. Er räth, ein Heer nachzusen- 
den, um Ghrotechildis zurückzuhalten. Gundobad folgt diesem 
Rathe. Als Ghrotechildis Villariacum, dem Sitze Ghlodovechs 
im Gebiete von Troyes, sich nähert, bittet sie, noch bevor die 
burgundische Gränze überschritten ist, ihre Begleiter, zwölf Mei- 
len weil nach beiden Seiten hin das Burgunderland zu plün- 
dern und durch Feuer zu verwüsten. Dies geschieht mit Ghlo- 
dovechs Erlaubnis, und Ghrotechildis dankt Gott, dass sie den 
Anfang der Rache für ihre Eltern und Brüder sehe. — Dar- 
auf wird sie zum Ghlodovech geführt, welcher sie froh als Gat- 
tin aufnimmt; schon hat er einen Sohn von einem Kebsweibe 
mit Namen Theuderich. 

Der Bericht ist, abgesehen von dem poetischen Werlhe, 
interessant für die Sitte der Zeit, aus welcher er stammt. Die 
Königstöchter selbst üben hier, wie auch im Berichte der Ge- 
sta, Werke der christlichen Barmherzigkeil. — Der Akt der 
Vermählung , dessen rechtliche Seite hier besonders hervorge- 
hoben ist, lässt sich genau verfolgen. Man kann vier Momente 
unterscheiden: 1. Freiwerbung Aurelians für Ghlodovech, 2. 
Werbung beim Gundobad und Kauf, 3. Verlobung, 4. Uebergabe 
der Verlobten an die Stellvertreter ihres Verlobten. Der Kauf 
geschieht nach fränkischer Sitte durch Zahlung der symboli- 
schen Kaufsumme von einem Sohdus und einem Denar. Die 
vier unterschiedenen Momente liegen für gewöhnhch auch der 
Zeit nach auseinander; dass hier Kauf, Verlobung und Ueber- 
gabe der Braut sich so rasch folgen, erklärt sich aus der Eile, 
welche den Gesandten erwünscht sein muss. Deshalb erbit- 
ten sie von Gundobad ein „placitum ad praesens, ut ipsam 
ad conjugium traderet Ghlodoveo" d. h. sie bitten um einen 
augenblickhchen Termin der UebergRbe. Als Gundobad den 
augenblickhchen Termin zugesteht, werden in Ghalons an der 
Saone hochzeilhche FeierHchkeiten zubereitet. Hier erfolgt die 
Uebergabe, wie es scheint, auf einer Versammlung *). 



'} Cblüdoveus legatos ad Gundobadum dirigit, peteos, ut Chrote- 

10 



nili^iifi 



^yiH 



146 



147 



Die Gesta enthalten c. 1 1 - 14 init. die entsprechende Dar- 
stellung : 

Die Vorgänge in Burgund, welche vor der Vermählung 
liegen, sind im Anschluss an Gregor erzählt; nur ist abwei- 
chend von ihm die ältere Schwester verbannt, die jüngere wird 
zu Hause gehalten. — Ghlodovechs Gesandten gelingt es, die 
Chrothildis zu sehen. Chlodovech sendet dann seinen Ge- 
sandten Aurelian, ein Römer wird er hier nicht genannt, nach 
dem Burgunderlande. Eines Sonntags verkleidet sich Aurelian 
im Walde als Bettler. Als die fromme Chrothildis nach be- 
endeter Messe den vor der Thür der Kirche versammelten Ar- 
men Almosen spendet,* empfän,^t Aurehan von ihr ein Gold- 
stück. Da er ihr die Hand küsst und unbemerkt sie am Ge- 
wände zupft, erlangt er Zutritt bei ihr. Er bringt seine Wer- 
bung an, will den Ring und die Brautgeschenke Ghlodovechs 
übergeben, allein sein Bettlersack, den er draussen vor der 
Thüre abgelegt , ist gestohlen ; da indes Chrothildis selbst 
nachfragt, wird er zurückgegeben.' Sie empfängt den bräutli- 
chen Schmuck, den Ring des Chlodovech und legt ihn in den 
Schatz ihres Oheims. Chlodovech lässt sie melden, als Chri- 
stin dürfe sie den Heiden nicht ehehchen; das solle Niemand 
wissen, doch vertraut sie auf Gott. So kehrt Aurelian zurück 
und njeldet das Geschehene. — Im folgenden Jahre sendet 
Cblodo\ech den Aurelian als Gesandten zum Gundobad und 
begehrt seine Verlobte Chrothildis. Gundobad fürchtet ei- 
nen listigen Anschlag Ghlodovechs, der seine Nichte nie ken- 
nen gelernt habe. Kr sucht Aurelian schnell abzufertigen, doch 
dieser droht, Chlodovech werde mit Waffengewalt sein Anrecht 
an seine Verlobte geltend machen. Gundobad ist bereit, es 
auf einen Krieg ankommen zu lassen; da treten vermittelnd 



childem neptem snam ei in coniugium sociandam traderet .... legati of- 
ferentes solidum et denarium , ut mos erat Francoruin , eam partibus 
Cblodovei sponsaiit: placitum ad praesens petentes, ut ipsam ad coniu- 
gium traderet Chlodoveo. Nulla stante mora inito placito Cabillono, nup- 
tiae praeparantur. Schon vorher in Ghrotechildens Antwort wird die 
rechtliche Seile hervorgehoben: — obtenta a(J praesens firmitate, placitum 
sub celeritate instituant. Vgl. Waitz Vfg. l 199 und das alte Recht 
p. 115 



die Räthe des burgundischen Königs dazwischen, sie wollen 
unnützen Krieg mit dem gefährUchen Feinde vermeiden. Auf 
ihre Veranlassung wird im königlichen Schatze nachgesehen, 
es findet sich Ghlodovechs Ring. Hierüber befragt, giebt Chro- 
thildis Auskunft. So wird sie Aurelian übergeben — und 
von diesem und seinen Genossen nach Soissons zum Franken- 
könige geführt. — Chlodovech erhebt sie mit Freuden zu sei- 
ner Gemahlin. Spät am Tage, bevor sie das eheliche Lager 
besteigen, verlangt Chrothildis die Erfüllung zweier Bitten 
von Chlodovech: er soll vom Heidenthume zum katholischen 
Glauben sich bekehren und des Leides gedenken, welches ih- 
ren Eltern vom Gundobad zugefügt ist. Das zweite verspricht 
Chlodovech; seine Götter kann er nicht verlassen. — Chlodo- 
vech verlangt dann durch seinen Gesandten Aurelian vom Gun- 
dobad Chrothildens väterliches Erbtheil. Auch hier droht zu- 
erst Gundobad Aurehan, der nur gekommen sei, um das bur- 
gundische Land auszukundschaften, den Tod. Doch Aurelian be- 
ruft sich auf Chlodovech und seine tapfern Franken, Wieder 
wird durch die burgundischen Räthe der Bruch vermieden; 
Gundobad muss den grössten Theil seines Schatzes an Chlodo- 
vech abtreten: nun fehle nur noch, dass er auch sein Reich 
mit Chlodovech theile. — So kehrt Aurelian heim, wegen sei- 
ner Treue bewundert von den weisen burgundischen Räthen. 
Von Chlodovech wird er mit dem Herzogthum Melun belohnt. 
Schon hatte Chlodovech einen Sohn von einem Kebsweibe mit 
Namen Theuderich. 



5. 

Gregor ist für die Taufe im Vergleich mit den andern 
Quellen durchaus Hauptquelle. Die Gesta c. 15 geben nichts 
Neues, sie reden nur hie und da etwas um. Abweichendes 
von Gregor enthält die Hist. epit. c. 21, doch hat dies .keinen 
bedeutenden W^erth. Dem gegenüber kommen die legendenhaf- 
ten üeberlieferungen in Betracht, welche Hinkmar V. Remigii, 
Bouquet Bd. 111 , 374 ff. giebL Sie beruhen nicht auf der alten 
V. Remigii, die wahrscheinlich Gregor benutzte ; die legenden- 
hafte Tradition hatte sich damals unmogUch schon so ausbilden 
können. Die Erzählung vom nächtlichen Gebete des Bischofs 



148 

mit dem Könige und der Königin 376 A-E, von Chlodovechs 
Benehmen auf dem Wege zur Kirche, die Legende von der hei- 
ligen Ampulla hat Hinkmar gewiss aus der Tradition genom- 

• men, welche in Rheims später entstanden ist. Anderes konnte 
Hinkmar nach der Silte seiner Zeit ausführen, z. B. die Unter- 
weisung von Volk und König vor der Taufe. Im Ganzen 
schHesst er sich , abgesehen von den bezeichneten Zusät- 
zen, ziemlich genau an die Gesta an, p. 374 E — 377 B; die 
ganze Fassung ist eine ähnliche, nur die Latinität verbes- 
sert. Bei 377 B : procedit — praeceptis liegt Gregor offenbar 

• zu Grunde. Diese Vita hat also keinen Anspruch darauf, als 
selbständige Quelle zu gelten. 

Auch der Beweis, welchen die Hisl. epit. c. 21 von Chlo- 
dovechs Glauben anführt , hat schon ganz legendenhaften 
Charakter. 



7. 

Isidori Historia Wisigothorum, in Isidori opp. rec. 
Faustinus Arevalus Romae 1803. T. VIl, p. 119, auch bei 

Bouquet II , 702. 

Era DXXI. ») ann. X. imperii Zenonis. Eurico mortuo Ala- 
ricus filius eins apud Tolosenam urbem princeps Gothorum 
constituitur regnans ann. XXlIl. Adversus quem Fluduius 
Francorum princeps Galliae regnum atfeclans, Burgundionibus 
sibi auxiliantibus bellum movet, fusisque Gothorum copiis, ip- 
sum postremo regem apud Pictavium superatum interficit. 
Theudericus autem Italiae rex, dura interitum generi compe- 
risset, confestim ab Italia proficrscitur, Francos proterit, partem 
regni , quam manus hostium occupaverat , recepit Gothorum- 

que iuri reslituit. 
I Era DXLV. ann. XVII. imperii Anastasii Gisaleicus superio- 

ris regis filius ex concubina creatus Narbonae princeps effici- 
tur, regnans annis quatuor, sicut genere vilissimus, ita infeli- 
citate et ignavia summus. Denique dum eadem civitas a Gun- 
debado Burgundionum rege direpta fuisset, iste cum magna 



») Die spanische Aera geht der christlichen um 38 Jahre voraus. 



149 



suorum clade apud Barcinonam se contuht, ibique moFatus, 
quousque etiam regni fascibus a Theuderico fugere ignominia 
privaretur. Inde profectus ad Africam, Wandalorum suffragium 
poscit, quo in regnum posset restitui. Qui dum non impe- 
trasset auxilium, mox de Africa rediens ob metum Theuderici 
Aquitaniam petiit, ibique anno uno delitescens, in Hispaniam 
revertitur, atque a Theuderici regis duce duodecimo a Barci- 
nona urbe mihario commisso proeho superatus in fugam ver- 
litur, captusque trans fluvium Druentium Galliarum interiit, 
sicque prius honorem postea vitam amisit. 

Era DXLIX. ann. XXI. imperii Anastasii Theudericus iunior 
. . . rursus extincto Gisaleico rege Gothorum Hispaniae regnum 
quindecim annis obtinuit , quod superstes Amalarico nepoti 
suo reliquit. 

Chronologia et series regum Gothorum, Bouquet 
11 , 704. 

Alaricus filius eins (Eurici) regnavit annis XXIII. Quem 
Clodoveus rex Francorum apud Pictavem hello interfecit. Ob 
cuius vindictam Theodoricus socer eins , Italiae rex , Francos 
prostravit et regnum Gothis integrum restituit sub imperatore 
Athanasio **). 

Gesalaicus Alarici filius regnavit annis IV. Iste a Gunde- 
baldo Burgundionum rege Narbona superatus ad Barcilonam 
fugit. Inde ad Africam ad Wandalos pro auxilio perrexit et 
non impetravit. Inde reversus apud Barcilonam a duce Theu- 
derici Italiae regis est interfectus sub imperatore Athanasio. 

Theudericus supradictus occiso Gesalaico regnum Gothorum 
tenuit annis XV et superstiti nepoti suo Amalarico reliquit. 

Jordanis de rebus Geticis c. 58: non minus tro- 
phaeum (Theodoricus) de Francis per Hibbam suum comitera 
in Galha acquisivit , plus XXX millibus Francorum in praelio 
caesis. Nam et Thiodem suum armigerum post mortem Alarici 
genejy tutorem in Hispaniae regno Amalarici nepotis constituit. 

Zusätze zu Victor Tunnunensis, Roncallius II, 3^, 
unkritisch bei Schottus Hispania illustrata IV, 136. 

[Ind. XV, 507] ») Venantio et Celere coss. 

His diebus pugna Gothorum et Francorum Boglodoreta. 

<*) leg. Anastasio. 

')' Indiclion und Jahr nach Christus sind hinzugeHigt. 



150 



Alaricus rex in proelio a Francis interfectus est. Begnum 
Tolosanum destructum est. 

[Ind. UI, 510] Boetio V. C. cos. 

His coss. Gesalecus Goericurn Barcinone in palatio inter- 
fecit : quo anno idem Gesalecus ab Helbane *) Theodorici Italiae 
regis duce i\b Hispania fugatus Africam petit. Gomes vero 
Veilici Barcinone occiditur '). 

[Ind. VI, 513] Probo V. G. cos. 

Post Marrium 2) Theodoricus Italiao rex Gothorum regit in 
Hispania annos XV, Amalarici parvuli tutelam gerens. 

Cassiodori Ghronicon, Roncallius II, 236. 

[Ind. 1 , 508] Venantius iunior et Geler. 

His coss. contra Francos a D. N. destinatur exercitus, qui 
Gallias Francorum depraedatione confusas, victis hostibus ac 
fugatis, suo adquisivit imperio. 

Marii Aventicensis Ghronicon, ßoncaillus II, 405. 
[Ind. II, 509] Importuno. 

Hoc cos. Mammo dux Gothorum partem Galliae deprae- 
davit. 



1) Vor d. 24. Juni 50S. I, 24 an alle Gotlien. 

* 

2) bald nach dem Einmarsch in d. Provence 508. III, 38 imVandil 

(„ipsa initia bene plantare debent nostri nominis faraam"). 
bald nach dem Einmarsch in d. Provence 508. III, 43 an Unigis 

(„cum . . Galhas noster exercitus intraverit"). 
bald nach d. Siege 508. Ill, 16 an Gemellus („Galliae nobis . . 

subjugatae"). 
bald nach d. Siege 508. III, 17 an alle Provinzialen (gleichzei- 
tig mit III, 16). 
nach dem Siege 508. IV, 17 an Ibas („gloriosum in bello- 

rum certamine"). 
nach dem Siege 508. III, 41 an Gemellus (später als III, 16. 
* 17). 

nach dem Siege 508. III, 42 an die Provinzialen (später als 
lU, 41). 

•) leg Hebbane, s. p. 88, n. 3. 

•) Die W^orte comes - occidit haben nur Scaliger und Basnagius. 
^) Scaliger und Basnagius lesen mit Recht post Alaricum, * 



151 



nach dem Siege 508. IH, 34 an die Marseiller („ad ordinatio- 

nem, defensionem" wird Maraba- 
dus gesandt). 

nach 508. V, 10 an die Gepiden ( „pro defensione 

generali custodiae causa" abge- 
^ sandt). 

nach 508. V, 11 an dieselben (später als V, 10). 

Die Briefe III, 34. V, 10, 11 gehören in die Zeit schon be- 
festigter Herrschaft, die übrigen sind früher. Ob 11,8. V, 13 
hieher »ehören, ist ungewiss. 

3) nicht lange vor 1. Sept. 509. IV, 36 an Faustus („per ind. HI. 

as publicus relaxalus"). 
nicht lange vor 1. Sept. 510. III, 32 an Ades („per ind. IV. re- 

laxata fiscalia tributa"). 
vorEintrittd.günsLFahrzt.510. 111,44 an Arles („cuqi tempus 

navigationis arriserit" »). 
nicht lange vor I. Sept. 510. UI, 40 an alle Provinzialen („per 

ind. IV. relaxata tributa- 

ria functio''). 

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? nicht lange vor 1. Sept. 510. IV, 26. 

4) nach Gesalichs Flucht 510. V, 43. 

nach Gesalichs Tod 511. V, 44 („Gesalecus quondam rex"). 

5) In spätere Zeit fallen: IV, 16. VUI, 10. 



8. 

Am Schlüsse unserer Untersuchungen wird eine kurze zu- 
sammenfassende Uebersicht über die Quellen von Gregors 
Nachrichten nicht unerwünscht sein. 

1. Annalistischen Aufzeichnungen entnahm Gregor 
die Nachrichten — 

a) II, 18. 19 über Ghilderichs kriegerische Thaten. 

b) II , 27 über den Krieg mit den Thoringern. 

c) II, 43 über Chlodovechs Tod. 



') Im Sommer ist im mittelländischen Meere westlich von Italien 
ständiger Nordwind. 



152 

d) II, 27 über den Fall des Reiches von Soissons *). 

c) II, 30 u. 37 die genaue Datirung des Krieges mil den 
Alamannen und mit den Westgothen, welche eine alle 
Handschrift hat (s. Bouquet II, praef. p.VIl). 

2. — legendenhafter, geistlicher schriftlicher oder münd- 

licher Ueberlieferung: 

a) 11,31 die Erzählung von Chlodovechs Taufe. Diese 
geht ohne Zweifel auf den alten Über vitüe Hemigii 
zurück , welchen Gregor als zu seiner Zeit noch vor* 
banden erwähnt. Vielleicht sind auch c. 29 u. 30 aus 
derselben Quelle '^). 

b) 11,37.38 die Nachrichten über den westgothiscten 
Krieg , die Annahme consularischer Insignien durch 
Chlodovech in Tx)urs. Sie beruhen wohl auf der in 
Tours erhaltenen Tradition. Ausgenommen ist das 
über Maxentius Berichtete. 

3. — der im Munde des frankischen Volkes zu seiner 

Zeit noch fortlebenden (zum Theil dichterischer) 
Ueberlieferung: 

a) U, 12 die Erzählung von GhilderichsVertreibung, Flucht, 
Rückkehr. 

b) 11, 27 die Schilderung des Märzfeldes. 

c) II , 32. 33 den burgundischen Krieg. 

d) 11,40.41.42 den Bericht über die Vereinigung des 
ripuarisehen Reiches und der kleineren salfränkischen 
Reiche mit dem Reiche Chlodovechs. 



•) Ganz sicher ist dies freilich nicht: doch dass es darüber anna- 
istische Aufzeichnungen gab, ist an und für sich nicht zu bezweifeln, 
und wird durch die in den Gesta c. 15 erhaltenen Nachrichten bewie- 
sen (s. oben p. 29). 

*) Das ist deshalb wahrscheinlirh , weil c 29, 30, 31 ein in demsel- 
ben Geiste geschriebenes Ganzes bilden, nämlich die Bekehrungsge- 
s chic hte Chlodovechs. — Aus den Worten c. 31 : „talemque ibi gratiam 
adstantibus Deus Iribuit, ut aestimarenl se paradisi odoribus collo- 
cari" darf man wohl schliessen, dass der Schreiber der Vita, welche 
Gregor benutzt, bei der Taufe anwesend war: er scheint demnach ein 
Remigius befreundeter Geistlicher gewesen zu sein. 



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